Von Barmädchen, Schlampen und Saloons oder Duisburg in der ZEIT

1540367_10151925574496927_991940460_oBisweilen kann man dem Duisburger durchaus vorwerfen einen Beissreflex zu haben wenn es um seine Stadt und das Positive geht, das in ihr vorhanden ist. „Ihr hab da doch schon sehr viel Schönes“, so sagt der Tourist, der nach Duisburg kommt und versteht nicht so ganz warum das „doch schon viel“ nicht so ganz als Lob verstanden wird sondern eher als Kritik an der Stadt und an dem Leben hier. Ja, man mag der Mentalität des Duisburgers vorwerfen, dass er tendenziell dazu neige die wunderbaren, einzigartigen Seiten der Stadt nicht zu sehen, die schönen Gärten, die wunderbaren Häuser, die Wonnen der Kunst und Kultur, die geschwungenen Grazien von Tiger and Turtle, ja, welche Stadt hat denn schon eine Sechs-Seen-Platte zu bieten?

„Es ist doch sehr viel Schönes hier“, ist der Tenor des Artikels von Hatice Akyün der man zumindest nicht den Vorwurf machen kann die Stadt nicht zu kennen. Obwohl sie mittlerweile nicht mehr hier lebt. Und sie bringt durchaus etwas auf den Punkt, was allgemein in diese Ruhrgebiets-Seligkeit-Romantik reinschwingt von der auch Duisburg profitiert. Vom Mythos der Kohle, des Stahls. Von einer Zeit in der man sich aufeinander verlassen musste tief in der Erde oder am Hochofen, als es noch ehrlichen Lohn für ehrliche Arbeit gab, als Zupacken und Solidarität im Vordergrund standen. Ja, das war mal so. Damals als man die Menschen importierte, damals als das Ruhrgebiet eine Region war in der die Kneipe an der Ecke der Saloon des Bergmanns war, dem die Frau am Ende der Woche möglichst rechtzeitig die Lohntüte abknüpfte damit der nicht eventuell zu viel Feierabend-Wochenenden-Bier vertrank. Ja, diese Zeit hat es gegeben – aber sie ist nicht mehr da. Das letzte Aufflackern von dieser Solidarität im Großen Stil – ich nehme die Empörung gegen Sauerland ausdrücklich davon aus, denn diese war eine andere Art, eher ein „Wegschieben“ -bezeigt der Name einer Rheinbrücke. Seitdem hat sich die Gesellschaft geändert und seitdem hat Duisburg es nicht geschafft sich selbst zu ändern. Der klassische Bergmann ist nicht mehr. Selbst die Stahlkocher sind in der Minderzahl. Dafür gibt es den Logport, dafür gibt es andere Bereiche in denen Duisburg eigentlich wachsen könnte. Aber Duisburg steht sich selbst im Weg. Wäre die Bardame etwas cleverer, wäre sie keine. Dann wäre sie nämlich im Management oder zumindest in einer Führungsposition und würde sich Gedanken darüber machen wie der Saloon auch zukünftig noch attraktiv genug ist um Kunden heranzulocken. Nicht, dass eine Barschlampe nicht auch an die Zukunft denken würde und gewiss gibt es Saloonmädchen mit Köpfchen – ob Duisburg aber dazugehört?

„Wer hat schon eine ganze Stadt von Verbündeten, die alle eine lebenswerte Stadt wollen, weil sie so rau und ehrlich und direkt ist, wie ihre Menschen, die man einfach lieben muss,“, schreibt Hatice Akyün. Um im Bild zu bleiben: Wir haben also einen Saloon, der nicht besonders viel was hermacht aber wir haben die besten Kunden der Welt. Schön wäre es ja wenn es so wäre – aber das Problem ist, dass die Menschen in dieser Stadt keine gemeinsame Vorstellung davon haben wie denn nun diese Stadt lebenswert und froh, optimistisch und wunderbar sein soll. Und auf Dauer wird es auch keine geben weil einerseits die Ziele der verschiedenen Stadtgruppen nicht übereinzupassen sind, andererseits hat man als Bürger bisweilen auch die Erfahrung gemacht dass die Vorstellungen zwar gerne gehört, aber selten konsequent umgesetzt werden. Es reicht halt nicht wenn man dem Saloon einen neuen Farbanstrich gibt und dabei die ramponierten Stellen der Vorbesitzer überstreicht – das klappt nicht. Und würde Hatice Akyün nicht nur ab und an zu Besuch sein sondern hier leben würde sie rasch erkennen, dass ihr gepredigter Optimismus – nach der My-Little-Pony-Devise „Freundschaft ist magisch“! – der Realität in dieser Stadt nicht standhalten würde. Es ist ja nun nicht so dass es nicht diverse Organisationen oder Versuche gibt ein wenig mehr Lebensqualität in die Stadt zu bringen. „Kants Garten“ etwa ist ja ein schönes Beispiel dafür, dass sich Anwohner durchaus um ihre Umwelt kümmern. Hier wird versucht dem Kantpark zumindest an einer Stelle ein neues Gesicht zu geben. Es gibt also engagierte Menschen, die in der Stadt und für die Stadt gutes tun – manche säubern sogar einmal im Jahr die Skulpturen im Kantpark – es gibt durchaus das Bestreben mit Initiativen in Ruhrort, in Vereinen, in Verbänden etwas zu tun. Aber – und da kommen wir zu einem Punkt, den Frau Akyün ausspart – das wird von den Sheriffs im Rathaus nicht unbedingt als Standortortvorteil gesehen. Überhaupt hat man den Eindruck, dass der Saloon Duisburg es am liebsten hat wenn keine Kunden vorbeikommen oder solche, die nicht die gewöhnliche Ruhe und den Anstand stören. Diese sind gern gesehen. Wer etwas mehr Lärm macht oder wer unbequem ist allerdings, wer aus einer bestimmten Vorstellung der Sheriffs wie bitteschön jetzt die Initiative auszusehen hat rausfällt – der wird entweder ignoriert, was noch die beste Option ist, oder er wird aus der Stadt gejagt. Mit Teer und Federn.

Gewiß, es gibt viel Gutes in Duisburg. Es gibt auch viele Initiativen – und es ist verwunderlich dass diese gerade nicht im Bericht auftauchen – die versuchen Menschen zu helfen. Es ist aber so als ob im Saloon sich jeden Abend die gleichen Cowboys treffen mit ihren vorgefertigten Ansichten und immer dieselben Gespräche führen. Da kann dann auch die Barschlampe mit dem goldenen Herzen auf lange Zeit hin gesehen nur kapitulieren weil es ihr nicht gelingt die Parteien ins Gespräch zu bringen. Aber das ist ja auch gar nicht das Ziel einer Barschlampe – das Ziel der Barschlampe ist egoistisch: Sie will überleben und muss es auf eine Art und Weise tun, die nicht gerade einen guten Ruf bringt. Ehrenrührig ist daran nichts, aber das lässt sich leider nur schlecht auf eine Stadt übertragen. Denn eine Stadt lebt von ihren Menschen und ja, diese gestalten die Stadt und die Atmosphäre natürlich mit. Wenn diese Menschen nun keinen Raum finden um die Stadt mitgestalten zu können oder zu dürfen dann darf man sich nicht wundern dass die Atmosphäre so ist, wie sie ist. Das nämlich ist das Komplizierte bei der Geschichte: Einerseits wird gefordert, dass man doch bitteschön mitmachen solle – und zwar GERN! – andererseits fehlt aber gerade der Platz und der Raum der Möglichkeiten für Ideen um die Menschen machen zu lassen. Man kann ja keinen Saloon aufbauen und hoffen, dass irgendwelche Cowboys schon irgendwann mal kommen werden. Klar kann man eine große Skulptur irgendwo auf einen Berg setzen, ob die dann aber zum Besucherhit wird lässt sich nicht voraussehen. Dem Management des Saloons Duisburg aber fehlt Weitblick, fehlt Innovation, fehlen Ideen. Da kann dann dann die Bardame noch so herzlich mit den Wimpern klimpern, kann ihr goldenes Herz ganz weit öffnen und jeden an ihren Busen drücken den sie mag – wenn das Management des Saloons scheiße ist, dann merken das die Kunden recht rasch und bleiben weg. Das Zeitalter des Wilden Westens ist gleichzeitig das Zeitalter des Biedermeiers.

Der gesellschaftliche Wandel lässt von der ehemaligen Solidarität und des herzhaften Zupackens des Bergmanns nicht viel übrig, da sich jeder in dem Zeitalter der Kurzzeitarbeitsverträge um sein Leben mühen und sorgen muss. Man kann dieser alten Gesellschaft nachtrauern, was in Duisburg viel zu oft und viel zu häufig getan wird, ja, man kann sich in das „Früher war alles viel besser“ hineinsteigern – es hilft aber nichts. Es wäre besser den Wandel mitzugestalten. Duisburg hätte sich schon lange neu erfinden können. Das hat es aber nicht. Und deswegen – so schön Duisburgs landschaftliche Ecken auch sein mögen, so toll die Menschen auch hier sind. Schöne Landschaft reicht nicht. Tolle Menschen reichen auch nicht. Was reicht? Die Idee eine Stadt, die gemeinsam mit allen Gruppen erarbeitet und umgesetzt wird. In einem ständigen Dialog, in einem ständigen Miteinander. Das ist nicht immer einfach, da werden auch Dinge dabei sein die nicht umgesetzt werden können, aber das ist immerhin ein besserer Ansatz als Einhörner, Regenbögen und Glitzer.

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