Wie man sich eine Museumsbilanz schönschreibt

Fotograf: Hans Peter Schaefer

Fotograf: Hans Peter Schaefer

Angekündigt war im November, dass die Findungskommission sich in Gesprächen mit anderen Bewerbern um die Direktion des Lehmbruck-Museums umtuen und dann ab dem 13.12. beraten würde. Dass die Interims-Direktorin jetzt für die nächsten fünf Jahre weiterhin die Geschicke des Lehmbrucks führt ist eine Entscheidung zu der man unterschiedlich stehen kann. Die Art und Weise der Bekanntmachung allerdings erfolgt abgesehen vom üblichen Ton einer Pressemitteilung in dann doch bedeutsamen Sätzen, das Wesentliche daran steht zwischen den Zeilen.

So möchte Frau Dinkla das „Haus auf die internationale Bühne“ zurückführen und impliziert damit, dass die Ära Stecker das Museum von derselben Bühne heruntergeholt habe. Betrachtet man im Nachgang die Erfolge unter anderem der Giacometti-Ausstellung – man befürchtete damals ja, des Besucheransturms nicht Herr zu werden – den großen Pressewiederhall und das Lob für die Jubiläumsausstellung der Knienden, ja, die hochgeschätzte Otto-Müller-Ausstellung ebenso wie das Hervorholen der Bildkopien alter Meister aus dem Depot so ist diese Äußerung unverständlich. Seit der Übernahme von Stecker mag nun nicht jeder Ausstellung das Herz der Duisburger erobert haben, aber diese Äußerung der jetztigen Direktorin wird unwidersprochen hingenommen.

Qualität entscheidet der Besucher, aber Kontinuität nach einem knappen halbem Jahr?

Über die Frage ob die Ausstellungen derzeit qualitativ wertvoll sind oder nicht kann man als Besucher nur für sich selbst eine Aussage und eine Bewertung treffen. (Meine Meinung dazu folgt in der nächsten PDF-Ausgabe.) Insofern mag in der Berichterstattung, die in der WAZ und der RP sich übrigens sehr ähnelt, diesem Kriterium nur der persönliche Stellenwert eingeräumt werden. Stirnrunzelnd aber frage ich mich, wie nach einem halben Jahr von „Kontinuität“ der Museumsarbeit geredet werden kann. Das wäre doch allenfalls nur denkbar, wenn eine bestehende Arbeit oder begonnene Arbeiten im Sinne der Politik eines Hauses weiter fortgeführt worden wären. Dies kann bei einer Versetzung des Direktors, der seine Nachfolgerin nun weder eingearbeitet hat noch diese an seine Herangehensweise führte ja wohl kaum behauptet werden. Allenfalls – so kann man mit Fug und Recht spekulieren – kann mit „Kontinuität“ dann in einem anderen Sinne nur die Weiterführung der Hauspolitik von Steckers Vorgänger, Brockhaus, gemeint sein. Dieser holte Dinkla ja schließlich ans Lehmbruck-Museum. Kontinuität ist nicht das aus dem Hut zaubern von Interims-Ausstellungen, weiser wäre es gewesen sich zumindest die laut Stecker noch geplanten Ausstellungen 2013 anzusehen und sich das halbe Jahr Zeit zu nehmen um für 2014 sauber und ordentlich zu planen. Was allerdings natürlich nicht passieren konnte, da Stecker ja eine Persona non grata wurde. Man mags bedauern, aber wenn Kontinuität ein Hinweis auf die Ära Brockhaus ist, dann hat das Museum an Attraktivität für gerade die, die später in der Zukunft zumindest einen Teil der Kosten tragen werden – nämlich Kinder, Jugendliche und Erwachsene um die 30 – jetzt schon verloren.

Gradlage wieder hergestellt?

Wie es finanziell um das Museum steht kann man nur mutmaßen. Erstaunlicherweise findet sich jetzt nicht ein Bericht nach dem anderen über grandiose Besucherzahlen, das Gewinnen von wunderbaren Sponsoren oder den vermehrten Anstieg von Dauerkarten in der Presse. Während damals allein die WAZ schon ganze Berichtsstrecken über (angebliche) Faux Pas‘ und interne Nickeligkeiten aus dem Museum füllen konnte ist – welch Wunder – von konkreten Zahlen oder Belegen keine Rede mehr. Seit 2010, so stehts in der RP, seien die Besucherzahlen kontinuierlich zurückgegangen;  die WAZ erklärt nur lapidar, die Besucherzahlen seien gestiegen. Dass innerhalb eines halben Jahres die Besucherzahlen rapide in die Höhe geschnellt seien, wäre ein Mirakel von der Art der Jungfrauengeburt. Dass mit dem Wechsel der Direktion – und hier ist wieder „Kontinuität“ im Spiel – diejenigen wieder ins Museum kommen, die von der Art und Weise von Steckers Vorgänger angetan waren und die jetzt offenbar wieder den alten Geist im alten Haus finden – das mag sein. Von einer Ausstrahlung in die Region und die Rückkehr auf eine wie immer international geartete Bühne zu reden impliziert aber auch, dass Besucher aus der Region kommen. Die Definition Region umfasst dann wohl auch sowas wie den Niederrhein oder Köln. Ob hierfür Daten erhoben werden ist fraglich, die übliche Nachfrage nach der Postleitzahl an der Kasse ist jedenfalls nicht gestellt worden bislang. Interessant wäre es aber. Denn schaut man sich die Berichterstattung über die Ausstellungen mal genauer an findet sich kaum was in der überregionalen Presse – den WDR mal ausgenommen, aber selbst der ist ja nicht überregional in dem Sinne. FAZ, WELT und Konsorten scheinen – zumindest liegt GENIOS und eine Untersuchung der Internetartikel der letzten Zeit das nahe – das Lehmbruck nicht unbedingt auf dem Bildschirm zu haben.

Dass diese positive Entwicklung, die das Kuratorium sieht, erneut ein Hinweis auf die Ära Brockhaus und deren Geist ist – was Dinkla als „Brockhaus reloaded“ kennzeichnen dürfte – darf wohl so verstanden werden. Gekonnt aber wird mit dem Hinweis auf steigende Besucherzahlen seit 2012  und deren Rückgang seit 2010 eine Begründungsrochade gemacht, die wirkt – aber nur dann wenn man sich ins Gedächtnis ruft was die eigentlichen Gründe für den Weggang Steckers waren. Es waren angebliche finanzielle Schwierigkeiten, mühlsteinartig wurde und wird das immer wieder und wieder zermahlen und durchgekaut. Ausgeblendet werden auch die Jahre seit dem Antritt von Stecker selbst – ob 2009, 2010 oder 2011 Besucherzahlen rückgängig waren oder nicht wird gar nicht in Betracht gezogen. Muss man auch nicht, denn es reicht ja wenn als Begründung neben den Finanzen – derer man durch Stellenabbau, Besetzung der Kassenkräfte durch Leiharbeiter unter anderem Herr wurde – einfach eine Behauptung in den Raum gestellt wird, die so erstmal weder widerlegt noch bewiesen werden kann. Vielleicht wird man das auch gar nicht tun, denn anno 2012 war es, als die Rheinische Post für alle Museen Duisburgs konkrete Besucherzahlen veröffentlichte wohl auch im Vergleich zu 2011. Momentan dauert das leider etwas, bis die Datenbank den Artikel nach der Bezahlung des Salärs rausrückt sonst wären die Zahlen hier zitiert worden – ist wohl der Jahreszeit geschuldet, aber die Zahlen werden nachgereicht.

Die Zukunft? Akzente?

Misst man das, was Dinkla selbst zu ihrem Antritt als Interimsleiterin sagte – es war die Rede davon dass das Museum ein „Labor für die Gesellschaft“ sein solle und dass sie für Partizipation und Kunst in neuen Medien stehe; an dem, was bis jetzt unter ihrer Leitung im Museum passiert ist so klafft – und das wird noch mal demnächst ausführlich erläutert werden – eine Diskrepanz zwischen Wort und Tat, die einen seltsamen Eigengeschmack hat. Kunst, so ließ sich Dinkla 1999 noch vernehmen, müsse sich in die Gesellschaft einmischen. Damit war sie wohl Stecker näher als ihr lieb sein mag. Es könnte sein, dass zum Thema der Akzente – das sich mit dem Thema der Ausstellung im HMKV in Dortmund momentan doppelt, nämlich der Frage nach „Geld oder Leben“ bzw. beim HMKV „Requiem für eine Bank“ – das Lehmbruck eine tolle, innovative Ausstellung zustande bringt. 2014 dürfte man dann auch wieder Mittel haben um Kosten für Fremdexponate sicherzustellen. Schließlich kann man nicht dauernd Sachen aus dem Depot kramen und neu in Szene setzen. Für den Übergang ist das sicherlich – und das sei hier eingeräumt – eine akzeptable Lösung, aber Innovativität kann man auch aus dem Depot gestalten. Für „Zeichen gegen den Krieg“ sind ja Mittel vorhanden, die Bundeskulturstiftung schießt zu. Und ob die Rekonstruktion der damaligen Standorte von Lehmbrucks Werken – inklusive Gummibäumen munkelt man – nett oder peinlich werden wird, wird abzuwarten sein. (Vorausgesetzt der Lehmbrucktrakt ist bis dahin fertig renoviert…) Allerdings: Wenn die „Kontinuität“ gewahrt bleibt wird das Museum 2014 langsam wieder in den Dornröschenschlaf versinken. Genau so wie der Rest der Hochkultur. Gibts eigentlich Schlafhauben mit dem wunderbaren „Ich HERZ Duisburg“-Logo?

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