Gesellschaft und Buchverlage

Jahrhundertelang war es nicht nur üblich, sondern selbstverständlich, die Rolle von Buchverlagen als Sachwalter von Auflagenproduktionen zu fassen. Mit dieser Sichtweise rückte ein Herstellungsverfahren und eine besondere Buchform in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Diese Beschränkung fiel nicht weiter auf, weil es innerhalb des Zeitraums kaum Alternativen gab. Historisch hätte allerdings deutlich werden können, dass diese Sichtweise nicht ausreicht. Buchrollen der Antike ließen sich z.B. nicht integrieren. Auch Wikipedia unterliegt mit dem Eintrag ‚Buch‘ dem umgangssprachlichen Verhalten – ein Vorgang, der übrigens gar nicht selten geschieht.

Eine Frage nach gesellschaftlichen Funktionen stellte sich nur in politisch brisanten Zeiten, wie z.B. in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts – oder im Nachhinein mit Bezug auf den Nationalsozialismus. Diese Sichtweise ist wie die Konzentration auf jene Sachwalterrolle an die Produkte von Verlagen gebunden. Nun sind aber Betriebe und Angebote zweierlei. Geht die gesellschaftliche Funktion in der Produktion und marktgebundenen Platzierung auf? Wäre dafür überhaupt ein Verlag erforderlich?

Michel Serres hatte in „Der Parasit“ (Suhrkamp) u.a. die gesellschaftliche Vermittlungsfunktion von Gewerkschaften behandelt. Was immer man auch von der reißerischen Formulierung halten mag, dass solche Vermittlungsfunktionen innergesellschaftlich in Anspruch genommen werden, weist über eine bloße Produktion und Platzierung hinaus. Verlage entwickeln Programme und stellen ein Lektorat zu Verfügung, das eine Vermittlung zwischen Autoren und Lesern vollzieht. Das neue eBook „Über die Kunst, klein zu verlegen“, hg. von Helge Bol und Mark Ammern, berücksichtigt diese gesellschaftliche Vermittlungsfunktion wie auch den historischen Wandel, der mit der ‚digitale Revolution‘ entstanden ist.

Der Verlag kündigt an: „Haben sich Buchverlage und ihre Produkt-Manager von der Gesellschaft verabschiedet? Glaubt man den verbreiteten theoretischen Grundlegungen, die bei der Auflagenproduktion ansetzen und in verschiedene Ausrichtungen und Wirtschaftsprinzipien differenziert werden, ist eine gesellschaftliche Relevanz kaum auszumachen.

In diesem Band wird ein alternativer Weg eingeschlagen: das Gewicht liegt auf der gesellschaftlichen Vermittlung zwischen Autoren und Lesern, unabhängig von historischen Buchformen. Mit den Essays gelangt das Interesse für Buchverlage in die Mitte der Gesellschaft, in die ‚digitale Revolution‘. Weil sich der Investitionsaufwand für eBooks in Grenzen hält, bietet diese Buchform eine besondere Chance für Klein- und Mikroverlage.

Es bleibt nicht aus, die Politik einbeziehen zu müssen, denn in Europa gelten eBooks bislang nicht als Bücher, sondern als Dienstleistung, als Konvertierungsresultat, dem weiter keine Beachtung zu schenken ist. Ein solches Verhalten ist nicht nur borniert, sondern auch geschäftsschädigend!“

Weitere Infos beim Verlag.

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Der Beitrag wurde zuerst für den Freitag erstellt.

2 thoughts on “Gesellschaft und Buchverlage

    • Die Probleme auf dem Buchmarkt, Heiko, sind vielfältiger und komplexer. EBooks sind (noch) preisgebunden, aber 19% MwSt sind alles andere wettbewerbsfähig, wenn eine Preisdifferenz zu Papierbüchern (7%) von Kunden verlangt wird. Und eine Frage nach ‚Buch an sich‘ lässt sich meines Erachtens gar nicht stellen, lediglich nach historischen Buchformen und deren gesellschaftlichen Bedingungen. Auch ist die Herangehensweise in dem angeführten eBook eine völlig andere. Nicht Bücher, sondern die Arbeiten von Verlagen stehen im Zentrum, im Zusammenhang mit der ‚digitalen Revolution. Ich kenne Wibkes Herangehensweise. Die Essays haben damit nichts zu tun. Wibke, so erhält man den Eindruck, will ihren Zuhörern die Angst nehmen – Die Essays des eBooks laufen unter ‚Philosophie‘ … wenngleich bisweilen sehr konkret …