Trauer um die Künste

Sad Women (Wikipedia)

R.I.P. Den Künsten ist gesellschaftlich das Ende beschieden: Durch Konservatismus, wirtschaftspolitische Diktion und schlicht durch Unkenntnis.

Im sogenannten Bereich ‘Kultur’ zu arbeiten, oder dem wirtschaftswissenschaftlichen Pendant, der sogenannten ‘Kreativwirtschaft’, kann aufgrund der seit einigen Jahrzehnten üblich gewordenen Konzentration auf  ‘Nachfrage’ zu depressiven Schüben führen, vielleicht nicht nur bei mir. Es gibt kaum noch Angebote, und falls es solche noch gibt, sind sie nur abseits der Öffentlichkeit zu finden.

Künstlerische Avantgarde, die sich durch die Produktion von Neuem, auf dem Markt durch Angebote auszeichnet, wurde fast vollständig verdrängt. Sucht man als Künstler einen Kontakt zur Wirtschaftsförderung, weil andere Förderungsmöglichkeiten kaum existieren, wird in der Regel schnell deutlich, dass für avancierte Angebote kein Markt gesehen wird. ‘Kreativität’ bezieht sich auf eine Befriedigung von Nachfrage, z.B. auf die Herstellung von Club-Musik, für die es innerhalb der Szene sogar Vorgaben gibt, Aufbauregeln, die Sequenzen und Takte anbelangen, Harmonievorstellungen, die in aller pophaften Konservativität allenfalls durch weitere Einschränkung auffallen, durch zelebrierte Grundtonorgien! Die Szene ist so innovativ wie es Malen-nach-Zahlen war und ist. Kinderkram. Konfrontiert man die Leute mit einem zeitgenössischen Stück Musik, das z.B. auf konzeptionellen Skalen basiert, trifft man leicht auf Unverständnis und die Frage, warum es denn bitteschön derart dissonant klingen muss. Das musikalische Verständnis hat Grundschulniveau. – Alternativ bleibt als Betätigungsfeld z.B. die Klassik, die geradezu zu einer Hitparade der Altertümer degeneriert ist.

Und Literatur? Auch diese Szene ist durch und durch konservativ ausgerichtet, auf eine Simplizität, die dem Anspruch genügt, Bücher für Klo, Bahn und Schlafsofa zu produzieren. Künstlerische Angebote? Nur wenn der Name der Autorin bzw. des Autors noch etwas hergibt, ein leises Versprechen auf Umsatz, wie z.B. bei Brigitte Kronauer und ihrem “Gewäsch und Gewimmel”. Dem Verlag sei Dank! Auch wenn bereits Kritiker (wie z.B. Ulrich Greiner in der ZEIT) begonnen haben, sich über den Konservatismus Gedanken zu machen, auch die Kritik ist in diese antikünstlerische Tendenz verstrickt. Sie hängt vielfach der literarischen ‘Moderne’ nach, nicht ihren experimentellen Richtungen, eher den bürokratischen! Vollständigkeit, eine Plausibilität, die an statistische Durchschnitte gemahnt, also all der gut-bürgerliche Traum vergangener Jahrzehnte, der längst zum Alptraum der Gesellschaft geworden ist, weil sich Streuungen nicht vermeiden lassen und weil ein Maß von außen selten angemessen ist!

Meine Trauer betrifft nicht die ‘Kultur’, dass es eine solche gibt, habe ich anderswo bezweifelt (“Zweifel an der Kultur”), sondern die Künste! Sie werden verdrängt, durch Konservatismus,  wirtschaftspolitische Diktion oder schlicht Unkenntnis. Kann es sich eine Gesellschaft ‘leisten’, auf zeitgenössische Künste zu verzichten. Offensichtlich. Kaum jemand bemerkt, was mitten unter uns geschieht. Und ich würde mich nicht wundern, bald zu hören: ‘Endlich sind wir sie los’.

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Der Text erschien zuvor beim Freitag.

7 thoughts on “Trauer um die Künste

  1. Mir ist auch nach mehrmaligem Lesen einfach nicht deutlich geworden, was Ihr Anliegen ist.
    Soll man sich öfter mal Dissonanzen anhören, weil es Künstler gibt, die gerne welche herstellen ? Oder soll ich mein Verständnis für Dissonantes grundsätzlich derartig vertiefen, daß ich dem so zugeneigt bin, wie der Produzent? Und das Produzierte ankaufe? Oder soll „die Avantgarde“ (welche? und wie erkenne ich die?) mangels anderweitigem Zuspruch stärker finanziell gefördert/subventioniert werden?
    Weder erschließt sich mir Ihre Trauer so recht, noch, was Sie zu debattieren wünschen.
    Erklären Sie mir auch bitte einmal, in einfachen Worten, was Sie glauben, dass mitten unter uns geschähe? Und nicht bemerkt würde?
    Und dann vielleicht noch, wieso Sie glauben, die Künste zu Grabe tragen zu müssen, ja es überhaupt zu können.
    Die Kunst lässt sich nach meiner Auffassung selbst dann, wenn sie an ihrem Ende stünde, nicht zu Grabe tragen.

    • Liebe Mimi Müller, es tut mir leid, dass Ihnen das Anliegen nicht deutlich wurde. Dort, wo der Artikel zuerst erschien, beim Freitag (s. Link) ist eine breite Diskussion entstanden. Ich mache in dem Artikel darauf aufmerksam, dass den zeitgenössischen Künsten und ihren Produkten keine öffentliche Aufmerksamkeit mehr geschenkt wird, ja sie gelangen kaum noch an die Öffentlichkeit, müssen sich mit Nebenschauplätzen (‚Untergrund‘) zufriedengeben, fernab der Öffentlichkeit. Nicht ich trage die Künste zu Grabe, es ist die Gesellschaft! Wie im kurzen Vorspann zu lesen ist, führe ich drei dafür Gründe an: „Durch Konservatismus, wirtschaftspolitische Diktion und schlicht durch Unkenntnis“. Besten Gruß.

  2. Werter Herr Matern,
    selbstverständlich las ich den von Ihnen verlinkten Artikel und auch die „breite“ Diskussion. Ich wundere mich sehr häufig darüber, wie eifrig heutzutage diskutiert wird, wo m. E. n. zunächst einmal Fragen zu stellen wären.

    Was Sie also dort wie hier schreiben, habe ich gelesen und insoweit erübrigt sich eine solche Zusammenfassung.
    Auch was Sie „machen“ ist mir klar – ich aber fragte: Was ist Ihr Anliegen?
    Und das fragte ich (exemplarisch) ganz praktisch.
    Und ich habe eine Reihe weiterer Fragen gestellt – die Sie ebenfalls nicht beantworteten.
    Wollen Sie das jetzt bitte nachholen?

    Zu Ihrer Einlassung, nicht Sie trügen die Künste zu Grabe, sondern es sei die Gesellschaft, möchte ich mich aber jetzt schon äußern:

    Das ist ja zunächst einmal doch Ihr Postulat:
    1. daß die Künste zu Grabe getragen würden und
    2. daß es die Gesellschaft sei, die sie zu Grabe trüge.

    Sie stellen 2 Behauptungen auf, auf die Sie sich dann im Folgenden beziehen.
    Beide Behauptungen sind zu bestreiten.

    • Liebe Mimi Müller,

      zunächst danke ich Ihnen, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, auch in den ‚Freitag‘ zu schauen. Viele ihrer konkreten Fragen stellen mich vor ein Problem: Dissonanzen können z.B. nur im Rahmen eines Bezugsystems auftreten. Was im Rahmen einer funktionsharmonisch tonalen Struktur als eine Dissonanz bezeichnet werden könnte, wäre in einem anderen Bezugsystem, in dem die Töne/Klänge zum ausgewählten Tonraum gehören, keine. Wenn z.B. eine Tonskala das Bezugssystem bildet und eine Klangfolge an dieses System gebunden ist, treten gar keine Dissonanzen auf, auch wenn sie funktionsharmonischen Gewohnheiten nicht entsprechen. Es geht ja nicht um Gewohnheiten, sondern um Musik, zumal um neue. Ich will jedoch an einem Ort wie diesem keinen Musikunterricht geben …

      Das Besondere an künstlerischen Gestaltungen ist, im Kontrast zum Kunsthandwerk, dass auch Form in die Gestaltungen einbezogen wird, egal in welcher Sparte. Und Richtungen, die sich innerhalb der Künste auch mit der Herausbildung neuer Formen beschäftigen, werden üblicherweise als Avantgarde bezeichnet. Entscheidend ist, dass nicht einfach etwas aufgewärmt wird.

      Dass die Künste zu Grabe getragen werden, ist kein Postulat von mir, sondern schlicht eine Umschreibung der Tatsache, dass die zeitgenössischen Künste gesellschaftlich kaum noch eine Rolle spielen. In der Diskussion hatte ich ein Beispiel angeführt. WDR3 hatte vor Jahrzehnten noch Neue Musik vorgestellt, macht dies jedoch nicht mehr. Ein weiteres Beisp. ist im Text angeführt: Inzwischen beginnen sogar Literaturkitiker über den Konservatismus auf dem Buchmarkt zu klagen.

      Und praktisch: auch dies wird aus dem Artikel deutlich: Ich möchte, dass die Künste nicht im gesellschaftlichen Zwielicht des Untergrunds verschwinden … Aber vielleicht haben sie längst verstanden, können nur mit den zeitgenössischen Künsten nichts anfangen?

  3. Herr Matern,

    ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre fein gegurgelten und in wohlgestelzte Worte gekleideten Belehrungen.

    Sie vermuten richtig, daß ich Sie (spätestens nach Ihrer ersten Auslassung) verstanden habe.

    Und nun dürfen Sie, weil wir bei mir Konservatismus und wirtschaftspolitische Diktion definitiv ausschließen können, gern meiner tiefen Unkenntnis zuschreiben, daß ich Ihren „Künstebegriff“ nicht teile.

    Was Sie unter zeitgenössischer Kunst verstehen, das ist für mich eine intellektuelle Spielwiese, deren Protagonisten in regelmäßigen Abständen die schaurigsten Klagelieder und Abgesänge anstimmen, weil die geistigen Purzelbäume, die sie schlagen, nicht ausreichend Beachtung finden. Warum das so ist und welche Konsequenzen daraus zu ziehen wären – das zu ergründen, wäre der Kunst förderlich. Aber sie wird stattdessen zu Grabe getragen, die Totengräber ausgemacht: die Gesellschaft im allgemeinen, im Besonderen aber die Ewiggestrigen, die Profitstreber und die „in Unkenntnis“ (was zugegebenermaßen auch viel hübscher klingt als die Doofen).

    Gegen die Spielwiese habe ich nicht einmal etwas einzuwenden, wohl aber dagegen, daß die, die sich auf diesem Felde tummeln, meinen, ihre Beobachtungen der Welt wären allgemeinverbindlich und die dann mit einer maßlosen Arroganz und/oder herablassender Belehrung jedem entgegentreten, der ihre Auffassung nicht teilt. Und die es „blendend“ verstehen, Debatten dezent ad acta zu legen, wenn sie drohen, nicht den gewünschten Verlauf nehmen. „Endlich sind wir sie los“.

    Abschließend.Und mit
    besten Grüßen

    • Liebe Mimi Müller,

      fraglos sind die Künste auch eine intellektuelle Spielwiese. In Literatur, Musik und in den Erzeugnissen anderen Sparten geschieht ja auch etwas, sprachlich, klanglich usw. Bloß mit Gefühl kommt man dem nicht nahe. Wie dem auch sei, ich danke Ihnen herzlich für dieses Gespräch und verabschiede mich ebenfalls.

      Besten Gruß
      Reinhard Matern