Frank Knott, aktiver „Mitläufer“ über „fast unglaubliche Zustände“ im Jobcenter

knottWie viele von Euch wissen, bin ich mittlerweile mehr oder weniger Vollzeit-Mitläufer. Das bedeutet, ich begleite durchschnittlich zwei, drei Menschen pro Tag zu irgendwelchen Ämtern. Naturgemäß ist mein Haupt-Betätigungsfeld das Jobcenter. Dies bezieht sich auf sämtliche Jobcenter in Duisburg und in den umliegenden Städten. Diese Woche hatte ich wieder mal einen Begleittermin, ich schreibe nun bewusst nicht, in welchem Jobcenter.

 

Der Termin lief eigentlich soweit okay und das Problem des Betroffenen, den ich begleitet habe, war innerhalb weniger Minuten geklärt. Da ich aber bei der/die Sachbearbeiter/in schon öfter wegen anderer Fälle war, kamen wir nach dem eigentlichen Gespräch mehr oder weniger privat ins Plaudern.

 

Dabei berichtete er/sie mir über für mich fast unglaubliche Zustände bei der Behörde hier vor Ort in Duisburg. Bewusst werde ich hier keinen Namen oder auch nur das Geschlecht nennen, weil ich nicht möchte, dass es dem Gesprächspartner so geht wie Inge Hannemann, deren Story ja jeder kennt.

 

Mir wurde berichtet, das derzeit ein solch enormer Mitarbeiter-Mangel (speziell in der Leistungsabteilung) herrsche, dass die Mitarbeiter bis zu 300% ihres normalen Pensums schaffen müssen. Obwohl wir momentan noch nicht mal Urlaubszeit haben, hier in NRW fängt sie ja erst später an.

 

 

Befristete Arbeitsverträge von Sachbearbeitern werden prinzipiell nicht verlängert, weil sie in diesem Fall aus rechtlichen Gründen zu unbefristeten Verträgen werden müssten. Folglich mussten einige Kollegen, die bisher Ihrer/seiner Meinung nach gute Arbeit geleistet haben, das Amt ungerechtfertigt verlassen und seien nun selbst arbeitslos.

 

Er/sie berichtet weiter, das es hier vor Ort einen extrem hohen Krankenstand der Mitarbeiter gäbe, weil der durch die Leitung des Jobcenters ausgeübte psychologische Druck auf die Mitarbeiter sehr hoch sei. So werde zwar jede Woche neu versprochen, dass mehr als hundert neue Mitarbeiter eingestellt werden sollten.

Davon sei jedoch nie etwas zu sehen gewesen, einmal ganz abgesehen davon, dass neue Mitarbeiter auch erst einmal geschult werden müssten. So sei es um die Arbeitsbedingungen im Jobcenter bestellt, und die machten die Menschen nun einmal krank. Die Mitarbeiter wüssten nicht mehr, wie sie weiter mit den Aktenbergen umgehen sollten.

 

Diese Fehlentwicklung bedeutet für die „Kunden“ z.B., dass Erstanträge auf ALG II (Hartz IV) vier Monate lang unbearbeitet auf dem Aktenberg lägen. Es gebe eine Anweisung der Leitung, so der/die Sachbearbeiter/in, zeitnah nur noch Fälle zu bearbeiten, wenn sich Menschen konkret vor Ort beschweren.

 

Terminwünsche bei der Leistungsabteilung würden im Grunde prinzipiell nicht bearbeitet. Die Mitarbeiter der Leistungsabteilung hier vor Ort wissen nicht mehr ein und aus. Aus ihrer Sicht ist das System „Jobcenter“ dabei zusammenzubrechen. Es werde nur noch auf den Rücken der Betroffenen – Mitarbeiter wie Leistungsempfänger – irgendwie am Leben erhalten.

 

Mir kam in diesem Gespräch der/die Mitarbeiter/in extrem resigniert, aber auch absolut glaubwürdig vor. Aus meiner täglichen Arbeit als Mitläufer, der ja auch sehr viel mit der Leistungsabteilung zu tun hat, kann ich jedes Wort bestätigen. Ich frage mich: Wie lange soll das, wie lange kann das noch so weitergehen?

 

Meine Bitte: lasst Euren Unmut nicht an den kleinen Sachbearbeitern aus! Den meisten von ihnen geht es, wie hier beschrieben. Und bedenkt bitte: Der Fisch stinkt immer vom Kopf herab. Nicht die Sachbearbeiter sind die Schuldigen an den Zuständen; das sind in den meisten Fällen Menschen wie Du und ich. Die Fehler werden in den höheren Etagen gemacht.

 

Lasst uns dafür sorgen, dass diese Zustände geändert werden! Sie müssen publik zu gemacht werden. Jede Journalistin und jeder Journalisten, jede Politikerin und jeder Politiker muss über diese Zustände Bescheid wissen! Niemand soll sich mehr damit herausreden können, nichts gewusst zu haben! Wir müssen Druck aufbauen – nicht auf die kleinen Sachbearbeiter, sondern auf die große Politik.

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