„You’re lucky – I’m a civilized man“ Zivilisiert und stolz darauf

Die Weisheit entstamme einer alten hanseatischen Kaufmannsschule, schreibt Jason, der Karussellbremser. “Es ist nicht maßgeblich, was Du sagst. Entscheidend ist, was Dein Gegenüber versteht!” Um ehrlich zu sein: Gefallen tut es mir nicht. Schließlich möchte ich doch Herr über meine Worte bleiben und sie nicht dem Verständnis meines Gegenübers anheimstellen. Oder gar seinem Missverständnis, Falschverständnis, Unverständnis oder was auch immer sich in seinem Hirn abspielen mag. Aber die Welt ist leider nicht so, wie sie sein soll. Da hatten die alten Hanseaten schon Recht. Entscheidend ist, was die Leute verstehen. Dumme Sache; zumal, wenn man dann auch noch in der kaufmännischen Rechnung berücksichtigt, dass nicht wenige Leute einen Hang dazu haben, das zu verstehen, was sie verstehen wollen.

 

Wenn zum Beispiel über dem Artikel in der Lokalausgabe Duisburg-West, der sich heute mit den neuen Einwanderern in Rheinhausen-Bergheim befasst, die fette Schlagzeile steht „Erst zivilisieren, dann integrieren“, was werden die Leute dann wohl verstehen wollen?! Genau so steht es aber da, online (mittlerweile geändert, W.J.) wie auch auf der ersten Seite der NRZ- und WAZ-Ausgaben für den Duisburger Westen. Dicker Aufmacher, nicht zu übersehen. „Vermutlich haben sich“, meint der Karussellbremser, “der Hälfte der Leser jener Überschrift `Erst zivilisieren, dann integrieren´ die Fußnägel aufgerollt, während sie unter Schnappatmung ins Sauerstoffzelt wankten. aber langsam, bevor unnütz steigender Blutdruck Adern schwellen lässt!“ Jason ist Engländer; er meint es gut mit uns Deutschen. Vermutlich liegt er nicht ganz richtig, wenn er der Hälfte unserer Landsleute antirassistische Reflexe unterstellt.

 

Obwohl: wir sind selbstverständlich zivilisiert. Das ist ja klar, und genauso klar ist: das bringt nur wirklich dann etwas, wenn es Andere gibt, die eben nicht zivilisiert sind. Sprich: unzivilisiert. Sonst könnte man sich die ganze Sache ja auch gleich schenken. Schließlich hätten wir ja nichts davon, zivilisiert zu sein, wenn sozusagen Alle zivilisiert wären. Gott sei Dank sind sie es aber nicht. Wie alle Karussellbremser von Rang und Namen ist natürlich auch Jason zivilisiert, fragt sich aber nach der Lektüre des besagten Artikels aus dem Duisburger Westen: „Ist Südosteuropa wirklich unzivilisiert?“ Nun, das kann man selbstverständlich so nicht sagen. Angefangen bei den Kroaten über die ganzen anderen Jugoslawen, die Ungarn, Rumänen und Bulgaren bis hin zu den Griechen. Der Balkan eben – etwas wild noch, aber doch einigermaßen zivilisiert.

 

Südosteuropa als Ganzes ist also nicht „wirklich unzivilisiert“, das behauptet ja auch niemand; allerdings: wie jeder weiß, kommen von dort so Leute, etwa aus Rumänien und Bulgarien… – wobei auch dort die meisten natürlich Rumänen und Bulgaren sind, und keine… Mensch! Wie muss man denn nochmal sagen?! – Ach so,Rom – wie lustig – heißt Mensch, Roma ist der Plural, also: Menschen. Und so darf man sie dann auch nennen, ohne dass es sofort wieder heißt… Lassen Sie mich es mal so sagen: natürlich sind auch Zigeuner Menschen. „Keine Menschen“, das behauptet ja auch niemand; allerdings: keine zivilisierten. Und das ist der springende Punkt! Wir sind zivilisiert, die nicht. Tja, so sieht es nun einmal aus. Eigentlich durfte man das so auch wiederum nicht sagen, doch seit dem Artikel in der NRZ / WAZ ist nun Gott sei Dank alles anders. Schlagzeile: „Erst zivilisieren, dann integrieren“.

 

Vasilka Bettziche

Vasilka Bettziche

Kronzeugin: Vasilka Bettziche, Vorsitzende des Vereins „Stimme der Migranten“ und selbst, wie es im Artikel heißt, „assimilierte Roma“. Der Hammer! Ich meine, wenn die es schon selbst sagen! Die Integration der Roma steht nämlich erst an zweiter Stelle, sagt Frau Bettziche: „Zuerst müssen diese Menschen zivilisiert werden.“ Viele aus dem Haus – also dem sog. „Problemhaus“ in den Peschen – würden kein fließendes Wasser kennen, hätten noch nie in ihrem Leben einen Postboten gesehen oder eine Treppe geputzt, steht in der Zeitung. Junge, Junge! Das ist ja so wie bei den ersten türkischen Gastarbeitern, die Anfang der 60er Jahre nach Deutschland kamen. Wobei Zivilisation vermutlich noch mehr ist als einen Postboten zu sehen oder zu lernen, eine Treppe zu putzen. Vermutlich. Was heißt schon „zivilisiert“? Hauptsache: wir sind es!

 

„Zivilisation“ – schauen wir bei Wikipedia, finden wir diverse Definitionen: Umgangssprache, politischer Kampfbegriff, wissenschaftliche Erörterungen. Am wichtigsten freilich auch hier die Arbeit von Norbert Elias über den Prozess der Zivilisation, die Zivilisierung „als einen langfristigen Wandel der Persönlichkeits-strukturen, den er auf einen Wandel der Sozialstrukturen zurückführt“, beschreibt. Darin untersucht Elias den Zivilisationsprozess in Westeuropa im Zeitraum von etwa 800 bis 1900 n. Chr. Nun gab es bekanntlich sowohl zuvor als auch andernorts andere Zivilisationen, worauf an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann. Wie auch immer: 800 n. Chr. waren die Roma längst in Europa. Jedoch ohne eigenem Siedlungsgebiet, geschweige denn Staat. Der Prozess der Herausbildung von Nationalstaaten begann erst wesentlich später.

 

Als marginalisierte und diskriminierte Ethnie sind die Roma all die Jahrhunderte nirgends über eine – bestenfalls – gesellschaftliche Randstellung hinaus gekommen. Eine Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen mit den daraus resultierenden Umformungen der individuellen Persönlichkeitsstrukturen war den Angehörigen der Roma-Völker unmöglich. Kurz: der Prozess der Zivilisation schritt ohne die Roma voran. Im xtranews-Magazin hatte ich vor Kurzem darauf aufmerksam gemacht, dass „die Annahme, spätestens während des Kalten Krieges sei den Roma unter kommunistischer Herrschaft – wenngleich nicht ganz freiwillig – eine Art Zivilisationsschub zugute gekommen“, unzutreffend ist. Zwar ging es den Roma zu kommunistischen Zeiten besser als jemals zuvor (und danach), eine systematische Integrationspolitik hatte es aber in keinem der völlig verschiedenartigen Balkanstaaten gegeben.

 

Ist es also gestattet, hatte ich im soeben zitierten Aufsatz gefragt, „darüber zu reden, dass bei den Roma – jedenfalls bei denjenigen Roma, die frisch vom Balkan zu uns kommen – der Prozess der Individualisierung noch nicht so weit fortgeschritten ist wie etwa hierzulande. Was ist, wenn die Roma tatsächlich in einer vormodernen Gesellschaftsstruktur aufgewachsen sind und mangels Integration immer noch leben?“ – Rhetorische Fragen; denn ich denke freilich schon, dass es gestattet sein muss, darüber zu reden. Allein: „Es ist nicht maßgeblich, was Du sagst. Entscheidend ist, was Dein Gegenüber versteht!” Und so hätte es mich kaum gewundert, wenn mir nach Veröffentlichung des xtranews-Magazins ein Rassismus-Vorwurf gemacht worden wäre. Vielleicht hatte ich einfach nur Glück, dass die entsprechenden Leute den Artikel nicht gelesen hatten.

 

Daniel Cnotka wird dieses „Glück“ nicht vergönnt sein. Sein Artikel erschien in der NRZ, in der WAZ und auf derwesten.de. Vasilka Bettziche, die ihm im Gespräch anvertraut hatte, dass „zuerst diese Menschen zivilisiert werden“ müssen, bevor Integrationsmaßnahmen überhaupt greifen können, kann kein Rassismus vorgeworfen werden, da sie ja selbst eine Roma ist. Zumal Frau Bettziche auch völlig Recht hat. Etwas Anderes ist, dass Cnotka diesen Umstand in die reißerische Schlagzeile „Erst zivilisieren, dann integrieren“ und vorn auf die Lokalzeitung gepackt hat. Gewiss, Journalisten haben über die Dinge so zu berichten, wie sie sind. Doch Cnotka hätte auch wissen sollen, was Wikipedia weiß: dass man mitunter nämlich unter dem Begriff „Zivilisation“ eine wertende Definition versteht: „positiv im Sinne von Gesittung und Lebensverfeinerung… oder im Sinne eines, als überlegenen empfundenen, Zustandes einer Gesellschaft“.

 

Schon am heutigen Tage hat sich gezeigt, dass Cnotka mit der Bezeichnung der Roma als „unzivilisiert“ unfreiwillig Personen geistiges Futter liefert, denen vielleicht nicht unbedingt der Zustand unserer Gesellschaft, dafür aber die eigene Gesittung und Lebensverfeinerung dermaßen überlegen erscheint, dass ihnen Menschen, die anders sind, erst recht aber die, die sich noch auf einer früheren Zivilisationsstufe befinden, unterlegen vorkommen. Und deren Stolz auf Eigenschaften, die nicht im geringsten ihr Verdienst sind, sie in den Hass auf Menschen treibt, die sie als minderwertig empfinden. Schlimmer noch: sie rechnen sich diesen Herrenmenschenblick auf ihres Erachtens „untere Menschen“ gleichsam als Ausdruck eigener Zivilisiertheit an. Dabei ist solch paranoide „Abgrenzung nach unten“ der Ausdruck des Gegenteils.

 

Sichtbar wird der unterschwellige Neid auf Andere, denen die Zumutungen der Triebunterdrückung erspart zu bleiben scheinen, und die quälende Ahnung davon, dass die eigene Zivilisiertheit auf hauchdünnem Eis steht. Sichtbar wird der Hass auf unerklärliche Menschen, denen es offenkundig so dreckig geht, dass man sich eigentlich gar nicht einfühlen möchte, die aber dennoch irgendwie besser gelaunt zu sein scheinen als das eigene Ego, das sich stets und ständig in die Zwänge dessen einpressen lassen muss, was wir Zivilisation nennen. Ja, es ist schon schön: warmes Wasser aus der Wand, gutes Gehalt auf dem Konto, und die Kinder kommen in der Schule voran. Es ist aber auch Alles ganz schön stressig, und es nervt! Wieso eigentlich kümmert sich niemand mal um uns? Warum kümmern sich alle um diejenigen, die bester Laune in das nächstbeste Gebüsch kacken? Scheiß Zivilisation!

 

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