Lust auf Literatur?

Literatur in einer Zeit des Übergangs … – oder ist das schon das Ende?

TabletMan kann Zweifel haben, ob ein gesellschaftliches Interesse an unbekannten Texten besteht. Noch weitaus stärkere Bedenken im Hinblick auf ungewöhliche! Wir leben in einer ‚Aufmerksamkeitskultur‘, in der von den Presse-Medien stets zu berücksichtigen ist, wie groß und angemessen die Breitenwirkung sein wird. Diese Medien leben u.a. vom Bekanntheitsgrad der Organisationen und Menschen, über die sie berichten. Man stelle sich vor, SPIEGEL, ZEIT, FAZ … ARD, ZDF … würden sich mit Literatur aus kleinen, unbekannten Verlagen beschäftigen, Literatur, die es nicht einmal in die Auslagen von Buchhandlungen schafft. Ein Skandal! Völlig unabhängig von der Frage nach Qualität. Und die meisten Leser erfahren erst gar nichts. In der Kultur haben sich auf geheimnisvolle Weise feudalistische Sozialstrukturen bis heute erhalten.

Soziale Medien’ eröffneten alternative Wege, Produkte vorzustellen. Schaut man sich jedoch typische Orte innerhalb der Portale und Plattformen an, erlebt man eine Schwemme von Produkten, die vor allem durch ‘Selfpublisher’ hervorgerufen wird. Kein Buch überdauert fünf Minuten. Die Präsentationen stapeln sich wie Bücher in einer Kiste, deren offener Boden ins Nirgendwo führt. Spezielle Gruppen dieser Anbieter beschäftigen sich hingegen mit technischen und kaufmännischen Fragen. Texte, dieser Eindruck lässt sich derzeit durchaus gewinnen, interessieren nicht. Literaturinteressierten Anbietern bleibt innerhalb dieser Medien fast nur der jeweils eigene Freundes- bzw. Fankreis. Immerhin.  Und Lesern?

Obwohl die Möglichkeiten bescheiden sind, gibt es Kleinverlage, die z.B. auf hochwertige Belletristik und Philosophie setzen, ohne jemals auch nur die Chance zu erhalten, ans große Publikum zu gelangen. Und kaum jemand versteht, wie man sich als Autor an einen Kleinverlag wenden kann, der (a) über keine eingespielten Verbindungen zur auflagenstarken Presse bzw. zu Sendern mit Reichweite verfügt, (b) sogar branchenintern kaum Beachtung findet. Es geht den großen und mittleren Verlagen nicht allein um Qualität, sie haben auch programmatische Ausrichtungen, zudem Haltungen und jeweils ein Image. Nicht alles mit Qualität ließe sich integrieren, zumal in Zeiten von Marktkonzentration und den eindringlicher gewordenen Fragen nach Marktgängigkeit, entweder aus streng kapitalistischen Interessen oder aus dem Bedürfnis heraus, einige wenige Bücher mit Qualität durch andere mitzufinanzieren. Und nicht selten sind die Kriterien für Qualität ziemlich eingefahren, um nicht zu sagen: verstaubt wie eine alte, mottenzerfressene Perücke!

Es war Michael Krüger (Hanser Verlag), der kurz vor seinem Abtritt alle Hoffnungen auf die Kleinverlage setzte, ihren Mut, sich auch um Neues in der Literatur zu kümmern. Dies ist ihm hoch anzurechen! Den Abschied vom Roman hatte er bereits viel früher exerziert (“Das Ende des Romans. Novelle”. Residenz Verlag. Salzburg/Wien. 1990. 127 Seiten.)

Bücher aus Kleinverlagen hätten es durchaus verdient, Beachtung zu finden. Man müsste jedoch bereit sein, literarisch Neues zu suchen und aufnehmen zu wollen. Nicht immer verfolgen Kleinverlage die Strategie, literarisch oder theoretisch Neues zu verbreiten, sie folgen zum Teil den größeren Verlagen, in Hoffnung auf eine brancheninterne und mediale Aufmerksamkeit. Diese Strategie kann kaum literarisch begründet werden, eher betriebswirtschaftlich. – Was ich beispielsweise unter neu verstehe? Lesen Sie mal “Papageno in Parga” – oder besser nicht! Der Text könnte Sie bedrohlich  irritieren …

Der Beitrag ist zuerst beim Freitag erschienen.

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