Hochfelder Zuzugsdebatte: Kiezerklärer Michael Willhardt unter Beschuss

Der Soziologe Michael Willhardt gilt als überregional bekannte Stimme in der Hochfelder Zuzugsdebatte.

In der Heimat Hochfeld beim Roten: Willhardt (links) mit Kunsthistoriker Roland Günter. Foto: Icke

In der Heimat Hochfeld beim Roten: Willhardt (links) mit Kunsthistoriker Roland Günter. Foto: Meiser

Mit seiner Methode, den Zuzug von Süd-Ost-Europäern in den Stadtteil sowie die Untätigkeit öffentlicher Instanzen wie Stadt und Bundesregierung scharf zu kritisieren und dabei „nicht uneigentlich sein Gesicht in jede Kamera zu halten“, wie ihm unterstellt wird, gilt der professionelle Öffentlichkeitsarbeiter als umstritten im problemgeplagten Kiez.

Nun kritisieren seine Nachbarn Willhardts alarmistischen Ansatz in einem offenen Brief; leider ziehen sie es vor anonym zu bleiben.

„Sehr geehrter Herr Willhardt,

Sie haben bereits offene Briefe geschrieben, mit JournalistInnen gesprochen und sind im Fernsehen aufgetreten. Wir – Ihre Hochfelder NachbarInnen – wenden uns nun in einem offenen Brief an Sie, da wir Ihre Aussagen nicht länger unkommentiert stehen lassen wollen.

Wir haben uns Ihren Gastauftritt in der Sendung “Menschen bei Maischberger” angesehen und fragen uns was Sie damit bezwecken wollen? Warum stellen Sie falsche Tatsachenbehauptungen auf? Ihre Schuldzuweisungen, dass für die kaputten Kirchenfenster ZuwanderInnen aus Rumänien bzw. Bulgarien verantwortlich sein sollen, wurden bereits vor anderthalb Jahren von der evangelischen Gemeinde Hochfeld zurückgewiesen. Sowohl der Pfarrer, als auch der Vorsitzende des Presbyteriums und Kirchmeister stellten klar, dass es kaputte Fenster auch schon früher, vor dem Zuzug aus Südosteuropa immer wieder gegeben hat. Ebenso sagten diese im Bezug auf die Unsauberkeit des Stadtteils, dass es sich dabei um ein „langjährig bekanntes Problem“ handelt, welches nicht einer bestimmten Gruppe angelastet werden kann. Und was machen Sie? Sie gaukeln vor, dem Stadtteil eine Stimme zu geben (wie es in dem offenen Brief an den Innenminister Friedrich heißt) und verbreiten dabei schlichtweg Lügen!
Wissen Sie eigentlich, was Sie damit bewirken? Sie schüren massiv rassistische Vorurteile! Vor dem Hintergrund ihrer Bildung, die Sie selbst gerne hervorheben (z.B. in dem offenen Brief an Janssen vom Juli 2011, wo Sie sich und Ihren Verein Zukunftsstadtteil als die “letzten gebildeten Menschen” in Hochfeld darstellen), müsste Ihnen das bewusst sein. Deswegen stellen Sie sich auch in der Sendung bei Maischberger als vermeintlicher Altlinker dar um jeglichen Rassismusvorwurf von sich weisen zu können. Aber so einfach funktioniert das nicht!
Außerdem: Was soll eigentlich die in der Sendung von ihnen aufgestellte Behauptung sie seien nach Hochfeld gezogen, weil es ein “bunter Stadtteil” ist? Waren es nicht eher die attraktive innenstadtnahe Lage, die beliebten Altbauten und der Gedanke den Stadtteil zu gentrifizieren, die Sie nach Hochfeld getrieben haben? (Das haben Sie in der Vergangenheit mehrfach angedeutet, u.a. in ihrem letzten Monat verschickten Brief an den Innenminister Friedrich und in einem Interview mit der WAZ Anfang September 2011.) Und nun passt es Ihnen nicht in den Kram, dass Ihr Wunsch nach Gentrifizierung durch die neue Zuwanderung in weite Ferne rückt.

In der Sendung bei Maischberger hatten Sie gesagt, Sie fühlen sich diskriminiert. Wer diskriminiert Sie denn und was wird Ihnen aufgrund dieser “Diskriminierung” verwehrt? Zugang zu Wohnraum, Arbeit, Gesundheitsvorsorge, Bildung, soziale Kontakte? Sie als männliches Mitglied der Mehrheitsgesellschaft, mit einem akademischen Bildungsweg, Immobilieneigentum und einer Erwerbsmöglichkeit sind einer der privilegiertesten Bürger Hochfelds. Wissen Sie eigentlich was Diskriminierung bedeutet? Vielleicht können Ihnen das die aus Bulgarien und Rumänien zugewanderten Menschen erklären.
Bei Maischberger haben sie behauptet, dass Sie mit diesen aufgrund der Sprachprobleme nicht kommunizieren können. Einige Ihrer Bekannten aus dem Klüngel-Klub können aber durchaus mit den zugewanderten Menschen reden. Das müssten Sie doch mittlerweile mitbekommen haben. Es ist ja auch nicht so, dass Sie keinen Dolmetscher besorgen könnten, wenn Sie es wollen würden. Achja, da waren ja noch die Ressentiments, die eine Kommunikation behindern sollen; Ressentiments seitens der ZuwandererInnen, haben sie bei Maischberger gesagt. Nach jahrzehnte- bis jahrhundertelanger systematischer Diskriminierung seitens der Mehrheitsgesellschaft sollte es nicht verwunderlich sein, dass man Sie nicht mit offenen Armen zum Teetrinken einlädt.
Aber sehen Sie eigentlich nicht, dass Sie derjenige mit den Ressentiments sind? Sie haben Musiker im Verein und wollen durch diese eine Kontaktaufnahme versuchen, so ihr Plan, den Sie in der Sendung bei Maischberger geäußert haben. Wie kommen Sie überhaupt auf die Idee Musik sei der Schlüssel zur Kommunikation? Erstens gehen Sie davon aus die zugewanderten Menschen seien durchgehend Roma, was nicht der Realität entspricht. Zweitens bedienen Sie sich der antiziganistischen Vorstellung von umherziehenden und musizierenden Roma, was eine Stigmatisierung westlichen Ursprungs darstellt und ebenso herzlich wenig mit der Lebensrealität der zugewanderten Menschen zu tun hat.
Schlimmer noch hat uns ihre Aussage über vermeintliche “Rädelsführer” und “Fürsten”, die es bei den ZuwandererInnen geben soll, schockiert. Sie erkennen die zugewanderten Menschen anscheined nicht als Individuen an und bedienen sich stattdessen der westlichen Projektion einer vormodernen Gesellschaftsstruktur (“Fürsten”) und organisierten Zuwanderergruppen (“Rädelsführer”) was wiederum Assoziationen zu kriminellen Vereinigungen erzeugt. Dieses von Ihnen verbreitete Bild entspricht nicht der Realität, sondern erzeugt unangemessene Horrorvorstellungen und verdreht die realen Lebensbedingungen der Familien und Einzelpersonen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland gekommen sind und hier durch Gesetzgebung und institutionellen Rassismus dazu gezwungen sind unter den prekärsten Bedingungen zu leben und von der Mehrheitsgesellschaft allein gelassen werden. Hierachien gibt es auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrer Projektion folgend wären Sie mit ihrem Drang zur öffentlichen Selbstdarstellung “unser” Fürst, doch das sind Sie nicht!

Darüber hinaus ist es auch erstaunlich, dass Sie bei Maischberger ständig betonen, dass sich in Hochfeld nichts bewegt und mit keinem Wort die Arbeit mehrerer aktiver Sozialberatungsstellen erwähnen, die in anderen Stadtteilen kaum so aktiv am Integrationsprozess beteiligt sind wie eben in Hochfeld.

Wie bereits erwähnt, leben auch wir in Hochfeld. Einem Stadtteil, der von ZuwanderInnen sichtbar genutzt wird und fühlen uns weder unterlegen, überfordert, diskriminiert, noch in unserem Alltag eingeschränkt. Es gibt viele politische und ökonomische Probleme in unserer Gesellschaft, die uns stören und mit denen wir uns auseinandersetzen wollen. Die kulturelle Vielfalt unserer Stadt und das Erfahren neuer Lebensrealitäten aus anderen Ländern dieser Welt, betrachten wir nicht als ein Problem, sondern als eine Chance unsere Perspektiven zu erweitern. Wir sind nicht realitätsfern, uns ist bekannt, dass es mit der Zuwanderung verbundene Probleme gibt, allerdings ist uns dabei bewusst, dass die zugewanderten Menschen in erster Linie selbst Probleme haben und nicht Probleme machen, dass es sich um Individuen handelt und keine homogene Gruppe und dass die sozialen Probleme nicht ethnisiert werden dürfen. Letztendlich führt der Weg zu einem angenehmen Leben in Hochfeld, für Alteingessesene und Neu-ZuwandererInnen, nur über den Abbau von rassistischen und antiziganistischen Ressentiments und die Gleichberechtigung der Neu-ZuwandererInnen. Wir hoffen Ihnen diesen Gedanken mit unserem Brief etwas näher gebracht zu haben und wünschen uns, dass die Verbreitung rassistischer Vorurteile nicht weiter stattfindet.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Hochfelder NachbarInnen von der Eigenstr, Brückenstr, Gerokstr, Siechenhausstr, Gitschinerstr. „

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