Der einzige freie Literaturverlag im Ruhrgebiet

Mini-Cover_Papageno_in_Parga_rgb Es mag erstaunen, aber im Ruhrgebiet ist nur noch ein einziger freier Literaturverlag zu finden: Der AutorenVerlag Matern in Duisburg. Nach einer Auszeit, die konzeptionell zu den Motiven der Gründung, der Konzentration auf analytisch pragmatische Haltungen, und zur Umstellung der Produktion auf digitale Produkte geführt hat, stellt der Kleinverlag sein Frühjahrsprogramm vor: Die aktuellen eBooks umfassen die Resultate eines philosophischen Forschungsprogramms über die Sprachphilosophien von Horkheimer und Adorno und belletristische Werke von Mark Ammern.

Verwegen klingt es, im Ruhrgebiet mit Belletristik und Philosophie aufzutreten. Die Medienlandschaft ist durch die regionale WAZ, ihren Hauruck-Journalismus fürs schwache Gemüt, und durch lokale Rundfunksender geprägt. Diese Prägung reicht bis in die Bloglandschaft hinein. Die sprachliche Tradition des ehemaligen Potts ist eher urwüchsig als raffiniert.

Anstatt jedoch im Ruhrgebiet nach kulturellen Herausforderungen zu suchen, der Region ein neues Selbstverständnis anzubieten, ein zukunftsträchtiges, überwiegen immer noch die Beharrungskräfte. Zum Glück gibt es gewichtige Ausnahmen: Die Folkwang-Universität (Essen / Duisburg) ist ein kaum zu überschätzendes Element im kulturellen Strukturwandel der Region geworden. Einige ihrer Absolventen bilden die hiesige Jazz-Szene. Aber auch in der Literatur gibt es einige gewichtige Gegenkräfte: Die Literaturzeitschrift Schreibheft, herausgegeben Norbert Wehr (Essen), das Literaturmagazin Maconda (Bochum) und das Literaturbüro Ruhr (Gladbeck).

Ob der AutorenVerlag Matern ein Element im kulturellen Strukturwandel werden kann, hängt von der öffentlichen Wahrnehmung ab. Die einstigen Druckerzeugnisse wurden aufgrund der analytisch pragmatischen Haltung bis in die USA verkauft. Regional war er bedeutungslos. Sein Umfeld waren Forschungseinrichtungen und Intellektuelle international. Das regionale Engagement hingegen verpuffte sang- und klanglos in der brachwerdenden Städtelandschaft. Dies war der Hauptgrund, den Verlag wieder der Gründungsintention folgen zu lassen.

Vier der einst im Druck erschienenen Texte werden am 15.04.13 digital wieder zugänglich gemacht. Eine echte Neuerscheinung ist die Novelle „Papageno in Parga“ (Bild) von Mark Ammern. Im Überblick:

Mark Ammern: Die Crux des Tänzers. 24 Gedichte
– Eros im Mailverkehr. Briefprosa
– Papageno in Parga. Eine Novelle

Kai Pege: Über die Sprachauffassungen von Horkheimer und Adorno. Eine Analyse im Kontext jüdischer Theologien

Reinhard Matern: Sprachgeschichte und die Kabbala bei Horkheimer und Adorno

Die philosophischen Forschungen, die den Publikationen zugrunde liegen,  entstanden übrigens in einer privaten Einrichtung, dem ‚Sprachanalytischen Forum‘, das es offiziell nicht mehr gibt und das nicht einmal Kontakt zur damaligen Universität Duisburg suchte. Sogar Promotionsangebote wurden dankend ausgeschlagen, um sich nicht mit dem ‚Betrieb‘ zu belasten. Wie wenig Formalien aussagen, ist inzwischen mehrfach dokumentiert worden. Für die Mitglieder des Forums war dies längst klar. Die Sekundärliteratur – zu welchem Thema auch immer – ist nicht erst seit Kurzem angefüllt mit miserablen Arbeiten, die lediglich dazu dienen, nach außen sozialen Status zu verleihen. Wissenschaftlich haben sie – vielleicht mit wenigen Ausnahmen – keine Relevanz.

Aber Belletritik aus analytisch pragmatischen Haltungen?! Was wird dabei herauskommen?! Die Literatur ist angefüllt mit ästhetischen und sprachlichen Konventionen, die künstlerisch einschränken. Es gibt in Deutschland eine lange verlegerische und schriftstellerische Tradition übers ‚gute Buch‘, so als ginge es ums Essen. Im Rahmen solcher ‚Parameter‘ kann bloß bürgerliches Kunsthandwerk, Dekor entstehen. Dies wäre nicht bloß für das Ruhrgebiet unpassend, als proklamierte Kunst sitzt diese Literatur einem Missverständnis auf, einer Spiegelei, die märchenhafte Züge trägt.

Ammern interessiert nicht Schönheit oder Hässlichkeit, auch nicht Ausgewogenheit, all diese sozialen Konventionen entfallen. Aus diesem Grund wurde seine Sprache mehrfach asozial und brutal genannt – obgleich es ihm um Angemessenheit geht! Angemessenheit in Bezug auf die Sache! In „Die Crux des Tänzers“, einem Gedichtband, der keinen ‚Dichter‘ hat, sondern eine Figur ausbildet, einen Tänzer, der sogar den Umgang mit Sprache in Performance ‚übersetzt‘, findet sich das Gedicht ‚Am Tresen‘. In Teil I wird ein typischer  Sprachromatiker ‚beobachtet‘, daraus die letzten Verse bzw. Zeilen:

angebuckelt
Gelall über Bilder Dinge die
im Wort verkümmert umschlingt
sich würgt
Fressreste
aus Mund Nase

Fein ist das gebotene Verhalten nicht, dafür kann jedoch Ammern nichts, sieht man mal von dem ‚Übersetzungsvorgang‘ ab, der die Grundlage für die entstandene Szene bildet. Nach Ammerns Überzeugung ist der Text akurat!

Ammerns Hauptfiguren sind Künstler. In ‚Die Crux des Tänzers‘ und in ‚Eros im Mailverkehr‘ waren es unterschiedliche Tänzer, die als Protagonisten auftraten, in ‚Papageno in Parga‘, der aktuellen Neuerscheinung, handelt es sich um einen Sänger (Bariton). Diese Konzentration auf Künstlerpersönlichkeiten lässt es plausibel erscheinen, Konventionen hinter sich zu lassen und die Sprache in das Zentrum zu rücken.

Nun aber zum Papageno: Dem Protagonisten, einem Opernsänger, gelingt es nicht nur seine Gegenspielerin, sondern auch sich selber zu überlisten. Ein Schelmenstück, das sprachlich gar nicht den Versuch unternimmt, in eine bürgerlich romanhafte Attitüde zu verfallen, sondern szenisch vorgeht … Ein weiterführendes PDF (http://www.autorenverlag-matern.de/images/stories/Papageno.pdf) ist online, das gerne auch weitergereicht werden kann, ebenfalls sind die Infos auf der Website (http://www.autorenverlag-matern.de) des Verlags zugänglich.

Die programmatische Ausrichtung, eBooks mit analytisch pragmatischen Haltungen in Philosophie und ‚Belletristik‘ zu publizieren, lässt für die Zukunft Raum genug, auch für weitere Autoren, die bislang nicht zum Kreis des Verlags gehören. Zentral ist die Programmatik eines Kleinverlags für die Wahrnehmbarkeit auf einem unübersichtlichen Markt.

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