Die verhinderte Wissensgesellschaft

[Kultur / Wissen] Die menschliche Grundhaltung ist durch Naivität geprägt. Wissen muss erst erworben werden.

Um sich jedoch auf den beschwerlichen Weg zu machen, Wissen zu erwerben und selber zu erzeugen, ist Neugierde eine Voraussetzung. Unter den derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen wird jedoch nicht die Neugierde von Menschen gefördert, sondern die Vermarktung altbekannter Stereotypen.

Es gibt eine grundlegende Differenz zwischen einem wissenschaftlichen Interesse und einer gesellschaftlichen Ökonomisierung, wie sie sich unlängst in den westlichen Ländern etabliert hat. Die Wissenschaften selber sind davon betroffen. Grundlagenforschung sieht sich stets gesellschaftlichen Vorhaltungen ausgesetzt, keinen praktischen Nutzen zu haben. Die gesellschaftliche Skepsis betrifft auch die Philosophie. Im Zuge des Bologna-Prozesses ist ihr gesellschaftlicher Wert auf einen praktischen Nutzen gesunken, im schlimmsten Fall auf eine Tauglichkeit für Talkshows.

In der Ökonomie dienen Produkte lediglich zur Typologisierung von Gütern. In einer Wissensgesellschaft stände jedoch die jeweilige Sache im Zentrum, nicht ein Produkt und dessen Vermarktung. Die gesellschaftlichen Anstrengungen in der Bildung, bis hin zum ‘lebenslangen Lernen’, dienen keiner Wissensgesellschaft, sondern ökonomischen Bestrebungen, die Ausläufer der Industrieproduktion sind, bestenfalls zu einer ‘Ratgebergesellschaft’ führen, wie sie der Buchmarkt als auch Social Media bereits deutlich machen können.  Ein mögliches Resultat wäre die breitenwirksame Verblödung.

Mir geht es nicht um Abschlüsse. Wie wenig wissenschaftliche Titel, zumal in Deutschland, aussagen, ist in den vergangenen Monaten vielfach dokumentiert worden. Eventuell sind die bestehenden Universitäten gar nicht mehr der Ort, um Wissenserwerb- und erzeugung zu ermöglichen, lediglich ein Relikt der Geschichte. Etwas anderes nimmt mein Interesse gefangen: Die Entwicklung einer Wissensgesellschaft ist unter den derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen unmöglich!

Der Beitrag ist zuerst beim Freitag erschienen.

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