Komm’ mir bloß nicht mit Politik,

Förderturm-Schacht im Ruhrgebiet (Photo credit: Wikipedia)

Förderturm-Schacht im Ruhrgebiet (Photo credit: Wikipedia)

[Armutsbericht] so ließe sich die aktuelle Diskussion um den Armutsbericht, Hartz IV usw. beschreiben.

Nicht Sozial-, nein Wirtschaftpolitik wäre der geeignete Ausgang für eine Diskussion, in der die Bedingungen berücksichtigt werden, unter denen Menschen Arbeit suchen. Und da solche Bedingungen regional unterschiedlich aussehen, ebenso die Zahlen von Menschen, die in wirtschaftliche – nicht in soziale – Not geraten sind, wären vor allem die Situationen im Osten und im Ruhrgebiet einzubeziehen: Es geht um den jeweiligen Strukturwandel in diesen Regionen.

Während man sich in Talkshows um Individuen sorgt, um deren Engagment, Bildung und Mobilität, bleibt der Strukturwandel und die jeweilige Wirtschaftspolitik in den Regionen außen vor, als seien es jene verarmten Menschen, die Arbeitsplätze schaffen könnten. “Man braucht doch bloß …” ist in den Shows zu hören und bemerkt nicht, dass jene Menschen nicht einmal über konkurrenzfähige Bewerbungsunterlagen verfügen, passable Fotos, die eine ansprechende Kleidung und einen guten Ernährungszustand voraussetzen, zumal die Möglichkeit, wenn eine Einladung erfolgen sollte, der auch folgen zu können. “Eine Zugfahrkarte? Oh man!”

Es begann einst kampagnenhaft mit einer öffentlichen Demütigung, ausgerechnet von Schröder (SPD), der es besser hätte wissen können. Seit dieser Individualisierung primär politisch verursachter Situationen in den Regionen gibt es kein Halten mehr. Es war die schiere Ausweglosigkeit in der Politik, die zu der Kampagne führte, die Schwierigkeit, Unternehmen und Betriebe für den Osten und das Ruhrgebiet zu interessieren, in geeigneter Weise Strukturpolitik zu betreiben. Diese beiden Regionen schnappten sich sogar untereinander Investoren weg: Die im Ruhrgebiet lange Jahre anvisierte Ausrichtung auf Materialwirtschaft scheiterte kläglich, steuerte aber im Osten zu einem kleinen Aufschwung bei.

Das Thema ist keineswegs neu: Ich selber habe hier bereits darüber geschrieben. “Auf der Größe eines Rechenschiebers”  hieß der Beitrag. Und es erstaunt mich, wie es in der Öffentlichkeit immer wieder gelingt, die Frage nach einer Zukunft von bundesdeutschen Regionen zu entpolitisieren. In der einfachen Rechnung, die im TV präsentiert wurde, blieben einem Arbeitslosen 178,- € zum Leben. Ja: “Man braucht doch bloß”, man bräuchte bloß mal hinzusschauen, auf dieses ‘ekelerregende Elend’, in dem sich manch gut Betuchter lieber das Leben nehmen würde, als einen solchen Zustand zu ertragen.

Mich erstaunt jedoch vor allem, dass die wirtschaftlich und politisch Betroffenen unpolitisch geblieben sind, nicht an eine Revolte denken … in unserem ach so friedlichen Land.

Der Betrag ist zuvor beim Freitag erschienen.

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