Intellektueller müsste man sein… …und wichtig

Günter Grass (Photo credit: Wikipedia)

Haben Sie das auch gelesen? Zum Beispiel hier, in der Süddeutschen: „Grass verdrängt Papst von Platz eins“. Komisch. Dass die da in Danzig katholisch gewesen sein sollen! Ach so, die Mutter war eine Katholikin kaschubischer Abstammung. Das erklärt so einiges. Nur eben nicht, dass Grass jetzt Papst geworden wäre. Ist er auch nicht. Obwohl: so ganz daneben liegt die Süddeutsche nicht.

Erstens, weil Grass tatsächlich auf dem ersten Platz steht. Und zweitens, weil es hier zwar nicht um beamtenähnliche Kleriker geht, sondern um Intellektuelle, die wenn sie erst einmal dieses Qualitätsprädikat erworben haben, ebenfalls vom Duft eines Hohepriesters umgeben sind. Insofern eigentlich unnötig, dass der Meister höchstselbst darauf hinweist: „Schriftsteller sind auch Intellektuelle!“ Nur die Ruhe; das streitet doch niemand ab.

Die Intellektuellen-Zeitschrift Cicero hat zum dritten Mal „ein Ranking erstellen lassen, das die Präsenz der deutschsprachigen Intellektuellen im geistigen Raum misst“. Wichtig für das Ranking ist also, wie Florian Rötzer auf Telepolis zutreffend darlegt, „nicht die Beurteilung der intellektuellen Fähigkeiten, sondern eigentlich nur die Präsenz in den Medien, man könnte auch sagen: die Prominenz.“ Und in dieser Hinsicht belegt Grass den Platz Eins.

„Was sagt uns also dieses Ranking der `einflussreichen´ Medienprominenz?“, fragt Rötzer im Anschluss, um selbst darauf folgendermaßen zu antworten: „Über Intellektuelle wenig, mehr schon über die Ökonomie der Aufmerksamkeit und solche schrägen Versuche einer `Vermessung des Geistes´.“ Nun ist es also der Grass geworden. Objektiv, wissenschaftlich ermittelt: über keinen Intellektuellen wird mehr geredet und geschrieben als über Grass.

Und was macht dann der Cicero, wenn das Ergebnis nun einmal so ist, wie es ist? – Sagen wir mal so: das Beste draus. Nämlich: „Schon immer hat sich Günter Grass in den öffentlichen Diskurs ungefragt eingemischt. Mal treffsicher, mal nicht, kürzlich mit seinem Israel-Gedicht `Was gesagt werden muss´.“ Na sicher, dumme Sache. Aber sehen Sie das doch mal so: „Ein paar Zeilen eines inzwischen 85-Jährigen können ein Land beschäftigen…“

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Na also, das ist der Beweis! Denn „…das zeigt, wie relevant der Nobelpreisträger ist. Grass weiß, wie man Debatten inszeniert. Kein Wunder also, dass er das neue Cicero Ranking zur Präsenz im geistigen Raum anführt.“ Sprich: „wichtig“ ist – im geistigen Raum. Nun gut: „Die Auswertung des Rankings zeigt die Dominanz der Patriarchen. Durchschnittsalter der Top 100 liegt bei 66 Jahren, der Frauenanteil nur bei 13 Prozent.“

Doch die Zeiten ändern sich. Weiter im Cicero: „Erfolgreichste Newcomerin ist die frühere Bischöfin und EKD-Vorsitzende Margot Käßmann: Neu im Ranking schaffte sie es auf Anhieb auf Platz 26.“ Alle Achtung, die Käßmann! Newcomerin im geistigen Raum. Das bedeutet freilich nicht, dass Frauen nicht ganz vorne mitspielen könnten. Immerhin auf Platz 4: Alice Schwarzer. Davor – leider, möchte man sagen – die „Dominanz der Patriarchen“.

Auf dem Siegertreppchen ein ulkiges Trio: Gold für den Denker, der einfach mal gesagt haben musste, dass Israel das „iranische Volk auslöschen“ wolle. Bronze geht an den Warner vor der „Instrumentalisierung von Auschwitz“ als „jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung“. Der es heute bedauert, so „verkrampft“ gewesen zu sein, als sich damals dieser Oberjude darüber aufgeregt hatte.

Zwischen diesem NSDAP-Mitglied, ohne einen Aufnahmeantrag gestellt zu haben, und dem Sieger, der sich damals gänzlich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte, geht die Silbermedaille an einen antideutschen Knaller, der seine Nazi-Macke dadurch zu bewältigen glaubte, dass er stets treu zu seinem Freund Slobodan Milošević gehalten hatte. Völkermord alternativ. Intellektueller müsste man sein. Und wichtig.

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