Urwahl der Spitzenkandidaten: Grüne Schwarmintelligenz

Jürgen Trittin – Foto Thomas Rodenbücher

Die taz hat Recht: es ist ein „Erdrutsch in Grün“. Und: „Das neue Spitzenduo der Grünen ist eine gute Lösung“. Oder, wie es beim ZDF heißt: das „Dreamteam aus Trittin und Göring-Eckardt“. Bei der Beurteilung des Urwahlergebnisses lässt sich freilich der Aspekt der persönlichen Sympathie nicht gänzlich ausblenden. Doch als politischer Beobachter sollte man sich dabei auf die Frage konzentrieren, wie die zur Debatte stehenden Personen wohl auf die potentiellen Wählergruppen wirken könnten, und so weit wie möglich den eigenen Gefühlshaushalt ausblenden.

Aber selbst dann: woher will man das so ganz genau wissen?! Das Ergebnis der Urwahl ist jedenfalls eine faustdicke Überraschung. Wer hätte schon damit gerechnet, dass Claudia Roth mit gerade einmal 26 Prozent förmlich abgemeiert wird. Zur Stunde weiß niemand, ob sie am nächsten Wochenende noch einmal als Parteivorsitzende antreten wird. Dabei wurde Roth immer für die „Seele der Partei“ gehalten. Obwohl auch ich bis heute keine Grüne gesprochen habe, die Claudia Roth ganz toll gefunden hat. Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Dafür konnte ich mit einigen Künast-Fans sprechen. Nun gut, sie hat ja auch deutlich mehr bekommen als Roth.

Ich war ehrlich gesagt ein wenig in Sorge, wie wohl auch einige Grüne, dass Jürgen Trittin bei diesem Verfahren über die Klinge springen könnte. Weil der es ja sowieso wird oder weil der so ein Macho-Man ist. Es war zwar die erste Urwahl von Spitzenkandidaten; aber es wäre keineswegs das erste Mal gewesen, dass die Grünen in Sachen Personalpolitik eine selbstzerstörerische Dusseligkeit an den Tag gelegt hätten. Erfreulicherweise ist genau das diesmal nicht passiert: knapp 72 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen sind ein eindrucksvolles Ergebnis.

Die grüne Basis hat damit politische Reife bewiesen, und vermutlich ist darin auch der Grund für das siegreiche Abschneiden Katrin Göring-Eckardts zu suchen. Aber klar: so ganz genau kann ich es Ihnen auch nicht sagen, warum die grünen Parteimitglieder sich für die „Frontfrau der neoliberalen Agenda-Politik mit einer Schwäche für Schwarz-Grün“(Spiegel Online) entschieden haben, aus der „die engagierte Sozialpolitikerin (wurde), die sich brennend auf ein Bündnis mit den Sozis freut. Das irritierte zwar ihre eigenen Anhänger, die sich von Göring-Eckardt eine Öffnung der Partei zu den Konservativen erhofften…“

Doch im Wahlkampf kommt es eben nicht immer nur auf die Mobilisierung der eigenen Kundschaft an. Spiegel Online zieht das zutreffende Fazit: „Bei der Basis dagegen half ihr der beherzte Linksschwenk ganz offenbar – und ließ die Gegnerinnen einfach nur älter aussehen.“ Mit Göring-Eckardt wird damit zumindest ansatzweise der Eindruck eines Generationswechsels erweckt, sind doch im Lauf des innerparteilichen Wahlkampfs die Mitt- und Endfünfziger aus der Gründungsphase der Partei dem Verdacht der Muffigkeit ausgesetzt gewesen. Die Kirchenfrau und Ex-Fraktionsvorsitzende steht demgegenüber für junge Frische.

Wie auch immer: die grüne Basis hat Alles richtig gemacht. Was die Parteispitze im Hinterzimmer einfach nicht auf die Beine stellen konnte, hat die basisdemokratische Schwarmintelligenz gepackt. Das optimal durchquotierte Duo für die Show namens Bundestagswahlkampf: eine Frau und ein Mann – nun gut, das war ohnehin ein Muss. Aber auch: eine Reala und ein Linker. Und: ein Wessi und ein Ossi. Sehr schön! Vielleicht auch noch: ein Macho-Typ von der Marke Steinbrück oder so und dazu eine Kirchentante mit der für grüne Frauen nicht ganz untypischen, leicht verknatschten Stimme.

Gute Sache! Weiß man doch, dass die Opposition bei weiblichen Wählern mit Peer Steinbrück… – ich weiß auch nicht: irgendwie kommt der Peer bei den Frauen nicht so an. Zum Beispiel die halbtags beschäftigten Mütter, die beim Einkauf auf gesunde Lebensmittel achten und vielleicht auch hin und wieder in der Kirchengemeinde etwas machen – die kannst Du mit dem Steinbrück jagen. Und wenn der noch so viele Reden für die Emanzipation hielte… Da ist die Göring-Eckardt auf jeden Fall ein gelungenes Zusatzangebot. Ob sie es allerdings schafft, die moderne Frau von heute von der Kanzlerin loszulösen? Man/frau wird sehen.

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