“Ein neues Produkt”

Wie Unternehmensberater neue Arbeitswelten erschaffen:

Der relativ kurze, pointiert geschnittene Film “Ein neues Produkt” von Harun Farocki führt in ein gesellschaftlich spannendes Segment, das den meisten Menschen normalerweise verschlossen bleibt: in Meetings von Unternehmensberatungen, die der Ideengenerierung und -präsentation dienen.

Der Sache nach geht um eine neue Arbeitsorganisation, die mehr Freiheit für Arbeitnehmer als auch Gewinn für Unternehmen verspricht. Mit ‘Freiheit’ wird auf räumliche und zeitliche Fixierungen verzichtet, es bleiben Funktionen. Wann und wo diese ausgeführt werden, hängt nur noch von der jeweiligen Aufgabe ab, nicht von Plänen und Bedingungen, die davon unabhängig sind. Die Unternehmen stellen für ihre Mitarbeiter keine Arbeitsplätze mehr, sondern nur noch Funktionsbereiche zur Verfügung und sparen dadurch ein, gewinnen zusätzlich durch die neue Motivation ihrer Mitarbeiter, die mit der Freiheit und mit variableren Vergütungsmethoden entsteht.

Dieses Modell weist nach meinem Ermessen Parallelen zu sogenannten Co-Working-Spaces auf, die für Selbstständige eingerichtet wurden, die kein eigenes Büro benötigen, weil sie z.B. als ‘digitale Nomaden’ unterwegs sind.

Der Film konzentriert sich auf die Art und Weise, wie während der Meetings Brainstorming betrieben wird. Etwas sehr Erstaunliches geschieht gleich zu Beginn, bei einem Kunden: Während des Versuchs, Unternehmenskultur zu fassen, wird ein T-Modell generiert, in dem die Unternehmenskultur eine Abteilung oder Funktion wie das Personalwesen ist und im oberen, horizontalen T-Strich angesiedelt wird. Die Vertikale symbolisiert den Working-Space der Mitarbeiter, der nur noch funktional aufgeteilt ist.

In einem zweiten, korrigierenden Schritt wird die Abteilung Kultur ausgestrichen und durch ein ‘Mantel’ um das T ersetzt. Dass diese Kultur vom Unternehmensziel abhängig sei, wird explizit betont und gefragt, ob Kultur überhaupt Selbst-, also eigene Zwecke haben könne.

Solche Brainstorming-Ereignisse können leicht den Eindruck hinterlassen, als beschäftigen sich die Berater zum erste Mal mit Unternehmen, mit Kultur und mit Arbeitnehmern. Der Film berücksichtigt zunächst ein Meeting bei einem Kunden, dann im eigenen Haus und schließlich bei der speziellen Frage, ob das Modell auch für die eigene Umgebung tauge. Das Publikum empfand die Szenen, wenn ich das Lachen und die anschließende Diskussion richtig bewerte, als eine Entlarvung. Harun Farocki betonte, das der Film von den Beratern durchaus positiv gesehen, sogar zur Werbung eingesetzt werde!

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Der Beitrag ist zuvor beim Freitag erschienen.

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