Charm, Irritation und Verstörung

Ein zweiter Blick auf die Duisburger Filmwoche …

Filme, auch dokumentarische, leben nicht allein durch die Handhabung des ‘Produktionsauges’, sondern in besonderer Weise durch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Weil die zur Verfügung stehende Zeit begrenzt ist, ebenso die Aufmerksamkeitsspanne von Zuschauern, ist eine Konzentration auf Herangehensweisen und Themen unvermeidbar. Ob analytisch, pädagogisch oder atmosphärisch eingefangen wird, aus dem Blick bestimmbarer Personenkreise oder mittels eines Besuchs, der weitgehend offen lässt, wer etwas zu erfahren sucht: auch Dokumentarfilme erlauben unterschiedliche Haltungen, die zunächst einmal gleichberechtigt nebeneinander stehen. Besonders reizvoll wird es, wenn sich die Herangehensweisen von den üblichen unterscheiden und alternative Blicke auf Segmente der Gesellschaft bieten, vielleicht sogar Wege und Türen öffnen, die aus thematischer Sicht verwundern. Eine Lenkung der Aufmerksamkeit findet in jedem der Fälle statt, auch dann, wenn nichts passiert.

Bevor ich näher auf drei Filme eingehe, möchte ich mich noch von einem ästhetischen Konzept abgrenzen, in dem gesellschaftliche Segmente ‘als Teile des Ganzen’ ausgegeben werden. Bekäme man erläuternd über ‘das Ganze’ zu hören, dass es die Unwahrheit sei, die Frankfurter Schule ist dafür berühmt geworden, würde es wenig zur Klärung beitragen, um was es überhaupt gehe. Konkret: Ich erhebe nicht den Anspruch, dass Dokumentarfilme ‘das Ganze’ erfassen müssen, ohne allerdings thematische Zusammenhänge bzw. Abhängigkeiten in Frage zu stellen. Es wäre schon viel erreicht, wenn die Segmente, mit diesen spezifische gesellschaftliche Vorgänge, angemessen, in welcher konkreten Art und Weise auch immer, präsentiert werden. Ich erwähne meine Haltung nur, weil die Frankfurter Ansprüche und Assoziationen in den Diskussionen der Duisburger Filmwoche immer mal wieder aufgetaucht sind. Mir ginge ein solcher Zwang zur Überhöhung zu weit.

Die relativ lange Einleitung war erforderlich, um auch Dokumentarfilmen, die vordergründig die Arbeitswelt behandeln, problemlos einen vergleichsweise atmosphärischen Zugang zugestehen zu können. Didaktische Belange, arbeitsrechtliche, gewerkschaftliche oder solche, die in die politische Ökonomie hineinreichen, sind nicht erforderlich. In “Stahlbrammen und Pfirsiche” von Florian Pawliczek und “Feldarbeit” von Henrike Meyer sind die jeweiligen Arbeitswelten Aufhänger und Kulisse, um an die Menschen heranzukommen. Zeitgeschichtliche Einordungen der jeweiligen Segmente kommen nur nebenbei und keineswegs systematisch zur Sprache. Im Zentrum stehen die Menschen, bis ins Private hinein, im Film von Henrike Meyer sogar in besonderer Weise. Ihr primäres Interesse gilt ihrem Vater und der Beziehung zu ihm. Die junge Filmemacherin ist in diesem Werk auch ‘Schauspielerin’, sie besucht ihren Vater, der während der Spargelernte auf dem Gelände einer ehemaligen LPG als Chef arbeitet.

Beide Filme entfalten durch die Konzentration auf die Menschen und ihre Beziehungen einen Charm, der die funktionalen Grenzen der Arbeitswelten durchbricht, den Menschen etwas einräumt, das innerhalb der Grenzen leicht verloren gehen kann. In “Feldarbeit” kommt noch etwas anderes hinzu: Eine Irritation in der Beziehung von Vater und Tochter, die auf einer räumlichen Trennung und entstandenen Distanz beruht. Die Tochter lebt in Berlin. Ihr Besuch, ihr (filmisches) Interesse am Vater, scheint ihm nicht ganz geheuer zu sein.

In “Stahlbrammen und Pfirsiche” dient das Hüttenwerke Krupp-Mannesmann in Duisburg-Hüttenheim als Hintergrund. Zur Zeit der Aufnahmen war die Auftragslage nicht besonders gut, wie aus den Worten einer Kipplastwagen-Fahrerin zu entnehmen ist, dennoch würde die gedrückte Stimmung, die teilweise zum Ausdruck kommt, nicht als Symbol der Stahlkrise taugen. Die Marktanpassungen waren längst erfolgt. Das Hüttenwerk gehörte zu den wenigen Betrieben, die durch ihre High-Tech-Ausstattung und Produktspezialisierung bestehen bleiben konnte. Und wie von Florian Pawliczek zu hören war, hat sich die Auftragslage inzwischen gebessert.

Dennoch ist es interessant zu vernehmen, wie über mögliche Personalreduzierungen gesprochen wird. Die Kipplastwagen-Fahrerin, deren Freund ebenfalls auf der Hütte arbeitet, er ist des öfteren in einem Bagger zu sehen, betont, dass sie als eine der ersten Personen von sich aus gehen würde, weil innerhalb der Beziehung dann noch ein Einkommen zur Verfügung stände. Während der Arbeit gibt es kurze Funkkontakte mit ihrem Freund. In ähnlicher Weise kommunizieren sie zu Hause, während sie nebeneinander an Computern sitzen und getrennt voneinander in virtuelle Landschaften schießen.

Bei dem dritten Film, den ich hervorheben möchte, handelt es sich um “Thorberg” von Dieter Fahrer. Auch ihn interessieren primär Menschen, die Gefangenen der geschlossenen Strafanstalt Thorberg in der Schweiz. Das Besondere an dem Film ist die gezeigte Verstörung der Personen. Sie wanken zwischen der Annahme des Urteils und Rechtfertigungen, sehen kaum eine Chance für sich, gelangen nicht an die inneren ‘Knackpunkte’, bleiben auch psychisch hilfos gefangen. Ein Weg zur Rehabilitation wird durch die geschlossene Anstalt nicht unterstützt. Die Verstörung führt in einem, im Film besonders umfangreich berücksichtigten Fall, in die geschlossene Psychiatrie, wie im Nachspann zu lesen ist.

Ich hoffe, dass niemand erwartet, dass ich die Filme nacherzähle. Auch ich muss mich auf etwas konzentrieren, damit der Text fassbar bleibt und nach Möglichkeit nicht langweilt.

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Der Beitrag ist zuvor beim Freitag erschienen.

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