Kultur als Massengrab?

From a painting of Immanuel Kant

From a painting of Immanuel Kant (Photo credit: Wikipedia)

Je umfangreicher Begriffe werden, um so unhandlicher und ominöser werden sie. Ist ihre Ausbildung zudem noch an konkrete historische Bedingungen gebunden, verliert sich ihre Relevanz leicht in der Historie. Es gibt nur ein Mittel, der drohenden Belanglosigkeit entgegenzuwirken: die Sprache.

In der Frühaufklärung (Pufendorf) war ein Bild von Kultur entstanden, das mit den vormaligen Vorstellungen des römischen Altertums und der Renaissance nur wenig zu tun hatte. Theoretisch hatte ein hypothetischer Naturzustand zur Abgrenzung gedient, geschichtlich hingegen die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges. Kultur war zu einer Frage des menschlichen Selbstverständnisses geworden, nicht durchgängig, sowohl unter Intellektuellen (Rousseau) als auch unter den Menschen (Bauern), wohl aber unter vielen Bildungsbürgern. Adelung konnte als ein Beispiel dienen.

Die historische Zäsur, die der Dreißigjährige Krieg mit sich brachte, hat Konsequenzen, die bis in die Moderne reichen: Cassirers Kulturphilosophie, in der Kultur zum symbolischen Ausdruck des Menschengeschlechts geworden ist (Philosophie der symbolischen Formen), kann nicht weiter zurückreichen als bis zur Frühaufklärung und nur Gesellschaften umfassen, die an der Ausbildung einer Kultur und von Begriffen, die sich auf sie beziehen, überhaupt ein Interesse hatten. Es wäre äußerst fragwürdig, einen ‘theoretischen’ Begriff, dessen historische Relativität leicht zu durchschauen ist, auf andere Gesellschaften ‘anzuwenden’, ohne eine sprachliche Relevanz zu haben! Die Kultur als Spiegel der Menschheit gab es im Altertum nicht, ebenso nicht in der Renaissance. Sie erwuchs aus den Erfahrungen mit dem Dreißigjährigen Krieg, und fand eventuell nach dem Zweiten Weltkrieg neue Nahrung.

Begriffe Kultur sind vor allem historische. Liegen keine Begriffe und keine Bezüge vor, wie im Fall des griechischen Altertums, ist man entweder gezwungen, den Menschen einen Begriff als gleichsam unbewussten zu unterstellen, einen, den man erst viel später und unter spezifischen Bedingungen ausgebildet hat, oder eine Metaphysik zu betreiben, die es mit Platons Ideenlehre aufnehmen könnte. Ich halte solche Wege für nicht gangbar, nicht aus wissenschaftlicher und auch nicht aus wissenschaftlich-philosophischer Sicht. Die Selbstverständlichkeit, die Welt mit ‘Kultur’ zu beglücken, ist ihrerseits ein Resultat der kulturellen Spiegelei. Vielleicht sollte man zur Abwechslung mal den famosen Spiegel zur Seite legen und sich um Sprache, auch um eine theoretische, und ihre Bezüge kümmern.

Das in der deutschen Frühaufkärung entstandene und in der Aufklärung weiterentwickelte Bild deckte sich teilweise mit den Vorstellungen von Zivilisation, die während der Aufklärung in Frankreich zur Ausbildung kamen und gesellschaftliche Fortschritte einbezogen. Das Erbe von Cicero war in Deutschland jedoch ebenso gegenwärtig, als geistige Verfeinerung, was immer man auch konkret darunter verstanden hat. Die mögliche Spannweite ist groß: sie reicht z.B. von Plaudereien mit höfischem ‘Esprit’ bis hin zur Beschäftigung mit philosophischen Fragen.

Kant unternahm in seiner Schrift “Über Pädagogik” (1803) eine begriffliche Differenzierung, die freilich nicht auf einer empirischen Untersuchung beruhte, sondern seine persönliche war: (1) Disziplinierung als Zähmung zur Verhütung von Schaden und Wildheit, (2) Kultivierung als Unterweisung in Geschicklichkeiten (Techniken wie Lesen, Schreiben, Musizieren) beliebiger Zwecke, (3) Zivilisierung als eine Art von Kultur, die den sozialen Umgang betrifft (Manieren, Artigkeiten, soziale Klugheit), und zwar in Abhängigkeit vom jeweiligen geschichtlich vorherrschenden Geschmack, (4) Moralisierung zur Erlangung einer Gesinnung, um nicht nur irgendwelche, sondern gute Zwecke, nach Kant solche wählen zu können, die Zwecke aller Menschen sein könnten (Vgl. Werke, Bd.10, WB, S.706-707).

Kultur umfasst nach Kant vor allem technische und soziale Fertigkeiten. Seine Zeit begreift er als eine der Disziplinierung und Kultur, nicht auch als eine der Moralisierung. Den Menschen wird die erforderliche Selbsttätig- bzw. ständigkeit durch die Staaten nicht gewährt. Und er fragt, ob eine Kultur ohne zusätzliche Moralität wirklich besser sei, als ohne Kultur zu leben (vgl. ebd., S.708). Moralität wird in einen direkten Kontext von Politik gestellt. Die formelle Gestalt ist primär auf die gesellschaftlichen Standesunterschiede und ihre politische Relevanz ausgerichtet: ein verstecktes politisches Instrument in den Zeit der Französischen Revolution.

Die von Kant vorgenommene Plazierung der Erörterung im Rahmen einer Pädagogik als auch die präsentierte Differenzierung stehen im Zusammenhang mit dem Ciceroschen Erbe. Kants Suche nach geeigneten begrifflichen Bezügen ist mir weitaus sympathischer, als lediglich einen Spiegel aufgestellt zu bekommen, in den letztlich alles fällt, was Menschen produzieren und produziert haben, und der alles bis zur Unkenntlichkeit verschluckt, gleich einem Massengrab.

Kants Differenzierung, so spannend sie aus historischer Sicht auch sein mag, reicht für heutige Verhältnisse jedoch nicht aus. Bereits die Grundlegung, die auf einer traditionell simplen Unterscheidung von Mensch und Tier beruht, den Tieren die Instinkte, den Menschen die Vernunft zukommen lässt, ist längst fragwürdig geworden. Bis eine zeitgemäße Fassung von Kultur angeboten werden kann, wird es aber noch etwas dauern …

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Die essayistische Notiz “Kultur als Massengrab?” steht im Kontext eines Projektes über Kultur. Der erste Text der Reihe lautet: Der Award, der vorgängige … umgangsprachlich, der nächste Kultur als Blabla-Laut?

Drei weitere Texte sind bereits veröffentlicht aber noch nicht eingereiht: Musik ist eine Hure, Das Ende einer Ära und Wenn Träume wahr werden, ist der Alptraum nicht weit.

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