L`Etat c`est quoi? Das selbsterzeugte Fiasko mit dem Mölmschen „Bürgerhaushalt“

Ein Gastkommentar von L. Reinhard, MBI-Fraktionssprecher

23. Okt. 2012: Bürgerversammlung zum Etatentwurf 2013. Genau wie im Jahr zuvor fast ohne Bürger. Zieht man von den ca. 30 Besuchern noch die Angestellten der Verwaltung ab, war es nur eine Handvoll. Ein Fiasko? Dazu mehr in diesem WAZ-Artikel

Für 11. Okt. 2011 hatte die Stadt zum Haushaltsforum in die Realschule Stadtmitte geladen. OB, Kämmerer, Dezernenten, Amtsleiter usw. waren da, nur fast keine Bürger. Warum auch? Vera…. können sich die meisten auch alleine!

Zur Vorgeschichte und Erklärung:

Auf MBI-Antrag hin – gestellt bereits in der 1. Ratssitzung nach den Wahlen am 30.8.09 und erst noch verschoben – wurde schließlich doch ein sog. “Bürgerhaushalt” zum Etat 2010 auch in Mülheim durchgeführt. In 3 sehr gut besuchten Bürgerversammlungen, mit jeweils mehreren hundert Besuchern, Anfang März 2010 stellten OB und Kämmerer ihren Etatentwurf vor und die Bürger konnten Vorschläge einbringen sowohl in der Versammlung wie in diversen hochkarätig besetzten Unterforen danach und auf Flipcharts usw… Bis zum 31.3.2010 konnten die Mülheimer Bürger/innen ferner Vorschläge zur Haushaltssanierung im online-Forum einbringen, was auch vielfach geschah.

Allerdings hatten Frau Mühlenfeld und Kämmerer Bonan bereits einige Bereiche wie Ruhrbania für nicht diskutierbar erklärt, quasi als „heilige Kühe“. Auch wurden etliche Bürgereingaben, ob aus den Versammlungen oder im Internet, ziemlich lapidar als unbrauchbar oder unzulässig abgetan. Das betraf zuallererst alles, was mit der „heiligsten aller heiligen Kühe“ Ruhrbania auch nur entfernt zu tun hatte, ebenso der Stadionumbau damals für den VfB Speldorf, Verkauf von RWE-Aktien, Personaleinsparungen, Dienstwagen oder Doch auch bei etlichen anderen Bürgervorschlägen merkte man, dass die ernsthafte Diskussion über den Vorschlag nicht gewollt war, warum auch immer. Beispiel etwa zum Vorschlag des Verzichts auf den damals noch geplanten 15 Mio.-teuren, unnötigen overfly-Abriss an der Nordbrücke das Verwaltungsurteil „Da mit Ihrem Sparvorschlag leider kein Einsparpotenzial verbunden ist, wird dieser nicht ins Online-Haushaltsforum eingestellt.“ Derartige Antworten entwerten die gesamte Bürgerbeteiligung vollständig. Das Tabuisieren von Themen oder Problemen schadet eben nicht nur bei der kath. Kirche, genauso bei einer zum Sparen gezwungen Stadt! 

Doch die Stadtspitze war noch hellauf begeistert von der ausgesprochen großen und regen Beteiligung der Bürger/innen. Im April 2010 ging die Diskussion daher sogar noch darum, ob eine erneute Bürgerversammlung vor oder nach der Ratssitzung im Mai stattfinden sollte, in der der Etat 2010 (ohnehin viel zu spät) verabschiedet werden sollte. Frau Mühlenfeld setzte sich gegen die MBI durch, das Bürgergespräch erst nach der Ratssitzung erneut zu suchen.

Und dann geschah der Supergau für den Mülheimer Bürgerhaushalt. Die Etatverabschiedung wurde erst verschoben auf Juli und im Rat am 27.5.10 von Rot-rot-grün gar noch einmal auf Oktober und gleich als Doppelhaushalt. Damit war es um die Bürgerbeteiligung endgültig geschehen und im Endeffekt wurde der Doppeletat ohnehin anhand des kurz vorher ausgehandelten Konsenspapieres von SPD und CDU verabschiedet. Die Bürgervorschläge waren damit endgültig zu Randnotizen degradiert.

Danach waren aber auch bei den MBI Zweifel aufgetaucht, ob es unabhängig davon nicht doch falsch gewesen war, die Wahlen wegen offensichtlichem Verschweigens der Haushaltslöcher nicht wie in Dortmund angefochten zu haben.

Es war z.B. im Okt. 2009 nicht vorstellbar, dass trotz Haushaltskatastrophe und FH-Standortentscheidung gegen Ruhrbania selbst für die Baufelder 3,4,5 immer noch weiter Geld verschleudert werde, wie die 1,7 Mio. für den Kauf des ex-Arbeitsamtes von Hoffmeister, um es demnächst abreißen zu können, ohne erkennbaren Nutzen. Mit der unverantwortlichen Verschiebung der Etateinbringung wurde zudem Zeit gewonnen, um selbst mit dem höchst bedenklichen Abriss der beiden overflies von der Nordbrücke und dem Umbau des gesamten Brückenkopfs für 15 Mio. beginnen zu können. Ebenso wurde alles andere wie geplant durchgezogen, ob Stadionausbau mit wüster Trickserei, ob Verschwendungsorgien für die Anmietung von Ersatzräumen für das Rathaus, dessen Neubauteil gleichzeitig abgerissen wurde, als der denkmalgeschützte Rest für die Sanierung leergezogen wurde. Und die vielen gleichzeitigen Großprojekte wurden fast alle über Umwegfinanzierungen außerhalb des Haushalts per PPP- oder PPP-ähnlichen Konstruktionen getätigt wie die Restrathaussanierung zu Luxuskosten von 48 Mio. inkl. 6 Mio. alleine für das abgerissene(!) und neu gebaute Denkmal der Rotunde, die nun fast unzugänglich ist, das Haus der Stadtgeschichte, das Riesen-PPP-Schulpaket von zuletzt ca. 60 Mio., die überdimensionierte Feuerwehr, die kurz nach Fertigstellung zum Finanzprodukt mutierte, uswusf.. bis aktuell Verkauf und Rückanmietung des frisch und teuer sanierten Altersheims Kuhlendahl. Die Stadt hat sich völlig übernommen. Was sollen die Bürger auch dazu noch sagen oder vorschlagen, weil das allermeiste nicht mehr zu ändern ist.

Kurzum: Alle hochtrabenden Pläne wurden nicht nur gegen Sinn und Verstand alle durchgezogen, sie wurden auch alle sehr, sehr teuer und selbst Kinder und Enkel sollen es noch unabänderlich abbezahlen („Forfaitierung mit Einredeverzicht“ auf meist 25 Jahre)!. Auch im aktuellen Etatentwurf ist kein Kurswechsel zu erkennen – nicht einmal beim schwindsüchtigen Prestigeprojekt Ruhrbania oder dem unnötigen Luxussportplatz in Heißen! Und das, obwohl alleine die Kassen-(zutreffender Überziehungs-)kredite auf die Milliardenschallgrenze zurasen! Eine Hyperkatastrophe für eine kleine Großstadt mit selbst in Boomjahren „nur“ ca. 500 Mio. Gesamteinnahmen und dem höchsten Altersdurchschnitt aller NRW-Städte. Da hilft es auch nichts, dass es die Heimatstadt der Ministerpräsidentin ist! Mehr unter http://www.mbi-mh.de/2012/10/13/ernstgemeinte-haushaltssanierung-nur-ohne-noch-mehr-ruhrbania

L. Reinhard, MBI-Fraktionssprecher

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