Wider den Confirmation Bias oder ist das organisierte literarische SF-Fandom doch quicklebendig?

English: Uriah Heep from "David Copperfie...

English: Uriah Heep from „David Copperfield“, Ink and wash drawing (Photo credit: Wikipedia)

Wer mit breitem Pinsel malt steht immer im Verdacht feine Details zuzukleistern. Oder um es anders zu formulieren: Vielleicht war ich ja doch zu hastig und zu sarkastisch, zu provozierende mit meinem letzten Artikel, der einige Thesen zum Thema des organisierten lesenden SF-Fandom postuliert? Zeit, sich die Reaktionen aus dem Fandom anzusehen und zu prüfen, ob der Confirmation Bias vorliegt oder nicht.

Die Veranstaltungen des organisierten lesenden SF-Fandoms – und nur um diese geht es, es wäre allerdings durchaus wert darüber nachzudenken wie es mit dem Fandom ist, dass sich eher auf Film und TV spezialisiert hat – sind für Kinder und Jugendliche nicht geeignet.  „Aber der BuCon hat doch seit einigen Jahren am Ende des Tages ein Konzert. Und es gab Kinder und Jugendliche auf dem Con, ja, ganze Familien sogar. Du guckst da einfach nicht genauer hin.“

Meine Feststellung: Dass der BuCon-Veranstalter Roger Murmann behauptet, der Con hätte Zuspruch von Familien und Kindern erhalten ist bisher nicht von Zahlen, Daten oder Fakten untermauert. Eine Zahl steht für den BuCon sicherlich im Raum und ist als Erfolg zu werten: 500 Besucher. Allerdings steht diese Zahl für sich alleine und vom BuCon-Team fehlt bisher eine Zusammenstellung der Besucherzahlen der vergangenen Jahre, eine Aufschlüsselung der Besucher nach dem Alter – kurz, bisher ist das ebenfalls nur eine Behauptung, die nicht untermauert wurde. Zudem: Der BuCon dient im Artikel nur als Beispiel, da ich annahm die Leser würden zumindest ihn und die FedCon eher kennen als diverse kleinere Conventions wie den Oldtimer-Con – dessen Name schon an sich sprechend ist – den ColoniaCon, den MarburgCon oder all die anderen Veranstaltungen, die im Laufe des Jahres stattfinden und die sich an die Zielgruppe der lesenden SF-Fans richten. Es ist zu einfach EIN Beispiel herauszugreifen und dies als wunderbar gelungen hinzustellen – es geht um die Gesamtheit der Szene. Solange die Kritiker hier keine Zahlen, Daten und Fakten liefern bleibt diese These erstmal eine These.

„Aber wer eine These aufstellt, sollte sie doch belegen können. Wo sind deine Zahlen, Daten und Fakten?“ – Phew, zugegeben: Vielleicht hätte ich seit 2004 intensiv Fakten für meine These zusammentragen müssen. Andererseits ist der Artikel eindeutig eher als eine spezielle Internet-Text-Form erkennbar, mit der allerdings die angesprochenen Kritiker nichts anfangen konnten: Es ist ein Rant. Ein Rant ist ein Artikel, der bewußt und überspitzt Dinge auf den Punkt bringt. Er steht der Glosse näher als dem wissenschaftlichen Fachartikel. Tatsächlich wäre dies jetzt aber eine reizende und fordernde Aufgabe: Wissenschaftlich voranzugehen. Die SF-Clubs und -Cons nach Zahlenmaterial zu fragen und zu schauen ob dieser Teil meines Artikels richtig ist. Jedoch gibt es neben mir noch andere Sf-Fans die das Gefühl haben, dass auf Conventions dieser Art man immer nur dieselben Gesichter zu sehen bekommt. Insofern könnte da durchaus etwas dransein – doch solange wissenschaftliche Untersuchungen fehlen steht es in diesem Punkt erstmal 0:0.

Was das Konzert am Ende des BuCons anbelangt hat sich bisher keiner der Kritiker bemüßigt befühlt meine Beobachtungen zu widerlegen: Dass nämlich wenn das Konzert beginnt die meisten Verlage und Verantwortlichen längst den Saal verlassen haben. Der Höhepunkt des BuCons ist die Preisverleihung des Deutschen Phantastik Preises, danach wird in der Regel eingepackt. Hat sich dies geändert? Offenbar nicht, sonst wäre mir heftig widersprochen worden. Zudem gebe ich zu bedenken: Ob für die Fans der Band das Konzert nun im Rahmen eines Festivals oder eines BuCons veranstaltet wird spielt erstmal keine Rolle. Als Fan einer Band werde ich mir selbstverständlich kein Konzert entgehen lassen, aber ob der Rahmen fürs das Konzert ausreicht um mich als Fan der Band als Besucher für den nächsten Con zu gewinnen? Den erhofften Klebeeffekt halte ich für sehr gering bis gar nicht vorhanden – hier sind allerdings die Organisatoren des BuCons in der Pflicht Zahlen, Daten und Fakten zu liefern um das zu beweisen oder zu widerlegen.

„Statt Fanzine gibt es Bücher (Taschenbuch, Hardcover und ebooks), die Szene explodiert (jeder hat ein eigenes Blog, eine Homepage, etc.) und der Heftromanmarkt driftet in Richtung ebook (die Meinung hört man zuletzt oft).“ Der Poster aus dem Sf-Forum hat eine merkwürdige Vorstellung des Begriff Fanzines: Ein Fanzine ist erstmal ein von Fans erstelltes Magazin. Ob das nun als kopiertes Schnibbelfanzine oder als Buch mit Goldprägung daherkommt ist unrelevant. Die Form ist nicht entscheidend. Der Inhalt ist es. Dass „jeder sein eigenes Blog, seine Homepage etc.“ hat – ob jeder SF-Fan dies wirklich hat ist erstmal die Frage. Aber diese zwei Sätze bringen das Dilemma des Fanzines schön auf den Punkt: Wer ein Blog, eine Homepage oder eine Facebook-Fanpage hat braucht kein Fanzine mehr um seine Artikel zu veröffentlichen. Besteht der Wunsch seine Artikel auch gedruckt zu sehen ist ein Print-on-Demand-Angebot schnell selbst realisiert. Ein typisches Club-Fanzine hat nach außen hin die Funktion verloren, die es mal hatte: Nämlich der lesenden SF-Zunft eine Vernetzungsmöglichkeit zu bieten. Heute ist das in der Tat mit den Neuen Medien schneller und besser erledigt. Dabei ist ein Trend zu beobachten, der eher weg von dem traditionellen Fanzine hin zu Themen-Magazinen oder gar in Richtung allgemeines Magazin mit Schwerpunkten geht. Dieser Trend ist vergleichbar mit dem Wandel im Bereich der Tageszeitungen: Leser goutieren Wochenend-Ausgaben und Zeitschriften eher als die gedruckte tägliche Wochenzeitung. Die jüngsten Zahlen zeigen jedenfalls drastisch, wie sehr der Markt für Tageszeitungen einbricht. Ein traditionelles Fanzine im Bestreben jedem Clubmitglied was zu bieten scheint in dieselbe Falle zu tappen…

„Unsinn, natürlich sind die diversen Clubs bei Facebook vertreten, die Foren gibts doch auch noch, es gibt zahlreiche Twitteraccounts, es gibt Youtube-Videos – und Livestream? Überbewertet. Wer bei einem Con nicht anwesend ist hat seine Gründe.“
Hier scheint man wieder einmal den Artikel nicht richtig gelesen zu haben, steht am Ende des betreffenden Absatzes doch etwas von einer fehlenden oder nicht vorhandenen Internet-Strategie, die dazu führt dass die Angebote im Social Web untergehen. Für die Facebook-Interessensliste „Die Tafelrunde der Phantastik“ habe ich erstens nach Angeboten bei Facebook gesucht, zweitens mir dann auch angesehen wie und ob die Clubs das Medium nutzen. In der Regel, es mag Ausgaben geben, könnte ich mir auch die jeweiligen RSS-Feeds der Homepages abonnieren – sofern es sie gibt – und würde nichts verpassen. Selbst der BuCon hinkt hier hinterher: Es gibt die klassische Vorberichterstattung, die klassische Nachberichterstattung und es wird Content-Curation gemacht. Das ist nichts Schlimmes, wenn eine Veranstaltung nur einmal im Jahr stattfindet muss man die Leser bei der Stange halten. Und ja, der BuCon antwortet bisweilen auch oder streut eigene Inhalte ein. Allerdings erfährt man viel zu wenig darüber, was das BuCon-Team eigentlich macht, warum es den Con macht, warum man hingehen sollte. Dies fehlt zum Beispiel auch im Blog des SFCD: Bildergalerieneinbettung gut und schön, aber für das Publizieren von Pressemitteilungen brauche ich kein Blog – immerhin bin ich froh, dass die nicht auf Typo 3 gegangen sind. Das Social Web ist allerdings auf Dialog ausgerichtet. Und genau das bemängelte ich im Artikel: Da wird eine Facebook-Seite eingerichtet und niemand scheint sich vorher gefragt zu haben ob das für den Club Sinn hat. Ob jemand da ist, der sie betreut. Jemand, der die Rolle des Community-Managers übernimmt. Dass es zahlreiche Angebote gibt ist unbestritten. Sie erreichen allerdings außerhalb des eigenen Kreises scheinbar kaum jemanden – diese Behauptung kann man aber leicht widerlegen, schließlich gibts ja Webseiten-Statistiken, da sind Zahlen ja vorhanden.

Der Fandom-Observer konnte in der Vergangenheit als Best-Practice dafür herhalten, nach dem Weggang des Verantwortlichen allerdings ist auch das Engagement des FO im Social Web eher stagnierend. Generell gilt: Wer über Mitgliedermangel klagt und nicht herausstellt warum man attraktiv für die jeweilige Zielgruppe ist muss sich über mangelnden Zuspruch nicht wundern. Wie schon im Artikel selbst festgestellt wurde: Man muss dorthingehen wo die Fans sind. Im Falle der traditionell organisierten Veranstaltungen der lesenden SF-Zunft reichen vielleicht tatsächlich Flyer, Handzettel etc. als Werbung aus. Wer allerdings mal auf der FedCon war, wird bemerkt haben dass im Laufe des Tages die Tische sich mit Flyern füllen und man letztendlich hier keine Chance hätte mit seiner Botschaft durchzudringen – sie geht schlicht und einfach unter. Nicht ohne Grund steht die AIDA-Formel im Artikel selbst…

Wer von einem Con fernbleibt hat seine Gründe? Wird er haben. Vielleicht ist er unversehens krank geworden. Vielleicht ist ein finanzieller Engpass aufgetreten. Es gibt tausend Gründe einem Con fernzubleiben. Es gibt aber gerade deswegen auch tausend gute Gründe sich für einen Livestream zu entscheiden – abgesehen mal von der Aufmerksamkeit für das Event selbst. Ein Livestream ist ein Service-Angebot für all diejenigen, die aus ihren besonderen Gründen nicht kommen konnten. Sicherlich ist es nicht einfach zu realisieren, sicherlich ist es vielleicht nicht für jeden Con geeignet. Überspitzt formuliert scheinen die angesprochenen Kritiker allerdings nicht service-orientiert zu sein. Und dass es Youtube-Videos gibt bestreite ich nicht. Es musste aber erst tatsächlich Mike Hillenbrand als Vertretung von Dirk van den Boom kommen um den Anspruch von gut produzierten, ansprechenden Videos für das Netz vom BuCon zu verwirklichen. Der Link verweist auf die Suche bei Youtube nach „Buchmesse Convent“ – bei „Deutscher Phantastik Preis“ sieht es ebenso mau aus, selbst „BuCon“ bringt keine Ergebnisse zustande. (Ich kann und darf an dieser Stelle nicht die zahlreichen Projekte für die ich gearbeitet habe gegenüberstellen, das wäre unfair. Jedoch gebe ich zu Bedenken: Selbst zu meiner Zeit bei den Duisburger Philharmonikern schafften wir es als Webteam immerhin mal zumindest die Orchestermitglieder zu interviewen…) Vielleicht ist das für 2012 aber auch noch zu früh, Videos müssen immer geschnitten werden und das Hochladen dauert – allerdings habe ich bisher auch keine Audio-Podcasts oder -on-Demand-Projekte über den BuCon gehört. Hinweise zu solchen Angeboten sind in den Kommentaren bestens aufgehoben. Danke.

Der Kontakt im „wahren Leben“ sei, so ein weiteres Argument,  doch der Grund warum man zu einem Con hingeht – ist das Internet also das falsche? Oder ist es nicht so, dass es für die „Generation Twitter“ eine Erweiterung ist? Überhaupt, wer soll das sein, diese Generation Twitter? Die wahren Digital Natives werden jetzt gerade geboren oder sind 3 bis 4 Jahre alt und wer diese Zielgruppe nicht im Blick hat wird in einigen Jahren Probleme bekommen. Desweiteren bräuchten die Kritiker mal nur über ihren Tellerrand zu sehen: Twitterer veranstalten regelmäßig Treffen im „wahren Leben“, der Webmontag ist so alt wie die Szene selbst, Barcamps haben einen ungeheuren Boom erlebt und sich als neue Form von Konferenzen durchaus bewährt. Dass das offene Prinzip des Barcamps in der SF-Szene nicht funktioniert ist noch nicht bewiesen. Hier bräuchte es zumindest mal einen Anlauf um zu sehen ob ein Barcamp für das allgemeine SF-Fandom klappen könnte. Allein ist es wohl eher ein Format, dass im Bereich der Fans von TV und Kino funktioniert. Aber hier steht ein Versuch zumindest noch aus.

„Der BuCon hatte in diesem Jahr 500 Besucher. Ich erinnere mich an Zeiten, als es nur 100 waren.“ – Schön für den BuCon. Allein: Die reine Zahl sagt nichts aus, erst wenn man Zahlen in Beziehung zu anderen setzt sind Wertungen möglich. Würde in der BrandEins bei dem durchaus vergnüglichen statistischen Angaben nur eine Zahl stehen, wäre die Rubrik sterbenslanweilig. Hier fehlt mir einerseits der Zeitraum – man müsste hier Zahlen von mehreren Jahren vorliegen haben um die 500 Besucher einzuordnen – zudem ist es wie schon oben angemerkt nur EINE Zahl von EINEM Con. Daran festzumachen ob das beschriebene Fandom stirbt oder nicht ist geradezu vermessen. Vermessen müsste man jetzt allerdings auch noch – sicherlich gibts aber Zahlen und Beobachtungen dazu – die Besucher selbst. Wie alt sind sie? Warum sind sie gekommen? Was fehlt ihnen noch am Con selbst? Man könnte auf die FedCon gehen und die Leute dort fragen, ob sie schon vom BuCon gehört haben und warum sie nicht zum BuCon kommen. Das alles ist vielleicht für einen von Fans organisierten Kongress wie dem BuCon überdimensioniert – andererseits erwarte ich wenn man mir widerspricht durchaus auch schon Butter für die Fische. Bisher wurde sie mir nicht zum Gericht dazugereicht und daher bleibe ich dabei: Ja, diese spezielle Art des Fandoms stirbt aus. Weil sie nicht willens ist sich zu öffnen. Weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und weil sie nicht in der Lage ist ihre eigene Lage zu reflektieren. Und das ist fern von jeglichem „Recht haben wollen“ meinerseits.

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