Romaproblem? Duisburg hat ein Hysterieproblem

Duisburg hat ein Hysterie-Problem. Die Angst vor den Roma geht um. Und
sie reicht von Duisburg-Hochfeld bis Rostock-Lichtenhagen.

Mostly harmless: Romahochhaus in Rheinhausen

Mostly harmless: Romahochhaus in Rheinhausen

Ich lebe gern in Duisburg-Hochfeld. Die international durchaus etwas
härtere Gangart find‘ ich spannend. Man spürt, dass man lebt. Man
spürt die Gegenwart.

In Hochfeld fliegt zwar etwas mehr Müll durch die Straßen als in
Düsseldorf-Oberkassel. Aber dafür kriegt man rund um die Uhr in den
Läden Baklava und Mezze, so gut wie in Istanbul-Beyoğlu.
Duisburg-Hochfeld hat den Ruch der zweiten Welt. Die ja die größte von
allen ist.

Nun habe Duisburg-Hochfeld ein Problem, das wird diesem
Immigrantenstadteil medial zugeschrieben.

Seit knapp zwei Jahren wäre eine unbeherrschbare Horde von Rumänen und
Bulgaren eingefallen. Das wären Leute aus sinistersten Armutsregionen
des Hinterlandes der Europäischen Gemeinschaft, Zigeuner aus Dörfern
ohne fliessend Wasser. Analphabeten von der Art, dass ihre Kleinkinder
nackt im Sommer auf die Straße schifften.

Müll, Lärm und Bildungsdefizite – das sind die Vorhaltungen, die den
EU-Bürgern, die gekommen sind zu bleiben, gemacht werden.

Stadtsoziologisch ist das ganz interessant, ein Kiez verändert sich.

Das hat man selbst im Rathaus Duisburgs, der sterbenden
Eisenhüttenstadt bemerkt, man tut, was man kann, es ist zuwenig.

Rund zwanzig Menschen bilden heuer zum 130. Mal den Runden Tisch von
Hochfeld. Wiewohl der runde Tisch rechteckig ist. Was sich an diesem
Abend im Gemeindesaal der Pauluskirche versammelte, im Herzen
Duisburg-Hochfelds, das sind die Wohlwollenden, die Engagierten –
Hauseigentümer, Institutionenvertreter und Nachbarn, die im
migrantengeprägten Problemstadtteil noch eine Chance für sich sehen.
Geladen ist zum Vortrag Leyla Özmal, die Integrationsbeauftragte der
Stadt.

Als Parteimitglied der Grünen gilt sie als Günstlingsbesetzung,
in der letzten Ratsperiode fiel der froschfarbigen Partei das
Besetzungsrecht für diese kommunale Stabsstelle zu. Die Zuhörenden
sehen die Integrationsbeauftragte überwiegend skeptisch.
Zunächst preist Özmal, daß mit der Neuwahl des OB neue Zeiten
angebrochen wären. „Der Stillstand vorher war nicht glücklich, jetzt
werden wir uns ganz neu aufstellen.“
Das Referat für Integration wäre nunmehr dafür zuständig, „den
Handlungsbedarf zu koordinieren“.
Im Vordergrund stünde „die Akquise von Fördermitteln“ und dies
„intensiv und schnellstens“.
Es habe sich „eine Arbeitsebene, ein Lenkungsausschuss,
zusammengesetzt aus Vertretern verschiedener Fachämter“ gefunden.
Ihren Vortrag stützt Özmal auf ein Verwaltungspapier, das mir
vorliegt.

Darin heißt es:
„Das Handlungskonzept, das auf optimale Versorgung der neu
Zugewanderten zielt, kann unter den Bedingungen der
Haushaltsbedingungen nicht vollständig umgesetzt werden.
Deshalb muss eine Fokussierung von Maßnahmen auf die notwendigsten und
wichtigsten Kernbereiche vorgenommen werden.
Der soziale Frieden in den Stadtteilen muß gesichert werden.“

Mit anderen Worten: Duisburg ist so pleite, dass die Stadt nix tun
kann, die Sache liegt beim Bund. Für die Bundesregierung aber ist das
Problem zu marginal, wie etwa eine Anfrage der Duisburger
SPD-Abgeordneten Bärbel Bas erwies.

Ihr Fragentenor bezog sich in erster Linie auf etwaige Fördermittel
von Bund und EU zur Gestaltung des Zuzugsproblems von Südost-Europäern
nach Duisburg.

Und am 7. Oktober letzten Jahres erhielt die Sozialpolitikerin dann
eine überraschende Antwort:
„In Deutschland leben nach groben Schätzungen ca. 70 000 Sinti und
Roma, die sich selbst als gut in die Gesellschaft integriert sehen.
Demzufolge bedarf es für diesen Personenkreis keiner nationalen
Integrationsstrategie. Auch für diejenigen Sinti und Roma, die im Zuge
der Zuwanderung oder als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind
und die ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht haben, ist eine nationale
Integrationsstrategie nicht erforderlich. Denn diesen Personen stehen
– unabhängig von ihrer Ethnie – dieselben Integrationsprogramme offen
wie anderen Ausländern.“

Kein Wunder, daß dann Duisburgs Oppositionelle, etwa die CDU an der
Glimmschnur der Brandstifter zündelt:
Die Duisburger CDU-MdL Petra Vogt fragt zu einer anderen Romahäufung
in Rheinhausen, einem singulären Hochhaus.
Sie spielt die ihrer Klientel gerechte populistische Karte. Sie
fokussiert sich auf angebliche Kriminalitätsprobleme rund um ein
Hochhaus in Rheinhausen-Bergheim, das überwiegend von Roma bewohnt
ist.

Dazu erklärt Petra Vogt öffentlich die Absicht, der
Landesregierung einen Katalog von Fragen stellen zu wollen.
Darin wird angeblich mangelnde Verbrechensbekämpfung suggeriert, es
wird unterstellt, das Romahochhaus wäre ein Kriminalitätsschwerpunkt.
„Duldet die Landesregierung illegale Zustände in
Rheinhausen-Bergheim?“, fragt die Christdemokratin.
Dass dort aber in erster Linie Lärm gemacht zu werden scheint, kann
Vogt hier nachlesen: 59 Einsätze in Sachen Ruhestörung verzeichnet die
Polizei, sechsmal wäre randaliert worden, es würde gegen 26 Anwohner
wegen geringfügiger Delikte ermittelt, bislang wäre es zu lediglich
vier Festnahmen gekommen. „An den Zahlen kann man erkennen, daß wir
das Haus im Blick haben“, sagt die Polizei.

Angeblich gäbe es ein Romaproblem mittlerweile auch in
Duisburg-Meiderich. Der Volkszorn dort hat sich vorgestern in einer
SPD-Versammlung Bahn gebrochen. Jedoch: In Wahrheit ist es nur eines
von Müll und Lärm.

In Rheinhausen haben indes Nachbarn des Hochhauses die „Umsiedlung“
der Bewohner verlangt.
Mit einer an den Duisburger Oberbürgermeister gerichteten
Unterschriftensammlung fordern bislang mehr als 300 Rheinhauser
Einwohner die “Umsiedlung” von legal eingewanderten EU-Bürgern aus
Rumänien und Bulgarien. Das in ihrer Nachbarschaft
Rheinhausen-Bergheim gelegene Hochhaus, hauptsächlich von Roma
bewohnt, bezichtigen die Entfesselten als Hort der Kriminalität und
des illegalen Hausens.
Sie heißen Teresa Stapper und Daniela Remmen, sie formulieren
holperig, und sie wähnen sich als die schweigende Mehrheit. Ein paar
Hundert Bergheimer Kleinbürger, denen wohl der dünne Kitt der
Zivilisation von der Charaktermaske gerutscht ist.
Und ihr Ansinnen trieft vor Hybris und fataler Fehleinschätzung:
Adressiert an Oberbürgermeister Sören Link (SPD) sowie an andere
Amtspersonen wie den “Präsidenten des Europäischen Parlaments Herrn
Martin Schulz” und die “Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland
Frau Angela Merkel” bringen sich die guten deutschen Nachbarn auch mal
ein.
Denn: Sie “wollen kein zweites Rostock-Lichtenhagen” in ihrem Stadtbezirk.
Aufs Korn genommen haben die Entfesselten das achtstöckige Hochhaus an
der Straße In den Peschen in Rheinhausen-Bergheim – aus Sicht der
Kleinbürger ein gutbürgerliches Viertel. Tatsächlich aber ein
Spiesserkiez von Arbeitern und Rentnern.
In dem Bau haben sich seit Ende letzten Jahres Armutsflüchtlinge aus
Südost-Europa angesiedelt. Die dürfen das, weil sie rumänischer und
bulgarischer Nationalität, mithin EU-Bürger sind.
Und für die ansässigen Proleten ist der Lebensstil der neuen Nachbarn,
die gekommen sind zu bleiben, schier unerträglich.
Es hat sich in der Ecke, aus Angst vor fremdem Anderen, eine Blase
voll Gerüchten, Kolportage und Verleumdung aufgebaut.
Was sich im Wutbürgerbrief, der Unterschriftensammlung verdichtet:
“Die Zuwanderer aus dem südost-europäischen Raum können aufgrund ihrer
Mentalität und Lebensart nicht bei uns integriert werden, da sie
konträr zu den Gepflogenheiten der Bürger unseres Landes stehen”, wird
behauptet.
Wofür man Angeblichkeiten ins Felde führt:
“Das ist ganz deutlich an Kindern zu sehen, da wo diese gehen und
stehen, ihre kleinen und großen Geschäfte verrichten, an parkenden
Autos, direkt auf den Bürgersteigen, in den Vorgärten.”

“Als Bürger muss man sich auch von den Jugendlichen anschreien, den
Mittelfinger zeigen und anspucken lassen.”

“Der Müll wird in die vorhandenen Müllbehälter nicht untergebracht und
wird durch die Zuwanderer im Innenhof verteilt.”

Woraus diese Forderungen abgeleitet werden:

“Der Eigentümer ist aufzufordern, die Vermietung an die
südost-europäischen Zuwanderer zu unterlassen.”

“Die schon in der Straße wohnenden südost-europäischen Zuwanderer sind
umzusiedeln, zum Beispiel in städtische Übergangswohnheime.”

“Es ist eine Lösung zu finden, die den Zuzug südost-europäischer
Zuwanderer stoppt.”

Und außerdem gibt es in Duisburg – neben dem sozialen – mittlerweile
auch ein Problem zwischen den Ethnien, zwischen Roma und Türken.

Wie eine Gewalttat in Duisburg-Marxloh unlängst zeigte: „Am 7.
September schlugen maskierte Leute osteuropäische Zuwanderer zusammen,
die am Skulpturenweg saßen“, berichtet ein Zeuge.

 

Die Polizei bestätigt den Vorfall. Sechs Vermummte hätten vier andere verprügelt.
Ermittelt werde wegen Landfriedensbruchs und Körperverletzung, ein
Tatverdächtiger wäre im Zuge der Nahbereichsfahndung festgenommen
worden.

Ich sprach mit Pfarrern, Polizisten, Eigentümern, Sozialarbeitern,
Kommunalpolicos, usf.

Und komme einstweilen zu dem Schluß: Die Stimmung in Duisburg, sie ist
hysterisch.

Erinnert mich schwer an Rostock-Lichtenhagen. Wo ich vor 20 Jahren
fassungslos vor dem Sonnenblumenhaus stand.

One thought on “Romaproblem? Duisburg hat ein Hysterieproblem

  1. Dr. Michael Willhardt Do, 27 Sep 2012 at 18:22:06 -

    Duisburg hat ein Duisburg-Problem.
    Eine Stadt mit traditionell geringem Selbstvertrauen und seit langem ohne erkennbare Stadtregierungskompetenzen hat das Hauptproblem nicht in seinen Stadtteilen, sondern im Rathaus und in den komfortablen Büros seiner städtischen Gesellschaften.
    Weder bei der Stadtspitze noch in den großen Abteilungen der Verwaltung kann ich Persönlichkeiten erkennen, die Ihre Vision für eine Stadtgesellschaft haben und die das notwendige Durchsetzungsvermögen mitbringen, um eine Stadt aus der Agonie zu führen, in der sie sich besonders im vergangenen Jahrzehnt gemütlich eingerichtet hat.
    „Stadtverwaltung“ in Duisburg hat eine ganz neue Wortbedeutung: Rette sich wer kann auf einen lukrativen Posten in eine bestehende oder zu gründende städtische Gesellschaft.
    Die ständigen Berichte (siehe oben), dass man nur noch handeln könne, wenn Land, Bund oder EU Geld geben, sie sind nicht mehr zu ertragen. Sie werden von mehr und weniger gut dotierten Gehaltsempfängern vorgetragen, die ihr Geld regelmäßig aufs Konto bekommen. Also irgendwo muss ja noch Geld sein.
    Wenn im richtigen Leben ein Unternehmen nicht mehr floriert, weil Umsatz und Ertrag die Betriebsgröße nicht mehr tragen, dann muss man sanieren. Jammern und beten hilft da nicht.
    Duisburg hat (zu) viele städtische Gesellschaften, die hauptsächlich mit der Selbstversorgung und Erhaltung befasst sind. Da nun jeder Mensch das legitime Recht hat, sich um sein Einkommen zu bemühen, können wir der Gerechtigkeit halber entweder fordern: Ein angenehmes städtisches Gehalt für alle Duisburger Bürger (griechischen Sozialismus pur), dann haben wir die oben geschilderten Probleme, die aus Armut und Elend resultieren, schon deutlich reduziert.
    Und wenn das nicht geht, weil ja die EU und wer auch immer kein Geld gibt, dann macht es Sinn, sich von Personal zu trennen und fähige Führungskräfte zu suchen.