Tatort Dortmund: „Ein bisschen viel Klischee“

„Wir lieben unseren Propheten!“ Klar, das können sie natürlich machen. Und vor allem: was haben wir hier nicht schon alles erlebt?! Die Jesus-People, irgendwelche Kinder Gottes, die Bhagwans, buddhistische Glatzenmänner, und, und, und… Die Zeugen Jehovas und die Scientologen lassen wir an dieser Stelle einmal beiseite – irgendwie eine andere Abteilung, obwohl: die lieben natürlich auch alle ihren Propheten. Das können sie natürlich machen. Zum Beispiel in Dortmund, woll…

Oder letzten Samstag. So nicht viel los in Dortmund. Die Borussia musste auswärts antreten – beim Tabellenvorletzten. Der ewige Nichtverlierer BVB beim ewigen Erstligisten HSV. Sie wissen Bescheid: der Deutsche Meister hatte seinen Meister gefunden. Oh Gott! Wobei: Vorsicht! Man darf den Namen des Allmächtigen bekanntlich nicht so ohne Weiteres im Zusammenhang mit so profanen Angelegenheiten wie etwa dem Fußball ge-, besser gesagt: missbrauchen. Zum Beispiel gibt es keinen Fußballgott!

Du darfst Gott genau genommen überhaupt nicht lästern. Das ist nämlich, gewisse Umstände vorausgesetzt (siehe § 166 StGB) verboten. Wie im Himmel, so auf Erden. Wie in ganz Deutschland, also auch in Dortmund. Logisch! Und jetzt, also am letzten Samstag, wollen einige, dass man nicht nur Gott, sondern auch seinen Propheten, nicht schmähen dürfe. Das kann man natürlich fordern. Klar. Und genau dies haben so etwa 1100 Dortmunder islamischen Glaubens gemacht.

Am letzten Samstag in Dortmund. 1100 Leute, weil die ja ihren Propheten so sehr lieben. Und weil diesen liebevollen Menschen die Religionsfreiheit und die Toleranz eigenen Angaben zufolge so sehr am Herzen liegt, haben die auf ihre Spruchbänder gleich dabei geschrieben, dass man nicht nur über ihren Mohammed keine Witzchen reißen solle, sondern dies am besten auch mit Moses und Jesus lassen solle. Ansonsten solle man „strengstens“ bestraft werden.

Moses und Jesus seien nämlich ebenfalls Propheten gewesen, behaupten sie – den Eindruck erweckend, die Empfindlichkeiten von Juden und Christen nähmen sie genauso wichtig wie die eigenen. So, und darüber kann ich mich unendlich aufregen! Noch stärker aufregen als über eine Niederlage des BVB in Hamburg. Klar, denn ich bin ja gar kein Dortmunder. Und Moses und Jesus auch Propheten? Ja, bei diesen Kameraden vielleicht, bei uns aber nicht. Und wenn die nix wissen: das wissen sie ganz genau!

Jesus, um das hier noch einmal klipp und klarzustellen, ist kein Prophet, sondern erstens der Sohn Gottes und zweitens selber Gott. So! Und wenn diese Muslime dann da angeschwä

Stained glass at St John the Baptist's Anglica...

Stained glass at St John the Baptist’s Anglican Church http://www.stjohnsashfield.org.au, Ashfield, New South Wales. Illustrates Jesus‘ description of himself „I am the Good Shepherd“ (from the Gospel of John, chapter 10, verse 11). This version of the image shows the detail of his face. The memorial window is also captioned: „To the Glory of God and in Loving Memory of William Wright. Died 6th November, 1932. Aged 70 Yrs.“ (Photo credit: Wikipedia)

nzelt kommen mit Prophet und so, dann ist das nichts Anderes als übelste Gotteslästerung und hat bestraft zu werden. Und zwar schärfstens! Das ist ja wie, wenn Sie Ihren Oberboss mit dem Namen Ihres stellvertretenden Abteilungsleiters anquatschen würden. Und zwar absichtlich! Mit so einer Opferpose. Widerlich.

Egal, alles wurscht – Hauptsache, es gibt keinen Ärger! Die deutsche Öffentlichkeit hat Spaß wie ein Bagger: ganz viele Muslime auf einem Haufen, besser gesagt: auf zwei – Männer und Frauen selbstverständlich strikt getrennt. Und trotzdem brennt nichts, keine Randale, nicht einmal Tote. Erleichterung pur. Mein Gott, wie friedlich! Islam heißt Frieden. Da steigen wir gern ein: Friede, Freude, Eierkuchen. „Wir lieben unseren Propheten!“ Passt mal auf, Freunde: Verarschen kann ich mich auch alleine!

Ich lese nämlich auch schon mal Zeitung, und deshalb ist mir nicht entgangen, dass sich Eure Demo gegen diesen 13-Minuten-Dreck im Internet nahtlos einreiht in die Serie entsprechender Demonstrationen in der islamischen Welt, bei denen nicht nur, worüber ich eventuell hinwegsehen könnte, Symbole dieses deutschen Staates geschändet worden sind, sondern bei denen auch zig Menschen ums Leben gekommen sind. Einige, etwa die US-Diplomaten in Bengasi, vorsätzlich ermordet.

Und genau deshalb ist Euer Gequengel von Liebe, Frieden und Respekt eine unglaubliche Unverschämtheit. Diese Demonstration in Dortmund wie auch die entsprechenden anderen Demonstrationen in Deutschland und Europa sind vernünftigerweise nur zu interpretieren als Sympathiebekundungen für den Terror und die Mörder, die im Namen des Propheten unschuldige Menschen, egal welcher Religion, ins Jenseits befördern.

Nun gut, wir kennen das. Sympathisanten des Terrors hatten auch früher schon auf deutschen Straßen demonstriert. Ihre Liebe galt zwar nicht dem Propheten, sondern Gudrun und Andreas oder später Brigitte und Christian oder wie auch immer diese eiskalten heißblütigen Killer geheißen haben mögen. Aber die Opferpose (statt „Beleidigung“ damals Isolationshaft) war dieselbe, die Forderung (statt Videoverbot „Zusammenlegung jetzt!“) genauso klar, und die Gesichter der Demonstranten genauso hassverzerrt wie heute.

Die RAF-Leute hatte das Schicksal der deutschen Arbeiterklasse ebenso wenig interessiert wie das der unterdrückten Völker in der Dritten Welt. Die islamistischen Prinzipienreiter heutzutage geht das Schicksal der Muslime in Deutschland und Europa genauso am Allerwertesten vorbei wie das ihrer Glaubensbrüder und –schwestern in der arabischen Welt. Sie lieben ihren Propheten – und zwar so inständig, dass sie so Kleinigkeiten wie die bis jetzt 20.000 Toten des syrischen Bürgerkrieges nicht auch noch emotional bewegen können.

Oder habe ich da etwas verpasst? Demonstrationen, öffentliche Gebete oder „Fürbitten“, wie es bei uns Christen heißt, für die Opfer des – zurückhaltend ausgedrückt – „Krieges“ in Syrien? Ich jedenfalls habe von derartigem nichts mitbekommen. Das Schlachten in Syrien ist im Grunde kein Thema; aber der Prophet ist geschmäht worden. Im Internet. Das wurde er zwar schon seit Monaten; doch erst jetzt, wo dies den Dschihadisten aufgefallen ist, hat man auch davon gehört und ist pflichtgemäß zutiefst beleidigt.

Aber wer ist „man“? In Dortmund waren es 1100 Beleidigte, in ganz Deutschland höchstens 2000. Ich weiß nicht, wie viele Muslime allein in Dortmund wohnen. 100mal mehr? 150mal mehr? Insgesamt leben in Deutschland mehr als vier Millionen Muslime; mithin waren es weniger als ein halbes Promille, die demonstriert hatten. Gewiss: keinem gläubigen Muslim wird es gefallen, wenn der Religionsstifter durch den Dreck gezogen wird. Die meisten wissen aber oder ahnen zumindest, dass es hier um etwas ganz Anderes geht.

Da sind die Kulturkämpfer auf beiden Seiten, die sich wechselseitig hochschaukeln, auf dass es endlich zum lange herbeigesehnten Clash of Civilisations komme. Da sind die Medien, die angeblich vor religiösen Konflikten die größte Sorge haben und dennoch über „die Muslime“ – auch hierzulande – wie über eine Horde potenziell durchgeknallter Vollidioten berichten. Die vermutlich nicht einen einzigen Gedanken darauf verschwendet haben, wie viele Muslime das Spiel HSV-BVB wohl im Stadion verfolgt haben dürften.

Die Muslime“ sind schwer beleidigt, und zwar alle. Das ist auch dem letzten CSU-Hinterwäldler aus Bayern klar. Und wenn die erst einmal beleidigt sind,… – ist ja klar: bei dieser völlig anderen Mentalität – … dann können die brandgefährlich werden. Noch sind sie ja friedlich, Respekt! Dazu die Fernsehbilder dieser demonstrierenden Außenseitergruppe. Nichts brennt, aber diese giftigen Visagen. So sind sie also, „die Muslime“. Und damit die nicht völlig ausflippen, muss den deutschen Rechtsradikalen die Filmvorführung unbedingt verboten werden.

Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung, wer dieses billige Hetzfilmchen finanziert, produziert und gedreht hat. Ich habe es auch nicht so mit Verschwörungstheorien. Es kommen auch so viele als Täter infrage. Die CSU? Glaube ich eigentlich nicht. Die katholische Kirche? Schon eher. Christliche Fundamentalisten? Es sieht fast so aus, scheidet aber wohl gerade deshalb aus. Al Qaida? Wäre jedenfalls eine Spur. Der Iran, die Hisbollah? Mmhh ja, gut möglich…

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