Vom kalten Frieden und der Gegenwart des Krieges: Kriegsbefangen – Veranstaltungsreihe des Literaturbüros Ruhr

Gleich mit drei Terminen gastiert die Veranstaltungsreihe „Kriegsbefangen. Literatur und die Gegenwart des Krieges“ des Literaturbüros Ruhr in Duisburg. „Kriegsbefangen“ beleuchtet die unterschiedlichen Facetten des Themas von der Ilias bis zur Arabellion, regt zur differenzierten Diskussion über Täter und Opfer gleichermaßen an.

„Nicht nur Deutschland ist mitten zwischen den Kriegen, der Krieg ist auch mitten unter uns“, stellt Projektleiter Gerd Herholz fest. „Deutschland ist auf vielerlei Weise in Kriege verwickelt: in die Warenkriege auf Kosten der Dritten Welt, in antisoziale Spekulanten-Feldzüge gegen ganze Volkswirtschaften, in die Interventionen beim Kampf um Menschenrechte anderswo, in Bürgerkriege und Waffengeschäfte überall.“ Genügend Stoff für 12 Abende der Reihe „Kriegsbefangen. Literatur und die Gegenwart des Krieges“, die das Literaturbüro Ruhr veranstaltet. In fünf Städten des Ruhrgebiets präsentiert die Reihe Lesungen und Gespräche, insgesamt 22 Gäste sind eingeladen worden. Dabei geht das Literaturbüro ein Wagnis ein, denn das Thema Krieg assoziiert eher düstere Diskussionen um Schuld und Sühne, um Täter und Opfer – Themen, die im Programm nicht ausgespart werden, mit der Lesung aus Homers „Ilias“ aber oder der Veranstaltung von Oskar Negt, der ein Modell für ein demokratisches Europa mit den Werten der Aufklärung zeichnet werden auch Facetten des Themas berührt, die vielleicht nicht unbedingt auf der Hand liegen.

Bei den Vorbereitungen für die Literaturreihe, die Gerd Herholz zusammen mit Verena Geiger plante, stellten beide rasch fest, dass die Rolle des Soldaten insgesamt eher selten zu Stoff oder Figuren aktueller deutschsprachiger Literatur anregt. „Von den Soldaten haben wir eigentlich immer noch kaum eine Ahnung oder eine genauere Kenntnis ihrer Lebensumstände und Mentalität. “ Mit „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ am 19. September in Mülheim gibt die Veranstaltungsreihe einen Einblick in Tonbandaufzeichnungen aus dem zweiten Weltkrieg und die Frage, ob nicht jeder unter dem Druck der Gesellschaft zum Töten abgerichtet werden kann. Den Auswirkungen des Krieges auf die Familiengeschichte geht Lutz Klevemann ebenfalls in Mülheim am 28. September nach.

Der Auftakt der Reihe findet in Duisburg mit einer Kooperation des Kreativkreises Ruhrort statt: „Ilias – Gesänge über den Krieg und der Streit um das wahre Troia“. Am 06. September ab 20:00 Uhr stellt Raoul Schrott seine Neuübertragung des antiken Stoffes aus dem Jahr 2008 vor. Mit ungeheuer viel Respekt, Recherche und Komik, mit Wortwitz, Spott und Menschenfreundlichkeit hat Schrott den für manche schon arg verstaubten Text ins Deutsche übertragen. Neben der drastischen Schilderung des Kriegs in den 24 Gesängen findet sich in der „Ilias“ auch ein fast schon emanzipatorischer Ansatz. Jedoch nicht im irdischen Schlachtengetümmel sondern im göttlichen Olymp, wo Zeus bisweilen von den Götterdamen hinters Licht geführt wird. Fast nebenbei geht Schrott an diesem Abend dann auch auf sein Sachbuch „Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe“ ein. Liegt die Heimat für die Landschaften und Hintergründe Homers vielleicht in Karatepe?

Wolfgang Kraushaar und Kersten Knipp werden sich in der Cubus Kunsthalle am 21. September mit dem „Aufruhr der Ausgebildeten“ beschäftigen und spannen den Bogen vom arabischen Frühling bis zur Occupy-Bewegung.  Protestaktionen gegen das Banken- und Finanzsystem sind mittlerweile allgegenwärtig, Millionen sind auf die Straßen gegangen und fordern eine wirksame Politik zur Kontrolle der Finanzmärkte. Doch was ist Occupy eigentlich für eine Bewegung? Was sind ihre Ziele, wie sind ihre Erfolgsaussichten? Wolfgang Kraushaar, Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung, und Kersten Knipp, promovierter Romanist und freier Journalist werden diese Fragen auf dem Podium diskutieren.

Die dritte und letzte Veranstaltung in Duisburg beschäftigt sich mit „Soldatinnen“ – einerseits dokumentarisch, andererseits fiktionarisch. Die Journalistin Jasna Zajcek hat ein Jahr lang Soldatinnen während ihrer Ausbildung und im Einsatz begleitet. Ihre Reportage „Unter Soldatinnen. Ein Frontbericht“ beschreibt die weibliche Sicht auf das Soldatenleben, erzählt von der oft harten Realität der Einsätze und von den Gefühlen und Gedanken der Frauen, die gelobt haben, Deutschland zu dienen. Im Roman „Kriegsbraut“ erzählt Dirk Kurbjuweit von Esther, einer orientierungssuchenden Frau, die sich freiwillig zur Bundeswehr meldet. Bei ihrem Einsatz in Afghanistan lernt sie den Schulleiter Mehsud kennen. Zögerlich verlieben die Beiden sich ineinander, eine Beziehung gegen alle Regeln beginnt. Moderiert wird die Lesung von der Journalistin Dr. Gabriele von Arnim, unter anderem was sie US-Korrespondentin für die Kunstzeitschrift „art“, arbeitete als Moderatorin für „Arte“, den SWR und das Schweizer Fernsehen. Am Donnerstag, den 25. Oktober, kann man die Lesung mit Gespräch im Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburgs erleben.

Das komplette Programm sowie die Eintrittspreise finden sich auf der Homepage des Literaturbüros Ruhr.

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