Peter Altmaier in der BamS, in der taz und sonstwo: Der liebe Gott hat „pseudobarockes Geschwurbel“ gefügt

Parl. Staatssekretär Peter Altmaier MdB

Parl. Staatssekretär Peter Altmaier MdB (Photo credit: Wikipedia)

Wer oder was Peter Altmaier, den neuen Bundesumweltminister, bewogen haben mag, der letzten „Bild am Sonntag“ das große BamS-Interview zu geben – mit dem schönen Titel „Der liebe Gott hat es gefügt, dass ich allein durchs Leben gehe“… – der liebe Gott wird´s wissen. Und der Peter Altmaier. Ich weiß es jedenfalls nicht. Vielleicht wissen es noch Michael Backhaus und Martin S. Lambeck, Altmaiers freundliche „Bild“-Gesprächspartner. Wer weiß das schon? Vielleicht war den für ihre Diskretion berüchtigten Kollegen nichts Diskreteres abzuverhandeln. Wer weiß das schon?

Dem schwulen Journalisten Jan Feddersen missfiel jedenfalls Altmaiers, wie er sich ausdrückte, „pseudobarockes Geschwurbel“. In einem Kommentar für die taz hat Feddersen das Geschwurbel dann einmal Geschwurbel sein lassen und Altmaier als homosexuell geoutet. Dies wiederum missfiel der “taz”-Chefredakteurin Ines Pohl, die Feddersens – bereits in der Printausgabe erschienenen – Beitrag von der taz-Webseite löschen ließ. Homosexualität sei “Privatsache”, schrieb Pohl und entschuldigte sich bei Altmaier. Dies allerdings missfiel dem schwul-lesbischen Online-Magazin queer.de, dessen geschäftsführender Redakteur Micha Schulze daraufhin die Message gepostet hat: „`taz´ entschuldigt sich für Altmaier-Outing – zu Unrecht!“

Mit freundlicher Genehmigung des Autors durfte der linke Internet-Blog Publikative Schulzes Brief an Pohl ebenfalls veröffentlichen. Publikative.org hat den Link auf Facebookgepostet und damit die Gelegenheit zur Diskussion gegeben. Daran habe ich mit dem folgenden Kommentar beteiligt.

„Guckt mal der da, der ist schwul!“
Zwangsouting – das Allerletzte!

„Homo, hetero oder bi zu sein, ist kein Tabu und nichts, was man verheimlichen oder für das man sich schämen müsste“, schreibt Schulze. Man muss es nicht (mehr) verheimlichen, Gott sei Dank! Aber man muss es noch verheimlichen dürfen.

Wir dürfen davon ausgehen, dass dem geschäftsführenden Redakteur von queer.de bekannt ist, dass Schwulendiskriminierung (immer noch) gesellschaftliche Realität ist. Man kann sich nicht aussuchen, ob man homo, hetero oder bi ist.

Dies erklärt aber eben nicht, warum man sich deshalb nicht aussuchen dürfen soll, ob man den „Preis“ der Diskriminierung zu „zahlen“ bereit ist oder nicht. Diese „Zahlung“, also das Coming-out, hat unbestreitbare Vorteile. Das Privileg jedoch, andere Schwule zwangsouten zu dürfen, kauft man sich damit aber nicht. Man kann das gar nicht kaufen; denn es gibt kein Recht auf Denunzierung.

Denunziation ist ausschließlich im Falle der Gefahrenabwehr erlaubt. Wer dies nicht weiß, ahnt es zumindest. Deshalb legitimieren die schwulen Zwangsouter sich stets – explizit oder implizit – mit dem Argument, die Verheimlichenden schwächten die schwule Community und damit letztlich die Rechte der Homosexuellen.

Rosa von Praunheim hielt es vor zwanzig Jahren so, als er Biolek und Kerkeling verpetzt hatte. Schulzes Argumentation läuft hier auf Dasselbe hinaus. Das Verführerische: diese Argumentation ist nicht einmal falsch. Zwar werden Schwule nicht durch schweigende andere Schwule gefährdet, sondern durch Homophobie in all ihren Formen.

Denn es trifft ja unbestreitbar zu, dass je mehr Menschen – gerade prominente Menschen – sich outen, desto deutlicher die Homophobie anstelle der Homosexualität ins gesellschaftliche Abseits gerät. Schulze: „Mit dem bewussten Verschweigen unterstützt man stattdessen ein Klima, das es manchen Teenagern noch immer schwer macht, ihr Coming-out problemlos anzugehen.“

Doch handelt es sich hierbei um eine taktische Argumentation, während das allgemeine Denunzierungsverbotprinzipiellen Charakter hat. Insofern bewegt sich Schulze – wie dereinst von Praunheim – auf der falschen Bezugsebene. Ein taktischer Vorteil kann kein prinzipielles Gebot außer Kraft setzen. Deshalb versucht Schulze, das passive Verschweigen in aktive Mittäterschaft umzudefinieren: „…unterstützt man stattdessen ein Klima“.

Mit dieser semantischen Spitzfindigkeit ist dann – neben der weiteren Denunzierung des Opfers als (Mit-) Täter – so nebenbei die taktische Ebene verlassen und die eigene (Mit-) Täterschaft als Gefahrenabwehr dargestellt, mithin als Notwehr legitimiert. „Schwule und Lesben sind keine besseren Menschen“, erfahren wir von Micha Schulze, und tatsächlich: „Guckt mal da, der da ist schwul!“ Das ist doch das Allerletzte!

Mir will nicht in den Kopf, warum Schwule „dürfen“ sollten, was jedem Hetero zu Recht als große Sauerei angekreidet würde. Ja richtig: wenn Juden über Juden Witze machen, ist das etwas Anderes, als wenn Nicht-Juden über Juden Witze machen. Wenn Behinderte über Behinderte Witze machen, ist das etwas Anderes, als wenn Nicht- Behinderte über Behinderte Witze machen.

Und wenn Schwule über Schwule Witze machen, ist das etwas Anderes, als wenn Nicht-Schwule über Schwule Witze machen. Nur: wir machen hier keine Witze; denn es geht gar nicht ums Witzemachen. Es geht ums Denunzieren. Es ist mir – zugegebenermaßen – nicht egal, wer über mich aus welchem Grunde lacht. Wer mich aus welchem Grund denunziert, auch nicht. Für die Denunziation selbst spielt es jedoch keine Rolle. Das Ergebnis ist immer dasselbe. Man ist reif.

 

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