Millionen sitzen zuhause und haben German Angst – Der Euro und die Angst

JABLONEC NAD NISOU, CZECH REPUBLIC - JANUARY 2...

 (Image credit: Getty Images via @daylife)

Das kann einem ja ganz schön Angst machen, das mit dieser Eurokrise. Denn man kennt sich ja mit diesen komplizierten ökonomischen Sachen nicht so aus. Und was das Schlimmste ist: sogar die, die sich richtig gut auskennen, die Professoren und so weiter … – sogar die haben Angst! Soll man unter diesen Umständen etwa keine Angst haben?! Wie bitte? Welche Professoren? Na, Sie haben ja wohl total keine Ahnung, hören Sie mal! Die Wirtschaftsprofessoren selbstverständlich. Ökonomen. Ob nun, sagen wir mal – ein Psychologe Angst hat oder nicht, und wenn ja, wovor, muss uns doch an dieser Stelle nicht interessieren.

 

Ach so! Sie wollten wissen, ob nun die Wirtschaftsprofessoren, die gegen die Eurorettung sind, Angst haben, oder diejenigen, die dafür sind. Sie sind ja ein ganz Schlauer. Sagen Sie das doch! Berechtigte Frage; die Antwort einfach auf den Punkt gebracht: beide haben Angst. Sowohl die Pro- als auch die Kontra-Profs. Wenn sie Deutsch sind, versteht sich. German Angst. Wenn Sie also ein Deutscher sind, wovon ich erstens einmal stillschweigend ausgehe, wofür Sie sich zweitens nicht einmal schämen müssen, gehe ich einfach einmal davon aus, dass auch Sie Angst haben. Machen Sie sich nichts draus! Das können Sie nicht nur bringen; Sie sollten es sogar tun. Es gehört hierzulande sozusagen zum guten Ton.

 

Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob Sie nun ein paar Mark fünfzig – Entschuldigung: ein paar Euro fünfzig – auf dem Sparbuch haben oder nicht. Wenn Sie ein paar Euro haben, dann ist es klar, dass Sie Angst haben. Angst haben müssen. Stellen Sie sich nur einmal vor, die wären plötzlich alle nichts mehr wert! Aha. Haben Sie aber kein Geld auf dem Sparbuch, … – ich denke, Sie werden doch wohl keine Aktien besitzen?! Natürlich nicht. Aber irgendwovon müssen Sie ja leben. Und so schlau, dass wenn alles zusammenbricht, die Parole „Hartz IV muss weg“ in Windeseile Wirklichkeit wird, sind Sie auch. Oder haben Sie (noch) einen Arbeitsplatz. Dann müssten Sie eigentlich Angst davor haben, dass es der Euro doch nicht schafft.

Sie haben aber Angst vor all diesen Rettungsschirmen. Woher ich das weiß?! Herrgott, das weiß man nun einmal. Dass Menschen mit Deklassierungsängsten zu den hartnäckigsten Eurogegnern gehören. In Deutschland, versteht sich. Darüber reden wir doch die ganze Zeit. Und außerdem: German Angst … – Quatsch! Der Obama hat auch Angst. Und die Chinesen, die Japaner, die Brasilianer, und wie sie alle heißen. Die anderen Europäer sowieso; das ist ja klar. Angst vor der Eurokrise, nämlich davor, dass die Germans… dieser Freud hatte das dereinst „Wiederholungszwang“ genannt. Damit wir uns recht verstehen: das, wovor die Anderen bei den Deutschen Angst haben.

Freud wollte mit dem Begriff „Wiederholungszwang“ diesen sonst schwer erklärbaren menschlichen Impuls, unangenehme oder sogar schmerzhafte Gedanken, Handlungen, Träume, Spiele, Szenen oder Situationen zu wiederholen, begründen. Aber der gehört ja jetzt nicht hierher, der Wiederholungszwang. Der Sigmund Freud schon, allein wegen all dieser Ängste. Da soll man auch keine Angst haben! Wenn man zum Beispiel in der „Pforzheimer Zeitung“ lesen muss: „Tatsache ist: Niemand weiß, wie die Schuldenkrise zu lösen ist. Kein Politiker, kein Bankenchef, kein Ökonom“ (zit. nach FTD).Das muss man sich nur einmal vorstellen! Da kann Gottweißwas passieren, keiner weiß Bescheid, alle haben Angst… – eigentlich müsste mal…

 

…gesagt werden, was von den Angstmachern, etwa diesen Wirtschaftsprofessoren zu halten ist. Und genau das macht die „Pforzheimer Zeitung“; weiter im Text: „Die vom Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin als „Stammtisch-Ökonomen“ bezeichneten Wissenschaftler um Hans-Werner Sinn setzen auf die Ängste der Menschen, bieten keine Lösungen an und verkürzen die Ergebnisse des jüngsten EU-Gipfels in unzulässiger Weise. Sie heucheln Verantwortung und agieren doch verantwortungslos. Und das alles für ein bisschen Applaus von jenen, die ohnehin schon voller Sorgen sind – es ist ein Elend.“ Sahra Wagenknecht findet das allerdings überhaupt nicht; sie sagte über die Aktion der Ökonomen: „Wo sie recht haben, haben sie recht.“

 

Wir merken uns: die Geschichte von der Angst verändert ihr Gesicht. Ja, es gibt auch noch den Seehofer Horst, der im „Stern“-Interview ganz unbekümmert auf den Putz haut: „Dass andere an unser Geld wollen, ohne sich dabei zu viel zuzumuten, ist zutiefst menschlich.“ Nichts gegen den Seehofer Horst, er erzählt nur in zutiefst menschlicher Variation die Story, die dem deutschen Publikum schon seit Monaten und Jahren aufgetischt wird. Übrigens auch von der Kanzlerin, wenn sie vor wahlkämpfenden Biertischen in der Provinz das Wort ergreift. Aber jetzt, wo es allmählich ernst wird, kommt man mit der Geschichte von den faulenzenden Südländern, erdacht für die deutschen Dumpfbacken, nicht mehr aus.

 

Etwas mehr Geist muss her! Das nationale Ressentiment muss von einer sozialen, um nicht zu sagen: sozialistischen Geschichte überdeckt werden. Und deshalb trällert jetzt eine Schar marktradikalster Wirtschaftsprofessoren das Liedchen, das die Linksparteiler schon seit geraumer Zeit durch ihre spitzen Lippen in die Fernsehtalkshows pusten. Liest man den professoralen Aufruf ganz genau, spürt man schon, dass der Sozialismus die nationale Grunddisposition nicht vollständig zu überdecken in der Lage war. Das macht aber nichts: es ist gerade die Kombination aus Nationalem und Sozialistischem, die schon traditionell so betörend auf das deutsche Volk wirkt.

 

Da kann sich jeder das für ihn leckerste Stückchen rauspicken, da braucht man gar nicht mehr groß nachzudenken, da achtet man weniger auf den Sinn, eher schon auf die Wagenknecht, wenn man am heimischen Wohnzimmertisch befreit ausrufen darf: „Verflucht seien diese Banken!“ (jugendfreie Version). „Banken müssen scheitern dürfen“, heißt es bei den Profs, und der deutsche Spießer freut sich ob dieser hintersinnigen Bösartigkeit. Er kann sich nicht mehr daran erinnern, dass der Anführer des illustren Professorenkreises, ifo-Chef Hans-Werner Sinn am 27.10.2008, also kurz vor dem Höhepunkt der Finanzkrise, dem Tagesspiegel sagte: „1929 traf es die Juden – heute die Manager“.

 

Zweifellos meinte Sinn mit den „Managern“ auch die Banker, als er darlegte: „In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager.“ Und jetzt freut sich das gemeine Volk, dass eben dieser Prof. Sinn gedenkt, den Banken auf die Pelle zu rücken. Und, wie gesagt: Sahra Wagenknecht jubelt. „Wo sie recht haben, haben sie recht.“ Lassen wir doch einfach einmal so eine blöde Bank pleitegehen! „Systemrelevant“ – wenn ich das schon höre! Genau dies hatten sich am 15. September 2008 die Boys von George W. Bush auch gedacht.

 

Am 15. September 2008, also gut zwei Wochen nach Sinns Tagesspiegel-Interview, war es die Bush-Administration nämlich leid, eine Bank nach der anderen zu retten. „Banken müssen scheitern dürfen“, dürften sich die neoliberalen Neokonservativen gedacht haben, als sie sich entschlossen hatten, der freien Marktwirtschaft ihren Lauf und die Lehman Brothers pleitegehen zu lassen. Strafe muss sein. Was daraufhin passiert ist, dürften die deutschen Angsthasen nicht mehr so genau im Kopf haben, weil hierzulande die Folgen dieser Katastrophe zunächst einmal recht überschaubar blieben. Sicher, ein Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um fünf Prozent; aber wer weiß das schon noch?

 

Die Große Koalition hatte, wenngleich etwas spät, mit massiven Konjunkturprogrammen gegengesteuert. Von denen übrigens Top-Ökonom Sinn – nicht nur – im zitierten Tagesspiegel-Interview (das mit den Juden) nachdrücklich abgeraten hatte. Erinnert sich noch jemand daran, was in Deutschland los war, als die – wirklich ziemlich kleine – IKB in Konkurs ging? Eher schon daran, wie viele Kosten die „abgewickelte“ Real Estate auch heute noch verursacht. Darüber berichten nämlich hin und wieder die Wirtschafts- und Verbrauchermagazine der öffentlichen Fernsehanstalten. Mit dem Unterton: einfach mal Brothers pleitegehen lassen, diese doofen Banken! Sehr sinnig, findet auch die Wagenknecht.

 

Also schließt sich auch die aufgeklärte Gemeinde deutscher Bausparer dieser Sichtweise an. Jedenfalls mehrheitlich. Wie sieht das auch aus, über Griechen, Italiener und Spanier zu fluchen?! Schließlich hat man doch bald Eigentum. Und vielleicht auch jetzt schon den Stern oder sogar den Spiegel im Abo. Die bieten beides: „die Nacht, in der Monti unsere Kanzlerin reinlegte“ ebenso wie die Hintergrundstorys über die „Machenschaften der Banken“. National und sozialistisch – jeder kann sich seine Mischung individuell zusammenstellen. Aber wenn die hören, dass in Italien, oder sagen wir in Frankreich, eine Bank in eine Schieflage gerät und deren Kunden vor dem Geldautomaten in die Röhre gucken…

 

Was glauben Sie wohl, wie schnell die losrennen und ihre letzten Kröten von ihrer Bank abheben! Und ihren Bausparvertrag kündigen. Vielleicht sogar die schöne Riester-Rente. Alles! Und die Merkel? Soll die am späten Abend eine Pressekonferenz geben und zusammen mit Schäuble noch einmal eine Garantie für sämtliche Spareinlagen abgeben?! Prof. Sinn wird wieder einmal sagen, hier liege kein Systemfehler vor, sondern – wie er ja schon gesagt habe – das mit dem Euro konnte ja gar nicht gutgehen. Und Sahra Wagenknecht wird sich wieder einmal wundern, dass trotz dramatischer Zuspitzung der kapitalistischen Krise die Umfragewerte für die Linken weiter zurückgehen. Das kann einem schon ganz schön Angst machen, das mit dieser Eurokrise.

 

Enhanced by Zemanta

Comments are closed.