Offener Brief an Dr. Schilling zur Duisburger Traumzeit

Offener Brief zum Thema Kropf:
Sehr geehrter Herr Dr. Schilling!
Schön, wenn Menschen in der letzten Phase ihres Lebens zufrieden zurückblicken können und
sich gar einiger Dinge rühmen, die sie geschafft oder geschaffen haben. Besser noch: Damals, in
schwierigen Zeiten, geschafft haben. Noch besser: Damals, in ganz schwierigen Zeiten, mit ganz
wenig Geld geschaffen haben. Ich gönne Ihnen, Herr Dr. Schilling, Ihren freundlichen Rückblick auf
Erreichtes in Ihrem Leben von ganzem Herzen.
In der heutigen Duisburger Situation aber ausgerechnet das Traumzeit – Festival als Beispiel für
die Verursachung zu hoher Kosten durch die Hinzuziehung von Agenturen und als unwichtig wie
einen Kropf hinzustellen, zeugt erstens von einer sich selbst durch Altersweisheit vermeintlich
zustehenden Befugnis zu leicht abwertenden, wegwerfenden Handbewegungen – Dinge
betreffend, die einen selbst nun nicht mehr befeuern – andererseits von einer
Nichtinkenntnisnahme der momentanen Umstände.
Die DMG und das Festivalbüro mögen – die Erkenntnis ist seitens des Rechnungsprüfungsamtes
geäußert worden – nicht die finanziell günstigste Form der Wahrnehmung ihrer Aufgaben gewesen
sein – daher: Ja, vielleicht selber, auf jeden Fall anders machen! Iststand ist jedoch, dass es
derzeit noch nicht einmal mehr das Geld gibt, das 2012 für die Traumzeit hätte zur Verfügung
stehen können – warum auch immer. Wir sind also ganz konkret, lieber Herr Dr. Schilling, gerade
in einer Situation, die durchaus mit der Ihrigen damals an Bescheidenheit der Mittel zu vergleichen
ist, und das natürlich nicht nur, was die Kultur betrifft.
Die Traumzeit ist jedoch ein Festival, das mitnichten mit einer Mangelerkrankung, einer
unangenehmen Schwellung am Hals verglichen werden kann – eher mit der blühenden
Gesichtsfarbe einer im Inneren schon lange kränkelnden Stadt an einem guten Tag.
Und es gibt eine Initiative, die versucht, durch viel persönlichen Einsatz und auf der Suche nach
neuen Möglichkeiten dieses Stück europaweit anerkannter, „gesichtgebender“ Duisburger Kultur
zu erhalten.
Wir versuchen, es Ihnen gleich zu tun, Herr Dr. Schilling, in schlechten Zeiten mit wenig Geld –
dafür mit neuen Ideen und Vernetzungen – trotzdem Kultur zu schaffen. In Ihren Augen mag die
Vorliebe für die Traumzeit als „persönliches Steckenpferd“ gelten – jedoch wird aus Ihren eigenen
Äußerungen klar, dass auch Sie damals Vorlieben hatten, Ideen und Konzepte toll fanden. Noch
jetzt spürt man Ihren Stolz auf die „DDR – Akzente“ oder das Festival rund um die jüdische Kultur,
für deren Gelingen Sie sich ähnlich eingesetzt haben werden, wie andere das jetzt für die
Traumzeit tun. Und übrigens – die Traumzeit kooperiert mit dem Goethe – Institut und dem NRW
Kultursekretariat, siehe Myanmar – Schwerpunkt.
Ich persönlich lehne es ab, einer Meinungsmache zu folgen, die darauf abzielt, unterschiedliche
Interessen innerhalb einer Stadtgesellschaft gegeneinander auszuspielen. Ich möchte nicht, dass
Schulkinder ohne Mittagessen und Fahrschein dastehen, dass soziale Dienste reduziert werden,
aber auch nicht, dass Kindertheater oder Oper geschlossen werden und Festivals verschwinden.
Sicher haben auch Sie damals – als „die Mittel bescheidener waren“, keinem Obdachlosen die
Decke weggerissen. Trotzdem haben Sie sich – und das mit einigem Erfolg – für die Kultur
eingesetzt und Einiges erreicht für Duisburg.
Nichts anderes möchten wir versuchen: Auf Protzerei und Verschwendung möge verzichtet
werden, die Fantasie möge in die Verwaltung wieder Einzug halten und die Satthälse (Satthals –
alte Bezeichnung für Kropf) dieser Stadt, die in der Vergangenheit viel in den Sand gesetzt und viel
damit verdient haben, mögen durch interessierte, fähige Menschen ersetzt werden. Vielleicht sogar
in Teilen der Duisburger Printmedien, deren stets eindimensionale Berichterstattung im kulturellen
Bereich NRW-weit legendären Status anzunehmen beginnt.
Herr Dr. Schilling, ich sehe Ähnlichkeiten. Sie da in Ihrem „Unruhestand“ – wir hier in kultureller
Unruhe. Sie mit Ihrer Freude über das, was Sie damals geschafft haben, wir mit dem Willen, heute
ebenfalls etwas zu bewirken. Tun Sie mehr für Duisburg als mit einer flüchtig in den Raum
geworfenen medizinischen Fehldiagnose. Werden Sie Mitglied bei den Traumzeitrettern.
Luise Hoyer
Duisbürgerin

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