The Turn of the Screw: Von Dominanz und Unterwerfung

Sylvia Hamvasi (The Governess), Harry Oakes (Miles), Eleanor Burke (Flora) - Photo: Hans Joerg Michel

Die Duisburger Premiere von Brittens „The Turn of the Screw“ besticht mit musikalischen Glanzleistungen – leider hinterlässt die Inszenierung einige Fragezeichen.

Der Verfall hat sich in dieses Landhaus eingeschlichen. Während der Vorhang noch lebhaft das girlandenhafte Muster zeigt, ist dieses auf den Tapeten des Hauses längst verblichen, ebenso wie die Türen eine Schicht Farbe und die Fenster etwas Putzmittel vertragen könnten. Die Tristesse hat auch auf die Haushälterin Mrs. Grose – eine überragende Marta Marquez – übertragen, die zu Beginn der Oper rauchend auf der Bühne erscheint, vergebens damit bemüht die Kinder zu bändigen. Dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, bemerkt die junge Gouverness erst nach und nach – die Atmosphäre im Haus wird immer unheimlicher, die Geister der vorherigen Dienstboten scheinen die Kinder stärker und stärker zu beeinflussen. Während Mrs. Grose zusammen mit dem Mädchen Flora den Geistern zu entkommen scheint, stirbt der Junge Miles in den Armen der Gouverness – die Gespenster sind damit jedoch gebannt.

Dass Britten dieses Sujet für eine Kammeroper auswählte ist angesichts der Vorlage nur folgerichtig. Henry James Novelle lebt von Andeutungen, von Atmosphäre und von dem Ungewissen. James wählt das Subtile und lässt den Leser seine eigenen Schlüsse auf das Geschehen finden. Statt einer definitiven Deutung bleibt die Geschichte merkwürdig schwebend, man wird sie nach dem Lesen sicherlich nicht so schnell vergessen. Dass diese Subtilität auf der Bühne nicht unbedingt gewahrt bleiben kann steht ausser Frage. Dass die Inszenierung von Immo Karaman die wechselnden Spiele der Protagonisten, die zwischen Dominanz und Unterwerfung pendeln, betont, ist eine Deutung des Geschehens, die man durchaus bestätigen kann. Die Doppelung der Rollen des Peter Quint und Miss Jessel, der Anderen, ebenfalls. So agieren in der „Nacht“-Szene gegen Ende des ersten Aktes durch die versetzte Art und Weise des Bühnenbildes zwar durchaus miteinander, aber geraten nicht in direkten Kontakt. Ebenfalls ein schönes Stilmittel der Inszenierung: Die Treppen werden im Laufe der Handlung schräger, ja, werden am Ende gar einmal völlig auf den Kopf gestellt. Ein Haus, das aus den Fugen gerät, eine Welt, die nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Einbildung unterscheidet. Ja, dies sind Momente in denen die Inszenierung gelungen ist.

Henry James Novelle, für die Benjamin Britten bewußt auf ein großes Orchester verzichtete, so dass nur 14 Musiker der Düsseldorfer Symphoniker zu hören sind – ein klarer, virbrierender und kraftvoller Klang mit gut gewählten Tempi, sowohl Musiker als auch Wen-Pin Chien in Höchstform an diesem Abend – James Novelle nun setzt wie schon erwähnt auf Subtilität, nicht auf das Offensichtliche. So hätte der Inszenierung etwas weniger Pathos gut getan. Das Hin- und Herrennen der Kinder zwischen offenen Türen etwa weckt die Erinnerung an schlechte Comedy, so auch die Szene wenn sich die Gouverness und die Kinder zum ersten Mal begegnen: Das Hin- und Hergezerre erschließt sich nicht so ganz. Ebenfalls wird zuviel mit Schatten und Licht gespielt – einerseits möchte die Inszenierung wohl die ehemalige Gouverness als Schatten der aktuellen Gouverness darstellen. Etliche Szenen sind spiegelbildlich angelegt. Dies könnte funktionieren, warum man dann aber in der Szene am See nochmal weitere Miss-Jesses-aufbietet? Spiegelbilder der Spiegelbilder? Andererseits, um das Spiegeln noch zu vertiefen, scheint man vorzuschlagen, dass Peter Quint der Schatten des abwesenden Guardians der Kinder ist. Das deutet der Prolog an, in dem die Silhouette von Quint aufscheint während die Gouverness noch ganz eingenommen von ihrer Begegnung mit ihrem Arbeitgeber ist. Ebenfalls fraglich ist die Art und Weise der Körpersprache, die an etlichen Stellen zu aufgesetzt und pathetisch erscheint. Schade.

Sängerisch dagegen ist der Abend fast aus einem Guß: Corby Welch ist ein eindrucksvoller Peter Quint, der auch die Arabesken Brittens meistert. Als Governess changiert Sylvia Hamvasi zwischen Strenge und Zartheit. Harry Oakes als Miles und Eleanor Burke als Flora meistern ihre Partien mit Verve. Anke Krabbe als Miss Jessel dagegen war etwas zu zurückhaltend, während Mrs. Grose von Beginn an eine ausdrucksvolle Bühnenpräsenz entfaltet. Ulrich Kopas – Quint II – und Anna Roura-Maldonado  – Jessel II – brillieren in der Nacht-Szene. Insgesamt ein Premieren-Abend, der von der Inszenierung seine Schwächen hatte, gesanglich und musikalisch aber den Besuch wert ist.

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