Namen, Hormone und der Trieb (hier und heute: die Geldgier)

Es gibt Namen, die sind nicht schön, dafür aber selten. Sollten Sie nach Beispielen hierfür suchen wollen, gehen Sie einfach mal Ihre Straße auf und ab – eine Straßenseite hin, die andere zurück, selbstredend! – und sehen sich die Klingelschilder an! Es gibt aber auch Namen, die sind das Gegenteil. Also zum Beispiel: schön, aber häufig – dazu allerdings später. Oder, weil es vier Gruppen gibt, wenn wir die Namen hinsichtlich Schönheit und Häufigkeit in Ja-Nein-Gruppen kategorisieren, auch Namen, die zu einer der beiden hässlichen Gruppen gehören. Sprich: zum einen die absolut größte Gruppe, nämlich die hässlichen Namen mit Seltenheitswert, zum anderen die hundertprozentigen Gegenteile des Eingangsbeispiels, also hässliche Namen, die häufig vorkommen.

Kürzlich hatte ein Herr mit einem der letzten Gruppe zuzurechnenden Namen einer ziemlich prominenten Hochleistungssportlerin seine Liebe via eMail gestanden und ihr zum Beweis im Anhang ein Foto seines erigierten Geschlechtsteils mitgeschickt. Selbstverständlich, wie es sich gehört, unter Angabe seines Namens und seiner vollständigen Adresse. Liebesbekundungen ohne Angabe des Absenders sind ja auch irgendwie blöd. Wie auch immer: die angebetete Prominente geriet ob dieser Post dermaßen in emotionale Schwingung, dass sie auf ihrer Internetseite die Weltöffentlichkeit wissen ließ, welches Erlebnis ihr soeben widerfahren ist. Welcher Mann welchen Namens ihr welch schönes Geschenk hat zukommen lassen. Jedoch: weil das Foto nun einmal ihr und niemandem Anderen gehört, hat sie es nur erwähnt, nicht aber gezeigt.

 

Vielleicht hätte man sonst mit etwas größerer Sicherheit Klarheit über die Identität des Absenders gewinnen können, was insofern recht günstig gewesen wäre, weil die Spitzensportlerin die Öffentlichkeit nur über dessen Wohnort, nicht aber über Straße und Hausnummer aufgeklärt hatte. Bei dem Ort handelt es sich um ein echtes Kuhdorf; dennoch wohnen dort zwei weitere Herren gleichen Namens. Vor- und Zuname, dennoch oder gerade deshalb. Es ist bekannt, dass gerade in kleineren Ortschaften Namensgleichheit ein überproportional häufig anzutreffendes Phänomen ist, was im Übrigen nicht allein der in ländlichen Gebieten ein wenig abweichenden Hormonhaushaltsverwaltung geschuldet ist, sondern in aller Regel einer bewusst geplanten Erbsicherungsstrategie.

Dass wiederum diese Strategie ihrerseits teilweise erhebliche Rückwirkungen auf den (nicht nur hormonellen, sondern gesamten) biologischen Status der so gezeugten Dorfbewohner hat, erklärt als Gesellschaft-Natur-Dialektik den scharfen Stadt-Land-Widerspruch auch in modernen Gesellschaften. Wie auch immer: auf die Namensvettern des schwanzfotoversendenden Sportliebhabers prasselten wüste Shitstorms ein, und der mutmaßliche Absender – also derjenige, der unter der nur der Sportlerin und der Polizei bekannten Adresse gemeldet war – erklärte, seine IP-Adresse sei gehackt worden und er habe eine feste Freundin, die – von ihm selbst abgesehen – über das Exklusivrecht verfüge, sein edles Organ näher zu betrachten. Es hat mich, um mit dieser Geschichte nun auch einmal zu einem Ende zu kommen, übrigens nicht näher interessiert, wie sie weitergegangen ist.

 

 

Wesentlich spannender finde ich da schon eine Geschichte, die in der aktuellen (Print-) Ausgabe des „Spiegel“ erzählt wird (Nr. 22/2012 vom 26.05.2012 – online nicht kostenfreierhältlich). Es ist die Geschichte des Michael Hofmann, und jetzt kommt´s: nicht irgendeines Michael Hofmann, sondern des Michael Hofmann. Michael Hofmann ist nämlich, wie Sie sich denken können, ein Name aus der eingangs erwähnten Gruppe Nr.2: ganz schön, vor allem aber auch ganz schön häufig. Sogar, wenn wir nur die Hofmänner mit einem „f“ nehmen. Nähmen wir die Doppel-Efler – davon gibt es noch mehr, auch noch hinzu – dann … – Machen wir aber nicht; doch auch so: Sie glauben ja gar nicht, wer so alles Michael Hofmann heißt. Yeti und Pleti, aber sogar auch – sagen wir mal: prominente Leistungssportler.

Und: wie viele Doktoren es gibt, die Michael Hofmann heißen! Also klar: richtige Doktoren, sprich: Ärzte. Aller möglichen medizinischen Fachrichtungen, darunter echte Kapazitäten! Die meine ich aber allesamt nicht. Verstehen Sie?! Nicht! Ich meine nur den einen einzigen Doktor Michael Hofmann, auch eine medizinische Kapazität. Leider jedoch plötzlich und unerwartet von uns gegangen. So dass Sie sich – das wäre vielleicht sowieso das Beste – den Namen „Michael Hofmann“ einfach gar nicht merken! Haben wir uns verstanden, nicht wahr?! Der Dr. Michael Hofmann ist nämlich überraschend im Alter von 51 Jahren verstorben, und zwar am 16. Februar 2012. Woran er gestorben ist, kann ich Ihnen leider nicht sagen; sämtliche mir zur Verfügung gestandenen Quellen ließen unerwähnt, warum Dr. Michael Hofmann verschied.

 

Nun ja, das kann uns ja auch egal sein. Unstreitig ist jedenfalls, wann Herr Hofmann verstarb: nämlich – wie gesagt – am 16. Februar 2012. Der Doppelcharakter der Totseins kommt nicht zuletzt darin zum Ausdruck, dass man sich zwar einerseits nicht mehr wehren kann, andererseits sich aber auch nicht all das ehrabschneidende Zeug anhören muss, was über einen mitunter in die Welt gesetzt wird. Bei Dr. Hofmann – wie gesagt: nur diesem einen, dem Schilddrüsenspezialisten am Rhön-Klinikum Hildesheim – sieht das jetzt so aus, dass er gewisse Vorwürfe, die nicht zuletzt auch ihm gemacht werden, nicht mehr kommentieren kann, sich dafür aber auch erst gar nicht mehr anhören muss. Konkret im Fall Michael Hofmann:  „Die Prüfstelle der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) forderte von dem betroffenen Arzt, Dr. Michael Hofmann, eine Erklärung ein. Vor Ablauf der gesetzten Frist starb Hofmann allerdings im Februar 2012.“ (Ärztezeitung)

Vor Fristablauf schreibt die Ärztezeitung; der „Spiegel“ hat jedoch geschrieben, Abgabetermin für Hofmann sei der 15. Februar 2012, der Arzt sei also am Tag danach gestorben. Nun ja, tot ist er jetzt auf jeden Fall; da kommt es auf die ein oder zwei Tage auch nicht mehr an. Möge er in Frieden ruhen! Die Schilddrüse regelt, wie Sie bestimmt wissen, den Hormonstoffwechsel höher entwickelter Wirbeltiere, zu denen zweifelsfrei auch der Mensch gehört. Und der Hormonstoffwechsel bezieht sich nicht nur, auch wenn Sie dies annehmen mögen, auf den Sexualhormonhaushalt; dennoch geht hier nicht selten so manches in die Hose. Nicht selten, allerdings nun auch wieder nicht oft genug, jedenfalls wenn man bedenkt, dass eine Radiojodtherapie „ohne größeren Aufwand“ durchführbar ist und die Krankenkassen für jede einzelne 3000 Euro zahlen.

 

„Radio“, weil Radioaktivität – nicht erschrecken: unter Nuklearmedizinern gilt die Radiojodtherapie als ein ziemlich sicheres und risikoarmes Heilverfahren. Na klar: sie muss freilich medizinisch indiziert sein. Was dies betrifft, haben nun das ARD-Magazin „Monitor“ am Donnerstag, den 24.05.2012, und der „Spiegel“ in seiner Printausgabe vom Samstag (feiertagsbedingt), den 26.05.2012, berichtet, dass „am Rhön-Klinikum Hildesheim möglicherweise eine Vielzahl von Patienten falsch behandelt und geschädigt“ wurden. Ein Gutachten stellt in mindestens vier Fällen eine „bewusste Manipulation“ von Laborwerten fest, die zusammenfassend als „erschreckend“ eingestuft werden. Vier erwiesene Fälle, tatsächlich geht es um eine wesentlich höhere Zahl von Geschädigten; denn Hofmann griff außergewöhnlich häufig zur Radiojodtherapie.

Statt der statistisch zu erwartenden nicht einmal 200 Behandlungen verordnete Dr. Hofmann jährlich mehr als 500 Therapien – mit der Folge dramatischer, teils irreversibler Nebenwirkungen bis hin zur Zerstörung der Schilddrüse. Das Management der Privatklinik, die mit Hofmann als einen „Nuklearmediziner mit breiter universitärer Ausbildung“ und „international gefragten Referenten“ mit einer „beeindruckenden Publikationsliste“ geworben hatte, weist jede Schuld von sich: Hofmann habe „im Rahmen seiner ärztlichen Therapiefreiheit“ gehandelt (Frankfurter Rundschau). Immerhin hat das Klinikum Hildesheim nun eine Hotline für die Schilddrüsen-Patienten geschaltet. Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft Hildesheim ihre Ermittlungen eingestellt. Michael Hofmann ist tot.

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