Haushaltssanierung Duisburgs oder wie schreibt man ein Wahlprogramm (Teil 3: Kunst und Kultur)

„Bubble Beatz“ auf dem Traumzeitfestival 2011 - Foto: Thomas Rodenbücher

„Bubble Beatz“ auf dem Traumzeitfestival 2011 - Foto: Thomas Rodenbücher

7 Mio. Euro müssen her. Entweder „Hochkultur“ oder „Freie Szene“, einer muss dran glauben. High Noon und 12 Uhr Mittags in Duisburg. Der Vorschlag ist auf Konfrontation und Konflikt in der Szene angelegt und kaum als Ansatz für eine Sanierung geeignet. Zudem ist er in sich völlig widersprüchlich und dokumentiert eindrucksvoll das komplette Versagen des zuständigen Derzernenten. Obwohl nicht alle Detailinformationen öffentlich vorliegen, die für eine Ausarbeitung  eines soliden Ansatzes nötig wären, kann man sich dem Thema mit Orientierung an Benchmarks und dem Aufzeigen der Widerprüche seriös nähern. Listen wir einige Punkte einfach mal auf, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Es spricht viel dafür, dass bei einem Ende der Deutschen Oper am Rhein das Orchester seiner Grundlage beraubt wird. Man sollte dann so ehrlich sein und dies auch ganz klar sagen. 2. Die Frage ist, ob es Synergien geben könnte zwischen Düsseldorf, Duisburg und Essen. Immerhin 3 mal Philarmonie auf engem Raum. Das müssen die Fachleute beantworten, wäre aber ein Ansatz. Mir ist klar, aus 3 macht man nicht einfach 2, aber Synergien darf man nicht einfach ausschliessen. 3. Die DOR ist ein Gemeinschaftsprojekt zwischen Duisburg und Düsseldorf. Es mutet merkwürdig an, wenn der finanziell kleinere Partner mit der Auflösung der „Firma“ an die Öffentlichkeit geht. Es darf niemanden wundern wenn sich der grössere Partner fragt, ob er noch richtig aufgehoben ist. Eine Sanierung bzw. Einsparungen gehen überhaupt nur im Konsens mit Düsseldorf und hätten unbedingt vorher abgestimmt werden müssen. 4. Es ist nicht richtig, dass ein reines „Bespielungstheater“ qualitativ minderwertig sei. Beispiel aktuell sind die Ruhrfestspiele Recklinghausen: Etat ca. 6 Mio., Einnahmen aus Kartenverkäufen ca. 1,5 Mio., dazu noch Sponsoren. Insgesamt ca. 4 Mio. Zuschussbedarf bei über 200 Vorstellungen von internationalem Rang. Klar, der Vergleich hinkt, aber 4 Mio. sind nicht 11 Mio., wobei diese auch nur ein Teil der Summe sind. 5. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ausgerechnet der städtische Kulturbereich ein Optimum an Effizienz darstellt. Das ist nach allen Erfahrungen eher nicht der Fall und wäre geradezu eine Überraschung. Um einen Ansatz zu erarbeiten sind auch hier die Abläufe sehr genau zu analysieren und aufzuzeigen, an welchen Stellen es Möglichkeiten zur Optimierung gibt.

Es wäre Aufgabe des Dezernats gewesen diesen Job auszuführen. Es war genug Zeit vorhanden und die Fachleute in Duisburg und Düsseldorf gibt es auch.  Man hat sich aber für eine andere Form der Präsentation entschieden und glaubt nun, dem Duell zwischen „Hochkultur“ und „Freier Szene“ als Zuschauer beiwohnen zu können. Mehr muss man über die Qualtiät dieser Vorgehensweise nicht sagen und es bleibt zu hoffen, dass die Duisburger Kunst- und Kulturfreunde darauf nicht hereinfallen. Jetzt fehlt die notwendige Zeit, die Diskussion der Spaltung läuft und das Ergebnis wird niemanden freuen. Man könnte jetzt auch ein Los ziehen, denn eine Strategie wurde nicht erarbeitet, von Niveau kann keine Rede mehr sein.

Der Wert einer „freien Szene“ wird in Duisburg verkannt. Es gibt genug Beispiele wie Kunst und Kultur ganze Stadtteile neu beleben können und was passiert wenn markante Szenenorte verschwinden. Bestes Beispiel ist in unserer Nachbarschaft Düsseldorf das ehemalige „Monkey`s Island“ am Hafen. Es musste im Streit mit der Stadt schliessen, ein Hotel wurde gebaut. Das Publikum bliebt aus und Geschäfte ziehen sich aus dem Viertel zurück. Die freie Szene in Duisburg ist mehr als leistungsfähig: Ein Museum wird privat betrieben, es gibt Galerien mit Ausstellungen renommierter Künstler, Szenenkneipen mit Veranstaltung werden von Privatpersonen ohne öffentliche Zuschüsse betrieben. Wir haben eine lebendige Szene, die aber auf der anderen Seite in einem latenten Kampf mit der Verwaltung steht, der nach der Loveparade besonders ausgeprägt ist. Man darf dabei aber nicht vergessen dass es Strafverfahren gegen Angestellte gibt und die Angst einer fehlerhaft erteilten Genehmigung ist verständlich. Das sollte in der Diskussion berücksichtigt werden.

Trotzdem steht für mich fest: Die Bürger werden den Kampf gegen die Verwaltung verlieren weil niemand die Zeit und das Geld hat um einen solchen Wettbewerb durchzustehen. Es ist deshalb sehr wichtig, genau hier Ansatzpunkte für einen geordneten und deutlich verbesserten Umgang zu finden. Dabei sind manche Dinge ganz einfach und die einfachen Dinge sind bekanntlich meist die besten: Wir haben im Bereich der städtischen Unternehmen sehr erfahrene Veranstaltungsmanager, z.B. im Landschaftspark Nord, die etwa im Rahmen eines Workshops aufzeigen könnten was alles zu beachten ist, wie die Wege in der Verwaltung sind und wer überhaupt Ansprechpartner ist. Eine einfache Checkliste würde schon viel helfen. Eine Koordination in der Verwaltung ist angesagt und dafür müssen keine neuen Stellen geschaffen werden. Die Orte regelmäßiger Veranstaltungen in Duisburg sind allgemein bekannt, nicht bekannt sind aber ungenutze Räume, die für Proben oder für sonstige Aktivitäten geeignet wären. Das kann nur zentral über die Verwaltung systematisch gesammelt werden.

Es gibt in Duisburg Stadtteile bzw. Bezirke, die von ihrer Struktur her als Kiez geeignet wären. Zur notwendigen Atmosphäre zählt ein individueller Baubestand, mal egal in welchem Zustand er sich befindet. Ganze Stadtteile Berlins sind auf diese Weise saniert worden. Aus meiner Kenntnis gäbe es Ansätze in Teilen von Ruhrort sowie in Bruckhausen. Letzteres mag überraschen, ich empfehle aber jedem sich das vor Ort einmal anzusehen. Der Stadtteil entstand um 1900, wurde durch reiche Bürger errichtet mit breiten Strassen und Plätzen. EU Fördermittel sind in die Sanierung der Straßen und Plätze geflossen und die Industre „Skyline“ hat ihren Charme.  Das derzeitige Konzept geht mitten durch den Stadtteil und lässt die Möglichkeiten einer steuerlichen Förderung über Sonderabschreibungen komplett aus. Es würde zu weit führen dass hier im Detail zu beschreiben, aber in Deutschland sind steuerliche Sonderabschreibungen ein Wundermittel zur Generierung von Investitionen. Der Einstiegspreis spielt auch eine sehr grosse Rolle und der ist gering.

Als CPA, also amerikanischer Wirtchaftsprüfer, war ich oft genug in den USA, insbesondere in New York und habe in den 1990er Jahren live erlebt wie runinierte Stadtteile und Bezirke über Kunst-, Kultur und pfiffige Geschäftsideen neu belebt werden. Bevor man überall den Untergang herbeiredet sollte man sich auf einen anderen Weg begeben. Die Frage ist nur: Haben wir dafür die richtigen Führungspersonen?

Weitere Informatioenen: www.richardwittsiepe.de

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One thought on “Haushaltssanierung Duisburgs oder wie schreibt man ein Wahlprogramm (Teil 3: Kunst und Kultur)

  1. Sie schreiben, dass ein reines „Bespielungstheater“ qualitativ nicht minderwertig sein muss.
    Da pflichte ich Ihnen gerne bei.
    Nur vergessen Sie dabei, dass im Fall von Duisburg auch das „Bespielungstheater“ ohne die „Opernehe“ schlecht darstehen würde. Denn die Kulissen werden zum größten Teil bisher in den Werkstätten der Deutschen Oper am Rhein gebaut; ansässig in Duisburg-Wanheimerort.Gleiches gilt für den Theaterfundus. Die meisten Kostüme kommen aus dem Fundus in Düsseldorf.
    Wenn nun also die Opernehe platzt, bedeutet das gleichzeitig, dass das „Bespielungstheater“ eine eigene Werkstatt braucht und einen eigenen Fundus braucht um überhaupt weiter das Theater bespielen zu können.
    Wie hoch wären denn da die Kosten?
    Dazu der Umstand, dass das Theater kein eigenes Ensemle hat. Schon jetzt wird ein nicht unwesentlicher Teil des Bühnenprogramms vom am Theater ansässigen Jugendclub bestritten; ehrenamtlich und mit geringsten Produktionskosten. Alles darüber hinaus muss eingekauft werden. Dass dafür nicht viel Geld zur Verfügung steht, dürfte jedem klar sein.
    Über kurz oder lang wird die Qualität aus Kostengründen leiden. Und wo die Qualität leidet, da bleibt das Publikum aus. Und dann ist es nicht mehr weit bis zur Schließung.
    Wer also jetzt das Ende der Kooperation mit Düsseldorf für gut heißt, versetzt dem Stadttheater Duisburg den Todeesstoß. Ein Tot auf Raten – aber dann wohl unabwendbar.