Der Award

Award numeral 0

Award numeral 0 (Photo credit: Wikipedia)

Es gibt derzeit kaum einen Schriftzug, der so flexibel einsetzbar ist, wie ‚Kultur‘. Die Verwendung erreicht ein babylonisches Niveau, bleibt aber auf Menschen und ihre Errungenschaften bezogen, auf Individuen und auf Gemeinschaften unterschiedlicher Größe wie Städte oder Nationen.

Der zentrale Kontrast besteht zu ‚Natur‘, ein Gegensatz, der allerdings nicht eindeutig ist, wie es häufig in der Umgangssprache vorkommt. Eine Natur, die nicht von Menschen in irgendeiner Weise geformt wurde, ist kaum noch auszumachen. Entfällt eine Nutzung, z.B. eine landwirtschaftliche wie auf Eis- oder in Sandwüsten, erreicht doch die Verseuchung von Wasser, Luft und Erde alle Striche und Winkel des Planeten. Alternativ lässt sich ‚Kulturlandschaft‘ anführen, auch wenn eine Verwendung im Hinblick auf Umweltkatastrophen schwerfallen kann, die von Menschen verursacht wurden.

Gewöhnlich wird Kultur als etwas Positives interpretiert. Sie schafft die Möglichkeit, sich mit den Taten und Ergebnissen zu identifizieren, auch um einer Fremd- und Selbstachtung willen. Alaskas ölverseuchte Strände, von Plastikmüll überzogene Inseln wie die im Great Pacific Garbage Patch, oder emissionsbedingte Einflüsse auf das Klima sind hervorragende Beispiele für die Auswirkungen menschlicher Innovation. Man wird kaum umhin kommen, die katastrophalen Ereignisse und Resultate mit gebührender Achtung als menschliche Errungenschaften einzubeziehen, um ein relativ umfassendes und klares Bild zu erhalten.

Einfache Differenzierungen zwischen ‚Kultur‘ und ‚Natur‘ sind nicht sehr häufig anzutreffen. Kultur und Zivilisation fallen dabei in eins. Zusätzlich wird gerne ‚Wirtschaft‘ von ‚Kultur‘ abgegrenzt, nicht umfassend, weil auch Kultur wirtschaftliche Interessen entfalten kann und einige Firmen eine Unternehmenskultur in Anspruch nehmen. Bezieht man auch noch ‚Technik‘ und ‚Wissenschaft‘ ein, außerdem, um der beruflichen Dominanz in den Unterscheidungen etwas entgegenzuhalten, ‚Alltagskultur‘, wird es allmählich unüberschaubar. Technische Produktionsmittel, Anwendungen und Produkte, die über Handwerkliches hinausgehen, auch kreativwirtschaftliche Aktivitäten und die Verwertung wissenschaftlicher Ergebnisse, sind in der Wirtschaft als auch in der Kultur auffindbar. Und die Alltagskultur ist zu einem Auffangbecken von wirtschaftlich ausgerichteten Dienstleistungen und Produkten aller Bereiche geworden, die kaum noch etwas aussparen, bis hin zum ‚Personal Branding‘, der Kunst, sich selber zu modellieren, die von einigen Marketingagenturen angeboten und vermittelt wird.

Angesichts der fortgeschrittenen Relevanz von Wirtschaft und Technik in der Kultur, auch der Verwertung wissenschaftlicher Resultate, kann es erstaunen, dass weiterhin an einer Unterscheidung von Natur und Kultur festgehalten wird, einer Differenzierung, die das gesellschaftlich zugängliche Wissen außer Acht lässt und einen sonderbar egozentrischen Blick verrät. Die Menschheit, ihre Werke und das erlangte Selbstwertgefühl der Natur entbunden zu haben, ist wohl das Eigentümlichste in der Menschheitsgeschichte, das konzeptionell erschaffen wurde. Ginge die Welt an den menschlichen Segnungen in unserer Zeit zugrunde, könnte man sich fragen, ob mit dem ‚Personal Branding‘ nicht das geschichtliche Telos, der Höhepunkt und esoterische Sinn der Menschheit erreicht wäre, so dass man zum erfolgreichen Untergang noch einen Award bereithalten dürfe!

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Seit einigen Monaten beschäftigt mich die Frage, wie ein literarisches Projekt über Kultur angegangen werden könnte. Nun ist es passiert. Ich bin hineingestolpert. Im Anfang steht ‚Der Award‘!

Inzwischen ist der zweite Text der Reihe erschienen: Ein Blick zurück.

Das Projekt wird essayistische Notizen bzw. Kurz-Essays umfassen, die hier auf xtranews in lockerer Folge und nebenbei erscheinen werden. Einen Titel hat das Projekt noch nicht, auch keine planerisch erschlossene Ordnung, aber schon zwei weitere, noch nicht eingereihte Texte: Musik ist eine Hure und Das Ende einer Ära. Als geneigter Leser wohnt man einem Experiment bei, das sukzessive vor den eigenen Augen … mehr weiß ich selber nicht.

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