Von der Rätselhaftigkeit der Welt: Frank Fischer – „Weltmüller“

Sie tarnen sich im Gewand von Zeitungsreportagen  – die drei Erzählungen von Frank Fischer, die kürzlich im SuKulTur-Verlag im Bändchen „Weltmüller“ gesammelt erschienen sind. Sie sind die Hinterlassenschaft eines Journalisten des selben Namens, der laut Klappentext diese drei Reportagen auf seinen Tisch festnagelte – die genauere Hintergründe bleiben dem Leser allerdings verborgen. Rätselhaft. Genau so wie die Gegenstände der drei Erzählungen sich der einfachen Deutung entziehen. Die Welt Frank Fischers ist eine, in der ein Godot auf der Bühner erscheint und auch nicht, in der ein riesiges Kunstwerk im öffentlichen Raum erscheint und niemand weiß, wer der Künstler ist und in der ein Madonnenbild verschwindet und unerwarteterweise wieder in Italien auftaucht.

Als Frank Fischer bei SuKulTur „Die Zerstörung der Leipziger Stadtbibliothek im Jahr 2003“ veröffentlichte – ein Vorläufer dieser Mischform aus Reportage und Erzählung – war schon klar, dass hier jemand schrieb der journalistisches Handwerk beherrschte. In der Tat klang diese Erzählung wie ein Stück des deutschen Feuilletons, eines das in der FAZ oder in der NZZ hätte erschienen sein können, eine Mischung zwischen Fakten und Fiktionen, eine Beschreibung eines rätselhaften Vorgangs, der sich jeder Deutung auf Anhieb erstmal entzieht.
Diese verrätselte Wirklichkeit findet sich auch in „Weltmüller“ wieder. Als Fundament für die Erzählungen stützt sich Frank Fischer dabei auf das, was in der Realität in Deutschland stattfindet. Die Ereignisse um die Kölner Oper sind dem Kulturinteressierten noch in guter Erinnerung und sie finden ihren Niederschlag in der ersten Erzählung „Weltmüller“ wieder. Becketts „Warten auf Godot“ wird hier in Hamburg von einer unkonventionellen Regisseurin inszeniert, die den österreichischen Superstar Weltmüller als Godot besetzt – als denjenigen, der im Stück selbst gar nicht auftaucht. Die Aufführung wird zum Skandalon weil sie die Erwartungen des Publikums durchkreuzt. Die Ironie, die hier zu tage tritt, lässt schmunzeln. Hier gibt es erstmal kein Rätsel zu lösen – was die Regisseurin beabsichtigt hat liegt klar auf der Hand. Treffsicher zeichnet Fischer das Bild eines Schauspielers, dessen Hochzeit auf der Bühne vorbei ist und der mit diesem Coup zurück in die Öffentlichkeit will – und glorios scheitert. Dabei nimmt Fischer ironisch die Vorgänge des Bühnenbetriebs aufs Korn. Das Satyrstück des Bandes.

Ernster dagegen die beiden anderen Erzählungen – sie handeln von einem Kunstwerk, dass auf dem Augustusplatz in Leipzig installiert wird – dessen Urheber niemand weiß und das sich seltsamerweise zu ändern beginnt und von den Vorgängen um ein Bild aus der Dresdner Gemäldegalerie, das merkwürdigerweise aus dieser Galerie verschwindet um dann wieder in Italien aufzutauchen. Beide Vorgänge werden aus der Sicht des objektiven Journalisten geschildert, der handfeste Recherchen durchführt um die Hintergründe der Vorgänge aufzuklären. Dieses Vorgehen aber muss bei der Rätselhaftigkeit dieser Vorgänge schließlich scheitern: Statt der Aufklärung gibt es nur noch mehr Fragen, jede Antwort gebiert erneutes Unwissen. Wer das Kunstwerk auf dem Augustusplatz in Auftrag gab wird ebensowenig aufgeklärt wie die Tatsache, dass sich das Werk verändert ohne dass man weiß, wie. Aus welchen Gründen ein Soldat ein Gemälde gestohlen haben könnte – oder vielleicht auch nicht – bleibt ebenso im Dunklen. Was sich zuerst mit harten Fakten belegen lässt verschwindet im Laufe der Erzählungen mehr und mehr ins Vage, ins Ungewisse. Mäandernde Spuren führen aus der Realität heraus. Selbst die Frage, ob dies nun Reportagen, Erzählungen oder gar Novellen sein könnten lässt Fischer offen. Da alle drei unerhörte Begebenheiten erzählen wäre die Form der Novelle durchaus nah, dafür aber scheinen sie zu wenig dramatisch zu sein.

Wer sich auf die drei Erzählungen, Reportagen, Novellen einlässt, wird „Weltmüller“ als kostbares Kleinod schätzen lernen, als Unterhaltung mit Tiefgang, als etwas was sich dem Festhalten entzieht. Auch wenn diese drei Reportagen am Ende festgenagelt auf dem Tisch des verschwundenen Journalisten Frank Fischer zu finden waren…

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