Kurzfilmtage Oberhausen: Festivalleiter Dr. Gass im Interview

Gearbeitet hat er damals in Mülheim an der Ruhr und kam zu den Oberhausener Kurzfilmtagen weil es das Gerücht gab, die Stadt wolle das Festival kommerzialisieren. Dagegen wollten die Mitarbeiter des Festivals etwas tun und sprachen Leute an, die für die Fortsetzung der künstlerischen Linie einstanden. Zudem: Dr. Lars Henrik Gass hatte kurz vorher seine Anstellung in Mülheim verloren – die Zeichen für eine Zusammenarbeit hätten nicht günstiger ausfallen können. Heute ist Dr. Lars Henrik Gass Festivalleiter der Oberhausener Kurzfilmtage, er lenkt die Geschicke des Festivals seit 1998.

Damals gab es eine rudimentäre Webseite im Eigenbau und genau einen Email-Platz im Haus, das Internet wurde ignoriert. Lieber arbeitete man mit handfest mit Fax und Telefon. Im Rückblick, so Dr. Gass, war es wichtig den Markenkern, das Wesentliche der Oberhausener Kurzfilmtage zu begreifen. Das, so gesteht er ein, „ist manchmal das Allerschwierigste, herauszufinden worin das Potential einer Veranstaltung liegt.“

Ist dabei der Standort, die Stadt Oberhausen, eher ein Vorteil oder ein Nachteil? Dr. Gass muss kurz überlegen bevor er antwortet: „Ich kenne Festivals, die in Großstädten drohen unterzugehn. Nun ist Oberhausen nominell eine Großstadt, aber nicht zu vergleichen mit Städten wie Berlin oder München.“ Irgendwie muss die Provinz etwas an sich haben was die Entstehung von Festivals begünstigt, so Dr. Gass. Vielleicht ist es der Wunsch teilzuhaben an Entwicklungen, der Festivals in Städten wie Oberhausen beginnen lässt. Die Kurzfilmtage haben sehr viel mit der Geschichte Oberhausens zu tun und wenn man mit den Möglichkeiten der Stadt arbeitet, kommt man zu Lösungen, die das Potential einer Stadt besser freilegen können. „Ich habe mich immer bemüht den Bildungsgedanken ernstzunehmen, aber nicht als etwas, was mit Schule und Zensuren zu tun hat, sondern mit einer lustvollen Erfahrung auch von sich selbst.“

Wie sieht der Festivalleiter Dr. Gass den Kurzfilm als Medium an sich? Immerhin ist in Zeiten von Youtube eine Art Renaisscance erlebbar. „Ich persönlich habe mich immer dagegen verwehrt dass man versucht über eine Ästhetik des Kurzfilms nachzudenken. So etwas gibt es nicht. Das ist natürlich das große Problem, dass es so wenig fassbar ist, worum es da geht.“ Doch dies wäre wiederum genau die Chance. Das Format des Musikvideos oder der Dokumentation kann etwa in das eingegossen werden, was als Form des Kurzfilms definiert ist. Die Flexibilität, dass man anstatt eines Films sechs oder sieben einprogrammieren könne, sei eine große Freiheit. Und das Internet? Und Youtube? „Ich würde es nicht als Bedrohung ansehen, weil wir nutzen es als Tool. Aber das Internet wird auf absehbare Zeit keinen Ersatz bieten können für die sozialen Aspekte, die ich interessant finde.“

Für die Vernetzung der Künstler untereinander und für das Publik machen des Festivals selbst ist das Internet eine enorme Hilfe. Ende der 90ger Jahre schickte man noch an circa 20.000 Filmemacher Post. Dass das heute nicht mehr notwendig ist, ist für Dr. Gass eine enorme Befreiung. „Insofern sehe ich das Internet auch als ein Werkzeug. Wir haben für uns selbst langsam, behutsam die Möglichkeiten von Social Media natürlich lernen müssen.“ Für die Netzwerke entstand die Idee Studenten der FH Dortmund Videos drehen zu lassen und eine Art von Chronik daraus zu destillieren. „Man muss Dinge nicht übers Knie brechen“, so Dr. Gass‘.

Natürlich sind 50 Jahre Oberhausener Manifest eine Verpflichtung des Festivals, auch wenn die Unterzeichner alle Münchener waren wie Dr. Gass augenzwinkernd anmerkt. „Eine Verpflichtung, sich zu bekennen und auch zu engagieren.“ Man hätte auch nur Filme der Unterzeichner zeigen können, das war aber nicht genug für die Festivalleitung. Stattdessen spüre man der Aufbruchsperiode der damaligen Zeit nach. Denn der Kontrast, so das Fazit Dr. Gass, sei immer spannender als nur die reine Zur-Schau-Stellung.


Videointerview: Christoph Müller-Girod

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