Berichterstattung über die Ergebnisse der Pflegestudie am Rande der Falschmeldung

„Die Qualität der Pflege in Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten hat sich verbessert“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Spitzenverbände der Medizinischen Dienste (MDS) und der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Grundlage der Erklärung ist der 3. Pflege-Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes. „Jeder fünfte Heimbewohner eingesperrt – die Kassen schlagen Alarm“ heißt es dagegen in aktuellen Medienberichten. Ulrich Christofczik, Geschäftsbereichsleiter bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) und früher selbst Leiter eines Altenheims, reibt sich verwundert die Augen: „Reden hier wirklich alle von der selben Studie?“.

„Was ist der Sinn einer so unsachlichen und irreführenden Berichterstattung über eine Studie, die der Qualität der Pflege doch gerade eine sehr positive Entwicklung bescheinigt?“ fragt Christofczik. „Die Kassen schlagen Alarm“ (Spiegel Online) gleiche einer Falschmeldung. Tatsächlich äußerten sich die Vertreter von MDS und GKV bei der Vorstellung der Studie am Montag in Berlin ganz anders als in vielen Medien dargestellt. „In einigen zentralen Bereichen haben wir bereits einen besseren Qualitätsstandard erreicht. Den gilt es zu sichern und weiter auszubauen“, fasste der Fachgebietsleiter Qualitätsmanagement Pflege des MDS, Jürgen Brüggemann, die Ergebnisse zusammen. Gernold Kiefer, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, erklärte, es gebe nach wie vor viel zu tun, aber: „Die Pflegebedürftigen werden heute besser versorgt als noch vor einigen Jahren.“

„Fast der Hälfte aller Heimbewohner droht das Wundliegen“ heißt es im Bericht von Spiegel Online. „Aus der Schlagzeile entsteht der Eindruck, dass diese Zahl eine Folge unsachgemäßer Pflege sei“, stellt Ulrich Christofczik fest. Dabei beschreibe diese Zahl zunächst nur das objektive Erkrankungsrisiko in Hinblick auf den Allgemeinzustand eines Bewohners. „Die fachliche Kompetenz des Pflegepersonals besteht ja gerade darin, das objektive Risiko von Menschen mit Pflegebedarf realistisch zu diagnostizieren – und dann die Pflege so zu gestalten, dass dieses Risiko nicht eintritt.“ Bei den Prüfungen durch den Medizinischen Dienst wurden im Durchschnitt bei 4,4 Prozent alle Bewohnerinnen und Bewohner ein Dekubitus festgestellt. Christofczik: „In diesem Bereich sind aber weitere Fortschritte nötig.“ Ziel sei es, dass in der Pflege Dekubitus vollständig vermieden werden könne.

„Die oftmals unfaire Berichterstattung in den Medien macht Verantwortungsträger zunehmend ratlos und frustriert die Mitarbeitenden in der Pflege und macht sie wütend“, beobachtet Ulrich Christofczik. Die öffentliche Diskussion über das Thema Pflege sei oft zu undifferenziert. Viel zu leichtfertig werde dabei oftmals einer dämonisierten professionellen Pflege die vermeintliche Idylle der Pflege durch Angehörige entgegengestellt. Dabei gebe es besonders im häuslichen Bereich schwierige Situationen. Deshalb sei gerade auch für pflegende Angehörige eine professionelle Unterstützung notwendig.
Hintergrund
Der Bericht des MDS umfasst 191 Seiten. Die Ergebnisse basieren auf Untersuchungen des Pflegezustands von rund 62 000 Pflegeheimbewohnern sowie von rund 45 000 Pflegebedürftigen, die von ambulanten Pflegediensten betreut wurden. Die Daten zeigen einen positiven Trend in den meisten der erhobenen Qualitätsbereichen im Zeitraum von 2007 bis 2001. In den übrigen Bereichen ist der Qualitätsgrad den Daten zufolge auf gleichem Niveau geblieben, so bei der wichtigen Dekubitusprophylaxe: „Im Vergleich zum Bericht aus dem Jahr 2007 ist der Erfüllungsgrad gleich geblieben“, heißt es in einer Zusammenfassung der Ergebnisse des Spitzverbands der Medizinischen Dienste. Die Medizinischen Dienste prüfen nach dem Pflegetransparenzgesetz die Qualität der stationären und ambulanten Altenpflege in ganz Deutschland.

One thought on “Berichterstattung über die Ergebnisse der Pflegestudie am Rande der Falschmeldung

  1. “Die oftmals unfaire Berichterstattung in den Medien macht Verantwortungsträger zunehmend ratlos und frustriert die Mitarbeitenden in der Pflege und macht sie wütend”, beobachtet Ulrich Christofczik.“

    Stimme Hern C. uneingeschränkt zu. Die Pflegekassen verhandeln nicht mehr mit den Heimträgern über die Pflegesätze, sie diktieren sie zu Lasten der Pflegenden und zu Lasten der Personalschlüssel. Die stationäre Pflege arbeitet am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. Tarifsteigerungen werden nicht mehr in vollem Umfang angerechnet, Kostensteigerungen für Energie und Lebensmittel interessieren die Pflegekassen nicht. Die Personaldecke wird von den Pflegekassen so dünn wie nur irgend möglich diktiert. Im Gegenzug werden der Pflege immer mehr pflegeferne administrative Dokumentationspflichten auferlegt, zum Teil völlig hirnrissig und überflüssig. Diese Zeit fehlt dann natürlich für die tatsächliche Betreuung der Bewohner. Dem Personal werden vom Gesetzgeber einerseits zeitraubende Daumenschrauben angelegt, andererseits wird immer weniger Pflegepersonal finanziert, das immer mehr leisten soll.
    Credo der Pflegekassen: Wir zahlen nur das Minimum, fordern aber maximale Qualität von einem auf das Minimum reduzierten Personaldecke. Fazit: Die Pflegenden leisten tagtäglich mit zwei Händen, wofür vier gebraucht werden und sie stehen trotzdem ständig in der Kritik.
    Der Bockmist wird von der Politik verschuldet, der schwarze Peter wird den Pflegenden zugeschustert.