„Gott schmiert keine Stullen“ – Eine Rezension

Eva Kurowski

Eva Kurowski – Foto: Harald Hoffmann

Eva hatte als Heranwachsende wirklich Glück gehabt: Ihr Vater erklärte ihr gerne Vorkommnisse wie die Scheidenentzündung der Nachbarin, die Sache mit den Pilzen und der ungewaschenen Vorhaut, nicht seiner, die Beziehung war schon kompliziert genug und Liebhaber hatte die Nachbarin auch ohne ihn oder sein Zutun gehabt. Mit solchen Erklärungen ausgerüstet und aufgrund ihrer erstaunlichen Länge wirkte Eva in frühen Jahren viel älter als sie tatsächlich war.

Erwachsene, davon war Eva überzeugt gewesen, würden sich mit solchen Erläuterungen erst einmal selber Klarheit in all dem Chaos verschaffen. Sie kannte allerdings auch andere Reaktionen aus dem Viertel: “Halt die Backen und laber nich’!” Solche Bemerkungen trafen jedoch andere Kinder. Hätten die Erwachsenen geahnt, wen sie damit aus Evas Sicht letztlich geringschätzten, sie hätten es sich vielleicht noch einmal überlegt.

Die Biographie “Gott schmiert keine Stullen” (Rowohlt Polaris) handelt von einer Zeit, in der die proletarische Welt des Ruhrgebiets bereits erste Risse bekam: Mädchen schoben Puppenwagen durch die Straßen, wollten Mütter werden oder arbeitslos, während Eva davon träumte, Seeräuberkapitänin oder Zirkusartistin zu werden. Eva Kurowski erzählt von ihrer Kindheit und Jugend, die sie zu einem großen Teil in Oberhausen verbrachte, gemeinsam mit ihrem Vater, der als Jazzmusiker und Karikaturist tätig war. Die Zeitreise beginnt 1965 und führt bis zu den Aufnahmen von „Reich ohne Geld“, zu ihrer ersten eigenen Platte aus dem Jahr 2002, die von Helge Schneider produziert wurde und bei ROOF-Music (Bochum) erschien.

Im Zentrum des Buches steht die erinnerte Sichtweise und Fantasie des Mädchens: Darin haben auch die strengen Gerüche der Tiere im Kaisergarten einen konkreten Sinn: Sie helfen den Gestank der Kokereien, des Gasometers und der als Köttelbecken genutzten Emscher zu ertragen. Solche pointierten Formgebungen machen den besonderen Reiz und Humor des Buches aus. Darüberhinaus geben die Texte einen spannenden Einblick in die besonderen Umstände von Kreativen, die nicht nach Köln oder Berlin gezogen sind, sondern im weitgehend unbeachteten ‚Untergrund‘ des Ruhrgebiets aktiv wurden, wie hier im K 14. Vor allem enthält das Buch aber pointiert erzählte Erinnerungen an ein Ruhrgebiet, über das in den Medien gar nicht viel vorliegt. Es ist in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung.

Eva Kurowski: Gott schmiert keine Stullen. Eine Kindheit zwischen Lenin, Jazz und Leberwurst, 238 Seiten, Rowohlt Polaris, € 13,95 ( Das Buch ist einer erweiterte Ausgabe von „Avanti Popoloch“, ein Titel, der 2008 im Oberhausener Assoverlag erschienen war).

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One thought on “„Gott schmiert keine Stullen“ – Eine Rezension

  1. Neueres als „Avanti Popoloch“, oder Eva Kurowski neu aufgelegt? Dann schon lieber ihre Musik, produziert von Helge Schneider, herausgegeben bei roof music Bochum: „Reich ohne Geld“ – so geht genießen! Eva, Du bist nicht nur wundervoll, Du bist unschlagbar.