Das janusköpfige Handelsblatt

Während einige Mutige meinen, die Zeit sei reif für neue Spezialinteressen-Magazine und Print2.0 als Schlagwort führen, tun sich die traditionellen Medien schwer mit der Umstellung auf Internet, eBookReader und die Sharing-Kultur. Das Handelsblatt vollführt momentan einen schwierigen Balance-Akt, der zeigt wie extrem spannend unsere Zeit eigentlich ist.

Als aufmerksamer Beobachter der Medienstrategie kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass das Handelsblatt momentan nicht so recht weiß, was es will. Einerseits gibt es die Printredaktion, die eigene Themen fährt und Schwerpunkte setzt, andererseits verstärkt man das Engagement in den neuen Medien. Die Social-Media-Redaktion des Handelsblattes bewies sogar Humor, als sie ein Video im Stil von The Artist veröffentlichte, da die Grenze von 20.000 Followern geknackt wurde. Auf der einen Seite sieht das, was das Handelsblatt momentan im Social Web macht also eigentlich alles gut und richtig aus und so, als hätte man verstanden wie das Internet funktioniert.

Auf der anderen Seite des Janus-Kopfes erregte die Print-Redaktion mit einer Sonderausgabe reichlich Wirbel: 100 Köpfe sprachen sich darin für das Urheberrecht aus. Wären diese 100 Köpfe vollständig aus dem Bereich der Kreativwirtschaft gewesen und nicht durchsetzt mit Vertretern von Organisationen wie GEMA und Co. – also den Verwertern, deren Geschäftsmodell gerade darin liegt die Verwertungsrechte wahrzunehmen und durchzusetzen – so hätte das durchaus eine gewisse Glaubwürdigkeit erzielt. Der Vorwurf, die Piraten wollten generell eine Kostenlos-Kultur ist indessen ja vom Tisch: Die Piraten wollen wie einige andere aktive Internetnutzer auch eine Reform des Urheberrechtes. Und ja, auch bin dafür das Urheberrecht zu reformieren – und zwar noch bevor es irgendwann mal heftig knallen wird. Denn Dienste wie Pinterest haben gezeigt, dass man als Aktiver im Internet praktisch immer mit einem Bein im Gefängnis steht – zwar sollte man nicht unbedacht Bilder und Inhalte anderer Leute sich zu eigen machen, aber wer schaut immer sorgfältig nach, wer an was nun jetzt genau welche Rechte hat?

Einerseits also sieht man beim Handelsblatt ein großes Engagement in den sozialen Netzwerken mit der Aufforderung, die eigenen Inhalte zu teilen und zu streuen – wie ironisch eigentlich – andererseits eine eher restriktivere Haltung über das Urheberrecht im Allgemeinen. Wie geht das zusammen? Ist das nicht eher „Wasch mich, aber mach mich nicht nass?“ Es wird interessant sein zu beobachten, was das Handelsblatt weiterhin tun wird.

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