Die neue Volkskrankheit: Sozialdemokratisierung

Haben Sie sich das schon einmal vorgestellt? Sie wachen morgens auf und spüren sogleich, dass mit Ihnen heute nicht viel los ist? Kein revolutionärer Tatendrang durchströmt Ihren Körper, nur eine irgendwie alles lähmende Unentschlossenheit. Aufstehen oder nicht Aufstehen? Und wenn Aufstehen, warum eigentlich? Warum jetzt, wo Sie es sich doch so bequem und kuschelig in Ihrem warmen Bett eingerichtet haben? Warum jetzt, wo Sie doch genau genommen selbst zu den Profiteuren des Systems zählen? Es hilft nichts: Ihr deutsches Pflichtbewusstsein treibt Sie raus – ins Bad, schließlich interessiert Sie die Frage, was mit Ihnen eigentlich los sein könnte, und zwar keineswegs in unerheblicher Weise. Sie werfen einen Blick in den Spiegel und stellen zu Ihrem Erschrecken fest: ja, es ist passiert! Sie sind sozialdemokratisiert. Au Backe! Sozialdemokratisiert – ausgerechnet Sie!

 

Was waren Sie früher für ein schneller Junge oder für ein flottes Mädel! Und jetzt?! Abgeschlafft glotzen Sie in den brutalen Spiegel Ihres Badezimmers und schämen sich angesichts dessen, was Sie darin sehen müssen. Revolutionärer Elan – totale Fehlanzeige. Keine bürgerliche (Freiheits-) Revolution, keine sozialistische Revolution, keine konservative Revolution, überhaupt keine Revolution. Zu sehen sind nur Sie und in ihr Gesicht eingraviert Ihr spießiger, absolut langweiliger Sozialdemokratismus. Kein Wunder! Hatten Sie sich nicht kürzlich noch im kleinen Bekanntenkreis darüber beklagt, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffe und dass deshalb eine Gerechtigkeitslücke aufgerissen sei, die es zu schließen gelte? Und – seien Sie ehrlich – hatten Sie dabei etwa nicht anstatt an eine echte Revolution im Grunde genommen an eine Politik der kleinen Schritte gedacht? An eine ganze Reihe sozialer Reformen? Und da wundern Sie sich darüber, wie Sie aussehen?!

 

Grämen Sie sich nicht! Trösten Sie sich damit, dass Sie nicht der / die Einzige sind, der / die es erwischt hat. Gegen die Sozialdemokratisierung ist nämlich im Grunde kein Kraut gewachsen. Es sei denn, Sie sind, bleiben oder werdenunpolitisch. Das wäre eine Möglichkeit, allerdings auch die einzige. Jeder andere Weg führt über kurz oder lang … – doch doch! Es nützt überhaupt nichts, wenn Sie jetzt mit der roten Fahne und / oder der Mistgabel in der Hand rausrennen und für jedermann vernehmbar „Revolution“ brüllen. Im günstigsten Fall können Sie nach der Zwangseinweisung beim Internationalen Gerichtshof die Anerkennung als politischer Gefangener beantragen, der menschenrechtswidrig psychiatriert wird. Doch selbst dieser Fall ändert wie der wahrscheinliche – nämlich der, dass überhaupt nichts passiert – nichts daran, dass Ihre politische Wirkung in äußerst bescheidenem Rahmen bleiben dürfte, Sie also unpolitisch sind.

 

Für politisch gesonnene Zeitgenossen gibt es kein Entkommen aus dem Sog der Sozialdemokratisierung. Großen Respekt verdienen die Freunde von der „Freien Demokratischen Partei“ (FDP), die bis zuletzt versucht hatten, sich gegen den Virus der Sozialdemokratisierung zu stemmen. Okay, fast bis zuletzt. Sehen wir es ihnen nach, dass sie jetzt, im Sterbebett auf der Intensivstation, winselnd ums Überleben flehen! Keine Steuersenkungen mehr, stattdessen Verzicht auf staatliche Neuverschuldung – vermutlich kommt es zu spät, dieses Einschwenken auf die herrschende Linie, die vor etwa zwei Jahren noch ein sozialdemokratisches Alleinstellungsmerkmal bildete. Dennoch: in dieser Situation verbietet der Respekt, über die FDP zu witzeln. Wenn es um Leben und Tod geht, dann … – sagen wir es so: „lieber tot als rot“ ist heutzutage nicht mehr so recht mehrheitsfähig.

 

Und die Anderen? Bei den Grünen unterschreibt man die Bereitschaft zur Sozialdemokratisierung schon mit dem Aufnahmeantrag. Die Sozialdemokratisierung der CDU darf inzwischen als weitgehend abgeschlossen gelten, sehr zum Ärger der CSU, die ohnehin schon immer viel sozialdemokratischer gewesen ist und war als ihre restdeutsche Schwesterpartei und sich deshalb die ein oder andere reaktionäre Zickerei leisten kann, die man – obwohl tiefster sozialdemokratischer Seele entsprungen wie die Herdprämie oder manche law-and-order-Rufe – der CDU als aus der Mode gekommen ankreiden würde. Sozialdemokratisierung allerorten, außer vielleicht bei der „Partei der Nichtwähler“ (Produktname: Piratenpartei), bei der (noch?) die Regel Nummer Eins volle Gültigkeit besitzt: unpolitisch als einzig mögliche Alternative zur sozialdemokratischen. Aber wer weiß … – man ist ja noch so jung.

 

Der Virus der Sozialdemokratisierung wäre auf ganzer Linie siegreich, wären da nicht auf der linken Seite einige tapfere Revolutionäre, die sich mit aller Kraft gegen ein Abgleiten in den Reformismus und Revisionismus zur Wehr setzen. So hat in Duisburg kürzlich ein Landesvorstandsmitglied der Linkspartei dem hiesigen Fraktionsvorsitzenden den unerhörten Vorwurf des Sozialdemokratismus entgegen geschleudert. Die Duisburger Linksfraktion hat nämlich nichts gegen den Bau eines Einkaufszentrums im Norden der Stadt einzuwenden. Merke: Einkaufszentren sind irgendwie sozialdemokratisch! Oder, wie es Dustin Hoffman als Rainman im gleichnamigen Film treffend auf den Punkt gebracht hatte: „Einkaufszentrum ist Scheiße.“ Leider verhindert die schleichende Sozialdemokratisierung diese für jeden echten Revolutionär fundamentale Einsicht inzwischen schon bei den Linken.

 

Andererseits: auch das ist kein Wunder. Also die Sozialdemokratisierung der Linkspartei-Linken; schließlich handelt es sich bei dieser Partei um den Zusammenschluss aus der PDS (im Osten) und der WASG (im Westen). WASG, das war die Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit, ein Zusammenschluss enttäuschter Gewerkschafter und Sozialdemokraten, die sich unter dem Eindruck der Schröder-Agenda von der SPD abgewendet hatten. Hartz IV sei „Armut per Gesetz“, erklärten sie. Sozial nicht zu vertreten und ökonomisch falsch wegen der Senkung der Massenkaufkraft. Gerade die Transferleistungseinkommen würden in hohem Maße sofort nachfragewirksam. Vermutlich im Einkaufszentrum, wie ich annehmen muss. Woraus sich die Frage ergibt: können sich Sozialdemokraten eigentlich sozialdemokratisieren?

 

„Einkaufszentrum ist Scheiße“? Eine Machenschaft profitgieriger Konzerne? – Nichts da! Ein Einkaufszentrum steht für die realistischen Kreise des Großkapitals, die letztlich auf eine Stärkung der Massenkaufkraft weder verzichten können noch wollen. Das Einkaufszentrum als gleichsam historischer Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit, insofern sozialdemokratisch, schon wahr. Dass alte, vor sich hingammelnde Häuser realsozialistisch sind, ist ebenso bekannt. Und Sie? Was ist jetzt mit Ihnen? Stehen Sie noch immer im Bad vor Ihrem Spiegel? Nun, dann aber mal flott! Sehen Sie mal zu, dass Sie die realsozialistischen Züge aus Ihrem Gesicht wegkriegen! Es könnte jetzt wirklich einmal eine kleine Sozialdemokratisierung vertragen. Nein, nein, keine Revolution. Kein Botox oder sowas. Wasser und Seife, danach vielleicht etwas Kreme, fertig. Ja okay, das ist vielleicht ein bisschen spießig, macht sich aber einfach besser. Glauben Sie mir!

3 thoughts on “Die neue Volkskrankheit: Sozialdemokratisierung

  1. Danke Herr Jurga für den Artikel. Er hat mir gefallen.

    Das Thema und die Situation sind hinsichtlich der Ursachen schon lange analysiert, z.B. von Süßmuth oder Alemann. Auf der einen Seite steht die Politiker- und Funktionärskaste, die vorwiegend eigensüchtig machtorientiert handelt, Inhalte sind absolut nebensächlich. Anderseits die politisch interessierten Bürger, die mehr altruistisch und lösungs- und themenorientiert motiviert ist.

    Mal ganz praktisch: Im August 2011 habe ich eine Eingabe zur Einwohnerfragestunde beim Bezirksbürgermeister Hans-Joachim Paschmann gemacht (Kenntnisse der Stadtarchäologie zum Jahrtausendhochwasser 1342; es geht um Einflüsse auf den Jakobsweg in Duisburg – bisher keine Antwort.

    Ein Jahr vorher war eine Einwohnerfragestunde zur Kiesabgrabung in den Homberger Rheinwiesen. Nach dem Planfeststellungsbeschlussverfahren sind neue Gefährdungen durch Altlasten auf dem Gelände der ehemaligen nationale Kohlebevorratung (zwischen Rheinpreußen Hafen und PPC-Stadion vom VfB) gekannt geworden. Die hochgiftigen Altlasten werden durch das zusätzliche Drängewasser der Kiesabgrabung ins Grundwasser weiträumig getragen.

    Ist ein bisschen kompliziert, aber einen guten Teil der Einwohnerfragen konnte (oder wollte) die Fachverwaltung der Stadt Duisburg nicht beantworten, obwohl sie die verantwortliche Behörde zur Umsetzung des Planfeststellungsbeschluss ist.

    Ach wissen Sie Herr Jurga, wer kritisch die Politik und Stadtverwaltung Duisburg, erlebt Hemmnisse wie oben geschildert. Irgendwann reicht´s. Dann unterwerfe ich mich nicht der sog. Sozialdemokratisierung, sondern gründe lieber die informelle Prämigranten Organisation Duisburg (i-POD): Der Massenexodus des Ruhrgebiets und die Revierflucht vor der Integration Duisburg.

    An dieser Stelle kann ich xtranews.de einen Artikel anbieten: Der Revier-Parteiparasit im Verständnis dieser unserer morgen- und abendländischen Leitkultur im Vergleich zur Deutung durch den sozialdemokratisierten Reviergeist.

    Einwohnerfragen, Bürgeranregungen nach §24 der Gemeindeordnung NRW sowie Informationsfreiheitsgesetz NRW sind Bürgerrechte zur Bürgerbeteiligung. Das wird in Duisburg massiv beschnitten. Da könnte man glauben: Duisburg, Ruhrgebiet und NRW ist in Weicheihaft, um es mal anders als Jürgen Jurga zu formulieren.

    Weicheihaft. In Anlehnung an Geiselhaft: nicht der Haftausüben ist ein Weichei, sondern man hält sich die Bürger so. Insgesamt heißt es aufzupassen. In Duisburg gibt es Elemente, die nach der leitkulturellen Entabendlandisierung des Ruhrgebiets schon mal was falsch verstehen. Das kostet € 300 – Zahlungsempfänger ist die Duisburger Tafel, so die Warnung an Sozialdemokratisierungsflüchtige und solche, die meinen, es ließe sich in der Parteihochburg etwas ändern und bewegen.

    Biermann wurde aus der DDR zwangsweise ausgebürgert; Sozialdemokratisierungsverweigerer im Jurga´schen Sinn (sog. SDV) werden aus Duisburg rausgemobbt.

    i-POD kann die Jugendarbeitslosigkeit in Duisburg deutlich mildern: Umzugshilfe nach Bayern oder Baden-Württemberg. Duisburg wird garantiert zur SDV-freien Zone.

  2. Die Sozialdemokratisierung von Duisburg und Ruhrgebiet im Jurga´schen Sinn hat als wissenschaftliche Grundlage die Verweigerung (engl. shunning): „Die Zusammenarbeit entziehen.“ Das ist die günstigste und preiswerteste (kulturell hoch selektierte) Form der Ablehnung.

    So können bisher alle sog. Wahlverdrossenen in Duisburg, die eigentlich Wahlverweigerer sind, gebeten werden: Liebe Leute, probiert das doch mal! Geht zur nächsten Oberbürgermeisterwahl Duisburg oder Landtagswahl NRW in ein paar Wochen und stimmt einfach ungültig! Setzt ein NEINZEICHEN. Ungültige Stimme!

  3. Sozialdemokratisierung in Duisburg. Eingeschlafene Füße aus Homberger Sicht.

    Der Schirlingsbecher wurde seit der Eingemeindung 1972 über dem Bezirksamt und -rathaus ausgegossen. Die Homberger Politik hat schon lange eingeschlafen Füße. Seit Sokrates wissen wir, der Schirlingstrank steigt über Fuß und Hand bis zum Kopfe. Die Lebensqualität wird in Hochheide, Homberg und den Haesen seit Jahrzehnten demontiert.

    Zitat aus einem Kommentar im Blog des Bürgerverein Haesen und Gerdt http://buergervereinhaesenundgerdt.blog.de/2012/04/08/ostern-13457629/