Attentat auf jüdische Kinder in Toulouse: „Schießerei“ in deutschen Medien

Im Laufe des Tages – exakter: am Montag Nachmittag – ist es dann doch allmählich verschwunden aus den online-Schlagzeilen. Weitgehend. Das grob irreführende Wort von der „Schießerei“ in den Überschriften der Berichte über den Anschlag auf die jüdische Schule in Toulouse, bei dem drei Schüler und ein Lehrer erschossen und zwei weitere Schüler schwer verletzt wurden. Die große Mehrheit der Redaktionen bzw. der Online-Redaktionen hatte das Wort benutzt: „Schießerei“. So, als ob die jüdischen Schüler zurückgeschossen hätten. Oder gar das Feuer auf den mit einem Helm vermummten Fahrer des Motorrollers eröffnet hätten.

 

„Schießerei“, das weiß ja jeder: das geht hin und her. Das ist spannend wie in einem Western: „Hey Slim, gib mir Feuerschutz!“ Oder wie in einer US-Krimiserie. Räuber gegen Gendarm. „Peng. Du bist tot.“ Doch die Schüler in Toulouse waren bekanntlich überhaupt nicht bewaffnet. Der Täter war von seinem Motorroller abgestiegen und hatte sie einfach so erschossen. Und weil die weggerannt sind, ist er ihnen hinterhergelaufen, um sie dann abzuknallen. Am Montag um kurz vor acht. Keine Schießerei, sondern eiskalter Mord. Gewiss, anfangs mag dies angesichts der zunächst unklaren Nachrichtenlage nicht klar erkennbar gewesen sein. Morgens, vielleicht vormittags. Doch spätestens ab HighNoon war klar: was auch immer in Toulouse passiert sein mag, eine Schießerei war es jedenfalls nicht.

 

Dieser semantische Fehlgriff mag in Frankreich entstanden sein. Dort schrieben die Zeitungen in ihren Online-Ausgaben „fusillade“, was tatsächlich „Schießerei“ bedeuten kann, aber eben auch einfach „das Schießen“. Wie auch immer: irgendjemand hatte das Wort „Schießerei“ in die Tasten gehauen; alle Anderen haben fleißig abgeschrieben. Darunter auch einige, denen auch bei bösestem Willen keinerlei Antisemitismus unterstellt werden kann. Manche haben dann früher korrigiert, manche später, manche auch jetzt – es ist schon der 20. März – noch nicht. Extremfälle. Es ist niemals ganz einfach, den Hang zur Begriffsstutzigkeit von dem zur Feindseligkeit gegenüber Juden auseinanderzuhalten.

 

Für die breite Masse des medialen Mainstreams ist aber zweifelsfrei festzustellen, dass das blödsinnige Wort von der „Schießerei“ in den Überschriften nicht auf ein judenfeindliches Ressentiment zurückzuführen ist, sondern der Hektik des Alltags und dem daraus resultierenden zur Gewohnheit gewordenen Hang zum Abschreiben geschuldet ist. Soweit in Ordnung. Und doch stellt sich die Frage: hätte sich diese massenweise Verbreitung eines solchen semantischen Fehlgriffs auch dann ereignen können, wenn die ermordeten Kinder keine Juden gewesen wären? Wenn der Mörder irgendwelche Schüler – so ganz ohne Sonderheitsmerkmal, so welche wie unsere Kleinen, meinetwegen auch französische – ins Visier genommen hätte?

 

Haben Sie sich das nur einmal vorgestellt? Erfurt am 26. April 2002, als ein 19-Jähriger Ex-Schüler 16 Menschen erschossen hatte. Was wäre wohl passiert, wenn eine Zeitung am 27. April mit dem Wort „Schießerei“ in der Überschrift erschienen wäre? Doch, doch: es gab 2002 schon das Internet! Aber okay, wesentlich bedeutsamer, im Grunde fast so stark im Einsatz wie heute waren die Online-Zeitungen im Jahr 2006. Am 20. November – Sie werden sich noch erinnern – „war Emsdetten“. Auch wieder so ein durchgeknallter Schüler, der Amok gelaufen ist. „Schießerei“? Was glauben Sie wohl, was da losgewesen wäre, wenn irgendein Redakteur dieses Wort in die Onlineausgabe getippt hätte?! Übrigens – daran werden Sie sich möglicherweise nicht mehr erinnern – ist in Emsdetten, abgesehen vom Attentäter, niemand ums Leben gekommen.

 

In Toulouse sind Menschen getötet worden, vier an der Zahl. Sie sind dabei keinem Amoklauf zum Opfer gefallen, sondern einem gezielten antisemitischen Anschlag. Für die Toten macht das Motiv des Täters freilich keinen Unterschied, für die Überlebenden allerdings schon. Es ist sogar ein sehr großer Unterschied, ob jemand sozusagen aus einem „Hass auf alle“ heraus tötet oder, wofür in diesem Fall vieles spricht, aus einem „Hass auf alle, die anders sind“ heraus. Es ist davon auszugehen, dass der Mörder der jüdischen Schüler genau der Mann ist, der in der Woche zuvor die französischen Soldaten nordafrikanischer Abstammung (in Montauban und in Toulouse) erschossen hatte.

 

Die Spur führt zu drei Soldaten, die 2008 aus der Armee entlassen wurden, weil sie sich mit Hitler-Gruß vor einer Hakenkreuz Fahne fotografieren gelassen haben. Dies wurde erst am Montagnachmittag bekannt, also zu einem Zeitpunkt, zu dem die meisten Online-Redaktionen das Wort „Schießerei“ schon durch den deutlich realitätskongruenteren Begriff des Anschlags ersetzt hatten. Nachdem zuvor stundenlang die „Schießerei“ die Überschriften geziert hatte. In einem Land, in dem vor jeder Synagoge rund um die Uhr ein Polizeiauto steht, um ggf. einen Anschlag wie in Toulouse zu verhindern. In einem Land, in dem offener Antisemitismus, gar ein eliminatorischer Antisemitismus, nicht im Ansatz geduldet wird.

 

Deutschland ist ein Land, in dem sich Judenhasser die absurdesten Verrenkungen einfallen lassen müssen, nur um den Vorwurf empört zurückweisen zu können, dass sie Judenhasser sind. In diesem Land also, diesem Deutschland, fällt es stundenlang nicht auf, dass auf den Homepages der führenden Medien über das heimtückische und geplante Abknallen jüdischer Kinder unter der abenteuerlichen Überschrift „Schießerei“ berichtet wird. Kein Antisemitismus, reine Gedankenlosigkeit. Erstens ist Frankreich Ausland, und zweitens sind Juden die Opfer. Wir aber sind erstens keine Franzosen, sondern Deutsche, und vor allem: wir sind keine Juden. Es ist ein schmaler Grat zwischen Gedankenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit.

 

Was, wenn der Mann auf dem Motorroller gar kein Einzeltäter war, sondern erstes ausführendes Organ eines judenfeindlichen Mordkomplotts?

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