Das Totenschiff: „3rd Floor – Mercator“

Der Tod ist die einzige Utopie, die nicht gescheitert ist! – Diese Annahme geht zu weit? Viel zu weit? – Am letzten Veranstaltungstag der Duisburger Akzente wurde ich mit anderen Gästen zu einem Insel-Hopping eingelanden, zu einer Reise auf einem schwarz ausgeschlagenen Schiff, „3rd Floor – Mercator„. Die Ankunft auf einem Island im Nordpolarmeer gab die Richtung vor, die für uns auch weiterhin bestimmend sei: Die dortige, während des Kriegs verlassene russische Forschungsstation, wurde von See aus beschossen und zerlegt. Sozusagen als scherzhaft perfide Übung.

Die Theater-Installation von Johannes Lepper kommt mit spärlichen Mitteln aus, sogar das Licht ist gedämmt. Das Schwarz der ausgeschlagenen Planen herrscht vor, bedeckt den Boden und verhängt die Fenster der ehemaligen Klassenzimmer des bezogenen Trakts. Licht gibt jeweils ein Strahler, der in die Räume ausgerichtet ist, je nach dem Standort der Besucher wie ein Schlaglicht blendet. Einige Globen sind zu sehen. Verpflichtet bleibt die Theater-Installation allerdings traditionellem Sprechtheater.

Der Erzähler, dargestellt von Otto Schnelling, der von einem Akkordeon-Spieler, Uli Brüstle, melancholisch begleitet wurde, führte durch die Reise. Er ließ in der Düsternis immer mal wieder seine Stimme laut anschlagen, eigene Schlaglichter ausrichtend, während er uns die Ankünfte und Geschehnisse erläuterte oder mit poetischen Zitaten (Shakespeare: „Der Sturm„) kontrastierte, mit Glücksversprechen, die aus einer anderen Welt zu stammen schienen. Auch einige sprachliche Schlaglichter schufen Kontrast: „Eine Utopie ist möglich“, war zu hören, doch die Reise führte immer wieder ins Leben: „Revolutionen werden auf Schiffen verkündet“, heißt es in Judith Schalanskys Buchvorlage zum Stück, „Utopien auf Inseln gelebt“.

Doch wie? Auf St. Paul, im indischen Ozean gelegen und zu den französischen Süd- und Antarktisgebieten gehörend, hatten es sich zwei Franzosen samt einer Bibliothek bequem gemacht. Ihr Verhältnis zueinander gestalteten sie, als hätten sie Hegels Kapitel „Herr und Knecht“ aus der „Phänomenologie des Geistes“ in der Einöde besonders aufmerksam studiert, ohne freilich an dem dialektischen Prozess Interesse zu zeigen. Der ‚Gouverneur‘ der beiden verbrachte seine Zeit hauptsächlich in der Hütte nahe des Vulkankraters. Anzunehmen sei, dem Erzähler nach, dass dort die Reste eines Mulatten begraben liegen, den die beiden Franzosen zuvor verspeist hätten.

Zum Abschluss lief das Totenschiff Atolle an, auf denen Atombombentest unternommen worden sind. Eine Filmmontage begleitete die erzählerischen Erläuterungen, zeigte auch unsere städtische Umwelt, friedlich, von einem Innhafen oder Kanal aus betrachtet, in Kontrast zu der Vernichtung des Südseeidylls.

Auch wenn es sich bei der Theater-Installation im Grunde um traditionelles Sprechtheater handelte, das gleichsam auf einer parzellierten Bühne stattfand: Das Konzept war weitgehend stimmig, etwas bemüht wirkte auf mich lediglich die zwischendurch im Flurtrakt mit einem zwinkernden Auge eingeschobene Erläuterung der Mercator-Projektion, die unnötigerweise dem Akzente-Thema abgerungen wurde. Das Solo von Otto Schnelling (Erzähler), beeindruckte mich durch die variable Stimme, die bei Ausbrüchen auf dem Totenschiff immer wieder erschauern ließ. Im Kontrast dazu behielt Uli Brüstle (Akkordeon-Spieler) melancholischen Gleichmut, wie das Auf und Ab der See. Einmal, ich will es nicht verschweigen, gab es auf der Reise auch Blumenketten und Bananen als Geschenk. Diese eingestreute Begrüßung begann jedoch wie eine Persiflage und endete satirisch: die Früchte wurden uns wie Geschosse zugeworfen. Die vorherrschende Stimmung, auf einem Totenschiff unterwegs zu sein, änderte sich dadurch nicht.

Ich sah die Aufführung vom 18. März im Rahmen der Duisburger Akzente 2012. Der Beitrag ist Bestandteil einer kleinen Reihe von Kritiken, die sich mit Theaterprojekten der Akzente beschäftigen. Ebenfalls zu lesen sind:

Politische Poesie: „Das Leben in der Tasche“

Das Arrangement mit einem Handicap: „Die Entdeckung der Langsamkeit“

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