Das Arrangement mit einem Handicap: „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Akzente 2012 - Entdeckung

Foto: Thilo Bleu

Ist es nicht so: Erst durch Irritationen gibt es Geschichten zu erzählen, die neugierig machen können? Neugier ist freilich nicht das einzige Motiv, nicht einmal das verbreitetste, sich mit etwas zu beschäftigen. Sie ist sogar äußerst selten, auch wenn das Wort viel häufiger fällt, für etwas herhalten muss, das nur eine marginale Variation des Liebgewonnenen, des Vertrauten umfasst. Das Stück „Die Entdeckung der Langsamkeit„, in der Fassung von Jennifer Whigham und Jens Kerbel (PET Projects), beginnt mit einer Irritation, zeigt einen Jungen, der so langsam ist, dass er beim Ballspiel nur dazu taugt, eine Schnur zu halten, den zweiten Baum zu spielen, der benötigt wird. Und dies macht er verdammt gut!

Um spüren zu können, was für eine anspruchsvolle Aufgabe der Junge bewältigt, werden die Besucher gebeten, ein Seil, dessen zweites Ende über ihre Köpfe hinweg getragen wird, selber hochzuhalten. Der junge Franklin, um dessen Kindheit es zunächst geht und der eindrücklich von Roland Silbernagl dargeboten wird, hilft immer mal wieder mit starrem Blick nach, drückt müde gewordene Arme gerade, während die Erzählerin, ebenso hervorragend von Sabine Osthoff gespielt, die Lächerlichkeit von Franklins Handicap betont, in die Rolle der Kinder und Erwachsenen schlüpfend, die zu seiner Lebenswelt gehören.

Diese Besonderheit in John Franklins Verhalten verliert im Laufe des Stücks nicht an Relevanz, doch die Geschichten, die folgen, thematisieren, wie er sich und wie sich seine Umwelt mit dieser Eigenschaft arrangiert. Franklin nimmt sie, selbstbewusster werdend, bereitwillig an, fährt für Halbsold zur See, wird selber Kapitän, unter dessen Führung sich die Mitreisenden seiner Langsamkeit anzupassen haben. Er entdeckt die Nordwestpassage unter großen Entbehrungen, ihre Nutzlosigkeit unter Tonnen von Eis und Schnee. Es ist weniger die Langsamkeit, die entdeckt wird, als ein Arrangement mit einem Handicap, ein Handicap, das weitgehend geheimnisvoll bliebt. Vergleiche dienen der Erläuterung: Was für andere Menschen einen Tag ausmachen würde, sei für ihn nur eine Stunde. Eine solche poetische Wendung und Deutung bleibt Teil des Arrangements, schafft Sympathie und kann bisweilen ein Schmunzeln erzeugen.

Angekündigt wurde das Stück als szenische Installation. Die Besucher werden auch durch Räume geführt, die jeweils in besonderer Weise und aufwendig hergerichtet wurden. Im Vordergrund steht jedoch traditionelles Sprechtheater, bei dem die Besucher mit auf der parzellierten Bühne sind und teilweise einbezogen werden. Nur ein Raum darf auch ohne viele Worte zur Geltung kommen: durch zwei Gucklöcher, vor denen die Besucher Schlange stehen müssen und sich kaum trauen, länger als ein paar Sekunden hindurchzublicken: Zu sehen ist eine mediale Aufbereitung von Eis- und Schneeungetümen. Ästhetisch ist die Abschottung zu verstehen: Bühnenbildnerisch handelt es sich um den einzigen Ort, der sich direkt auf die Welt bezieht. Die bespielten Installationen sind symbolisch gehalten, teilweise auch pragmatisch, wie der typische Klassenraum zu Beginn oder der Raum, in dem Franklin zum Seefahrer wird: ein riesiger Tisch, ähnlich dem Deck eines Schiffes, die Besucher sitzen reihum.

Das Stück, das auf dem Roman von Sten Nadolny beruht, hält allerdings die Spannung nicht, die im Beginn aufgebaut wurde. Die anfängliche Irritation verfliegt rasch, macht der Geschichte eines Lebensarrangements Platz, die auch amüsante Züge hat. Die sprachlich vermittelte Tragik, die Vergeblichkeit des Entdeckerdrangs und das Leid, der Tod im Eis, kann im Schluss nicht mehr eine solche Spannung aufbauen, wie sie zu Beginn empfindbar war. Es fehlt eine installative und dramaturgische Unterstützung: Franklin stapft auf Computertastaturen durch einen Raum wie durch Schnee, das Schlussbild hat kapellenhafte Züge: ein weißer Raum mit zum Bündel gekreuzten Neonleuchten.

Ich sah die Aufführung vom 15. März im Rahmen der Duisburger Akzente. Bespielt wurde das Kellergeschoss einer ehemaligen Berufsschule. Die nächsten Termine: Freitag, 16.03. 20:30 Uhr, Samstag, 17.03. 20:30 Uhr, Sonntag, 18.03. 19:00 Uhr.

Die Kritik ist Bestandteil einer kleinen Reihe über Theatervorstellungen der Duisburger Akzente 2012. Ebenfalls zu lesen ist:

Politische Poesie: „Das Leben in der Tasche“

Das Totenschiff: „3rd Floor Mercator“

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