Politische Poesie: „Das Leben in der Tasche“

Überall auf der Welt verlassen Menschen ihre Lebenswelten, um andernorts ihr Glück zu suchen. Die Umstände, unter denen dies geschieht, sind verschieden: Flucht vor Terror und Tod in Ruanda, wirtschaftlich bedingte Migration aus der bayrischen Provinz in die Landeshauptstadt, ein Stop in Duisburg, auf einer Reise, die von Polen ausging. Die Menschen packen alle ihr Leben in eine Tasche, um woanders, ob für kurz oder lang, ihr Leben fortzusetzen. Doch so einfach ist das nicht: Oft sind Verhaltensweisen zu ersetzen, man findet sich unter Umständen nur schwer zurecht. Erlebnisse hängen einem nach, Geschichten und Gerüche. Die Tasche ist angefüllt, eventuell sogar mit einer Menge an Ballast.

Das Stück „Das Leben in der Tasche“ thematisiert die Umstände solcher Veränderungen, doch indem es Figuren wie den Landvermesser, den Schrankmann, die Vogelfrau und den Geruchsexperten ausbildet, die jeweils Aspekte symbolisieren. Gleich zu Beginn werden die Besucher als Anwärter begrüßt, die ebenfalls in der Tasche leben wollen. Sie werden gewarnt: Ihr Anliegen könnte zu Irritationen führen. Der Landvermesser, eine hochneurotische Persönlichkeit mit emotionalen Hemmungen und Kontaktängsten, macht deutlich, während er Schutz bei und hinter einer Säule sucht, dass er der Chef sei, dass es um seine Geschichte gehe und jeder neue Mitbewohner nur einen kleinen Teil dazu beitragen könne. Die Führung übernimmt dann allerdings seine Assistentin, die ohne herrisch neurotisches Getöse aufzutreten weiß und die Einzugswilligen mit freundlichen Worten auf das Kommende vorbereitet.

Meine Gefühle waren durchaus gemischt: Einen Blick hineinzuwagen, war ich ja bereit, doch die Entscheidung, in dieser Tasche zu wohnen, erschien mir dann doch etwas übereilt, zumal wir vorab nicht bloß mit dem Landvermesser konfrontiert wurden, sondern auch mit einer anderen auffälligen Figur: Sie hatte Schwierigkeiten, ihre Gliedmaßen, die Arme und Beine, zu kontrollieren, plapperte, während sie uns Ankömmlingen ziemlich nahe kam, von einem neu ersetzten Bein, das nicht richtig funktioniere. Unwillkürlich gewann ich den Eindruck, in einem Irrenhaus gelandet zu sein, das auch noch unter Selbstverwaltung steht.

Etwas beruhigend wirkte die Verteilung eines Planes der Räume und ihrer Funktionen in der Tasche. Zudem erhielt jeder von uns ein kleines leeres Farblatt zugesteckt, manche ein weißes, es gab aber auch rote, grüne … Die Farben waren Räumen zugeordnet und sollten uns, den Worten der Assistentin zufolge, den Ort anzeigen, mit dem wir jeweils beginnen sollten. Diese Aufteilung führte, wie im Laufe des Besuchs deutlich wurde, zu unterschiedlichen Routen durch die Tasche, auch dazu, dass man nicht alle Räume erlebte. Zum Schluss eröffnete die Assistentin zwar die Möglichkeit, sich alle Räume anzusehen, doch das Spiel war aus. Ich kann von dem Besuch nur meinen Eindruck wiedergeben. Alle Geschichten kenne ich nicht.

Die Fächer der Tasche

Bevor ich jedoch etwas über das Leben in der Tasche sage, muss ich einige Bemerkungen zu den Räumlichkeiten fallen lassen. Der eingekauften Produktion stand ein Flur mit Klassenzimmern einer ehemaligen Berufsschule zur Verfügung. Die Begrüßung und Einweisung der Besucher des Stücks erfolgte im großzügig bemessenen Aufenthaltsbereich des Treppenhauses. Die Wege durch die Tasche führen von Klassenzimmer zu Klassenzimmer, die teilweise mit Installationen von Karin Gerfen hergerichtet wurden. Zwischen den Raumwechseln finden Versammlungen im Flurbereich der Klassenzimmer statt: Dort lernt man dann auch Figuren kennen, die man in den jeweiligen Räumen nicht erleben kann, weil die Routen der Besucher unterschiedlich sind und der Aufenthalt begrenzt bleibt.

Mir fiel während der Begrüßung ein weißes Blatt zu. Mein Weg durch die Tasche begann im Raum der Figur, die Probleme hatte, ihre Gliedmaßen zu kontrollieren. Das bemerkte ich aber erst, als er zu uns Anwärtern stieß und eindrücklich fragte, ob wir wirklich alle in der Tasche wohnen wollten. Von der Decke hingen röhrenhafte Gebilde, die an Arme, Beine und anderes erinnerten, aber auch Formen aufwiesen, die ich nicht hätte zuordnen können. Zudem prägten zwei Schränke den Raum, von denen einer relativ mittig aufgestellt war. Die symbolische Bedeutung blieb mir während des Aufenthalts weitgehend verschlossen. Die Ansprache der Figur, die laut Raumplan Schrankmann hieß, konzentrierte sich auf seine Gegenstandswelt, auf Gliedmaßen, auf die Frage, ob jemand ein Handgelenk entbehren könnte, auf die Frage nach Gutscheinen. Zwischendurch verschwand er immer mal wieder für kurze Zeit im relativ zentral aufgestellten Schrank, der seinen Angaben nach Geschichten enthalte, und lachte dort befreiend auf. Die im Vorfeld versprochene Irritation gelang! Erst während der ersten Versammlung, in der näher auf die Tasche eingegangen wurde, auf Ortswechsel und Migration, ließ einen Brückenschlag von den Gliedmaßen zu Verhaltensweisen zu, die neu einzuüben sind, jedoch nicht immer recht gelingen.

Le Sacre du Printemps„. Eine weitere Figur betrat den Raum, mit einem Kranich unterm Arm, der fest verschnürt war. Sie steuerte einige Töne bei, die bedrückt und sehnsüchtig klangen. Zusätzlich gab es Geräusche, die meinem Eindruck nach nur vom Laptop stammen konnten. Durch den nachfolgenden Aufenthalt im gelben Raum, der schlicht mit ‚alles klingt‘ bezeichnet wurde, löste sich die verbliebene Irritation auf. Im gelben Raum wurde eine Musikhistorie präsentiert, unterbrochen von einer Percussion-Performance, die im archaischen Mittelmeerraum beginnt und bis in in die Gitarrenmusik des 19. Jhds. reicht. Der rote Raum repräsentiert die jüngste Phase der Musikgeschichte, in der der ‚Sacre‘ übrigens eine skandalauslösende Rolle spielte.

Für mich waren diese musikalischen Beiträge unzureichend ins Stück integriert. Sie blieben isoliert von der Symbolik, Wort und Musik fanden nicht zusammen. Der gegebene Einblick in die Musikgeschichte lief nebenher und blieb als solcher relativ konventionell. Ich hätte mir gewünscht, dass den Figuren des Stücks nicht nur Sprache gegeben, sondern auch Klang (Musik) zugeordnet worden wäre. Dies hätte allerdings, so muss ich eingestehen, zu einem hohen Mehraufwand und zu nicht leicht zu bewältigenden Schwierigkeiten geführt: nicht allein der kompositorische Aufwand hätte immens zugenommen, auch der technische. Der Pfeifer ist im Stück kein Symbolträger, sondern ein Flötist, ebenso die anderen Musiker (Keyboarder / Perkussionist / Gitarrist), die im gelben Raum die Musikgeschichte abrissen.

Der letzte Raum, den ich erleben durfte, wurde dem Plan nach als Vogelstation und Versammlungsstätte (mit der Farbe blau) bezeichnet. Die Vogelfrau, die mit dem Kranich unterm Arm, gab dort preis, dass für sie eine Nachfolge gesucht werde. Sie würde, sobald sie ein vorbeiziehender Kranich mitnehme, sie schaute suchend aus den Fenstern, die Tasche verlassen. Sprachlich ist sie als eine sanfte poetische Figur ausgebildet, die von einem zu erlangenden Glück beseelt ist. Sie steht, so vermute ich, auch der Kapelle nahe, die ich erst im Nachhinein zu Gesicht bekam und in der einige gefesselte Kraniche standen. Ebenso lag dort ein aus Papier gefalteter Kranich im Eingangsbereich. In der japanischen Tradition des Origami nimmt der Kranich als Glückssymbol eine wichtige Rolle ein.

Die Versammlung hatte hingegen eine therapeutische, eine reinigende Ausrichtung: Die Figuren erzählten nacheinander, was sie aus ihrem Leben bedauern würden. Diese reihenhafte Inszenierung erzeugte einen moralischen Druck, erinnerte mich an dokumentierte Verhaltensweisen innerhalb von Sekten: ein Gruppenzwang liegt nahe und führt die angestrebte Reinigung ad absurdum. Sie wird nicht situativ vermittelt. – Oder gibt es tatsächlich ein Leben außerhalb der Tasche, der Taschen, in die im Grunde jeder auf irgendeine Weise eingebunden ist, auch dann, wenn Migration nicht aus Not, sondern aus Neugier erfolgt.

Der Ort der Tasche

Trotz dieses für mich wenig überzeugenden Abschlusses hat das Stück einen besonderen Scharm. Dazu tragen vor allem die Vogel- bzw. Kranichfrau und die Assistentin des Landvermessers bei, die mit einer berückenden Emotionalität gespielt wurden. Der Kranich, der unter dem Arm der Vogelfrau steckte, gab ihr aber auch kindliche und skurrile Züge. Letztere kamen ebenfalls hervorragend beim Landvermesser und beim Schrankmann zur Geltung.

Meine Geschichte konnte aufgrund der Anlage des Stücks nur partiell ausfallen. Dennoch möchte den gewonnenen Eindruck kurz zusammenfassen „Das Leben in der Tasche“ ist eine von Anja Schöne scharmant erzählte Geschichte, poetisch, skurril und politisch zugleich, die deutlich werden lässt, dass jeder ein Migrant ist, mit Wurzeln und Geschichten, auf der Suche nach Glück, mit Schwierigkeiten, sich in neuen Umgebungen zurecht zu finden. Unklar ist mir indes die utopische Dimension. Die Musikanteile des Stücks blieben leider isoliert und erzählten auch kaum mehr, als eine einfache Musikhistorie preisgeben würde. Dies ist besonders schade, führt es doch zu einem harten Riss durch die gesamte Produktion.

Die besuchte Aufführung fand am 13. März im Rahmen der Duisburger Akzente statt. Text und Regie: Anja Schöne, die auch die Assistentin des Landvermessers spielte. Komposition: Thorsten Töpp, der auch als Gitarrist zu sehen und zu hören war. Nächste und letzte Vorstellung: Mittwoch, 14.03. 20:30 Uhr.

Die Krtik ist Bestandteil einer kleinen Reihe über Theaterstücke während der Duisburger Akzente 2012. Ebenfalls zu lesen ist:

Das Arrangement mit einem Handicap: „Die Entdeckung der Langsamkeit“

Das Totenschiff: „3rd Floor – Mercator

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