Traumzeit Festival: Offener Brief von Tim Isfort

Offener Brief und Aufruf zum Traumzeit Festival Duisburg

(vollständige Fassung, siehe auch unter www.tim-isfort.de)

Von

Tim Isfort

Künstlerische Leitung

TRAUMZEIT

Festival am Hochofen

6. – 8. Juli 2012

www.traumzeit-festival.de

tim.isfort@traumzeit-festival.de

 

Duisburg, 08.03.2012

Sehr geehrter Herr Beigeordneter Janssen (Kulturdezernent der Stadt Duisburg),

sehr geehrter Herr Gerste (Geschäftsführer der Duisburg Marketing GmbH)

sehr geehrter Herr Jebavy (Leiter des Festivalbüros der Duisburg Marketing GmbH),

 

nachrichtlich an

Frau Ministerpräsidentin des Landes NRW Hannelore Kraft

Frau Ministerin Ute Schäfer

Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, NRW

Frau Regierungspräsidentin des Landes NRW Anne Lütkes

die Ratsmitglieder der Stadt Duisburg

die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Duisburg

sowie alle Kultur-, Medien- und Projektpartner und Förderer des Festivals

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Festivalbesucher,

seit Ende 2008 bin ich mit der künstlerischen Leitung des Musikfestivals „Traumzeit“ im alten Hüttenwerk Meiderich („Landschaftspark Duisburg-Nord“) beauftragt. Von Hause aus Musiker, Betreiber eines Tonstudios, Komponist und Arrangeur, gelegentlich Orchesterleiter, mit langjähriger Erfahrung als Selbstständiger im Bereich kultureller Veranstaltungen weiß ich um die Bedeutung eines solch einmaligen Festivals für Duisburg – mit all seinem Kapital für die Region und noch nicht entfaltetem Potential. Und ich für meinen Teil gedenke meinen Vertrag zu erfüllen, denn ich liebe diese Arbeit und möchte das mittlerweile im 16. Jahr befindliche Festival zum Erfolg für Duisburg machen.

Sicherlich haben Sie in den vergangenen Monaten die Diskussionen um das drohende Aus für das Festival verfolgt, nachdem der bisherige Hauptsponsor RWE im September 2011 vertragsgemäß nach sieben Jahren sein Engagement beendet hatte. Seither ist viel Zeit vergangen und viele Möglichkeiten und Chancen wurden noch nicht genutzt, um das Festival zu retten und langfristig für Duisburg zu erhalten.

Ich möchte mit diesem offenen Brief etwas erreichen: ich möchte Mut freisetzen, sich in unserer Stadt am Beispiel TRAUMZEIT aktiv an der Rettung des Festivals zu beteiligen, einen Beitrag zur kulturellen Vielfalt zu leisten, vielleicht auch ein Zeichen zu setzen für einen gemeinsamen Neuanfang, der nur aus der Krise heraus erwachsen kann. Dazu möchte ich ganz verschiedene Vorschläge machen und auf bisher ungenutzte Möglichkeiten hinweisen.

Die TRAUMZEIT als musikalische Entdeckungsreise zwischen Pop, Jazz, World, Indie, Klassik und Avantgarde, jenseits des unbezahlbaren Mainstreams, ist in der europäischen Festivallandschaft einzigartig: zwischen den Hochöfen und Industriedenkmälern finden an drei Tagen an die 40 Konzerte und Projekte statt – Zeit zum Staunen und Träumen, Gelegenheiten, sich auf Neues einzulassen oder Zeuge einmaliger künstlerischer Begegnungen zu werden. Egal, ob Hoch- oder Szenekultur, ob als Entdecker, Laie oder Nerd, Rentner oder Kind.

Im vierten Jahr nun entwickeln mein Team und ich das Festival weiter, haben es für eine nachrückende Generation geöffnet, vernetzen uns mit der Szene, den Instituten, benachbarten Festivals, gehen neue Wege in der Vermarktung. Die Verkehrsanbindung wird verbessert, es gibt (endlich) eine wundervolle Möglichkeit zu campen und für den besseren Zugang für Menschen mit Behinderung haben wir 2011 eine Kooperation mit dem Päritätischen in Duisburg gestartet. Geplante Neuerungen für 2012, wie die Einbeziehung von Volunteers in den Festivalkontext sowie der Einsatz von angehenden Kulturmanagern und Kreativkräften zur Entlastung der bisherigen Strukturen, können nur positiv und hilfreich sein, um TRAUMZEIT weiter zu öffnen und zu entwickeln.

Das aus dem von mir initiierten ersten internationalen Kulturaustausch mit dem sich aktuell rasant öffnenden südostasiatischen Staat Myanmar (Birma) auf der NRW-Plattform TRAUMZEIT hervorgegangene gemeinsame musikalische Projekt „Myanmar meets Europe“ ist über Pfingsten auf benachbarten renommierten Festivals „moers festival“ und dem „music meeting“ in Nijmegen (NL) zu Gast – als Botschafter der Duisburger TRAUMZEIT.

Wo viel Neues entsteht, passieren auch Fehler – so der Zaun im Aussenbereich im Jahre 2010 – ursprünglich zu dem Zweck installiert, um die Künstler auf der „Umsonst & Draussen“ – Bühne am Gasometer zu schützen und den Unterschied zu Stadtfesten zu definieren, wurde der Zaun 2011 durch die schreckliche Tragödie der Duisburger Massenveranstaltung vom 24.07.2010 zur Vorschrift. Nach 14 Jahren ohne Zaun musste plötzlich eine Absperrung um den flächenmäßig doch sehr komfortablen Landschaftspark die TRAUMZEIT „sicherer“ machen. Kostenpunkt: etwa die Gage eines 20:00 Uhr-Top-Acts. Eine Überreaktion, unter der nun viele kleine und mittlere Festivals bundesweit leiden oder bereits zugrunde gingen.

Was kann nun getan werden, um die aktuelle Situation als Neuanfang zu begreifen?

Der gemeinsame Wille der Duisburger Politik, der Zivilgesellschaft und der Industrie muss sich in Taten ausdrücken. Die ersten Zeichen sind gesetzt:

Der Kulturausschuss im Rat der Stadt hatte im November einen einstimmigen parteiübergreifenden Appell verabschiedet, dass TRAUMZEIT erhalten werden muss. Im der Sitzung  vom 6.3.2012 sprach sich der Kulturausschuss einstimmig für eine Durchführung des Festivals 2012 aus.

Die besorgten und bisweilen kritischen Briefe vieler Bürger/innen und bundesweit auch von Künstlern und Kulturschaffenden belegen die große Bedeutung der TRAUMZEIT in der Zivilgesellschaft. Zudem wird in Foren und bei Podiumsdiskussionen die Rettung teils heftig debattiert – diese Diskussionen sind wichtig und richtig: will man eine konstruktive Debatte um die Gesundung der Kultur in unserer Stadt führen, müssen auch strittige Themen geklärt werden. Ich bin sicher, dass dies auch der amtierende Kulturdezernent unserer Stadt so sieht.  Wie aber sieht es um die Finanzierung aus? Appelle und Lippenbekenntnisse reichen bekanntermaßen nicht – genauso wenig, wie die letzmalig bereitstehenden städtischen Mittel in Zeiten der Haushaltskonsolidierung.

Kulturdezernent Karl Janssen kann die bisherigen städtischen Mittel für kulturelle Sonderveranstaltungen für 2012 noch einmal freigeben, außerdem könnten Restmittel aus anderen „Töpfen“ einfließen. Einige der anderen bisherigen kleineren oder mittleren Sponsoren bleiben bestehen – andere konnten in den vergangenen sechs Monaten offenbar nicht gehalten werden. Das Land NRW prüft aufgrund der besonderen Problemlage um die Erhaltung des Traumzeit-Festivals aktuell die Möglichkeit, ob eine anteilige einmalige besondere Landesförderung genehmigungsfähig ist.

Für 2013 ff. könnten Förderungen für Sonderprojekte innerhalb des Festivalprogramms von Kunststiftungen und Kulturinstituten einfließen. Der Bund könnte angefragt, EU-Mittel sowie Stiftungsgelder könnten noch beantragt werden. Für das Festival 2012 wären viele dieser Wege noch möglich gewesen, jedoch sind inzwischen die meisten Antragsfristen verstrichen.

Für die Fortführung des Kulturaustauschs mit Myanmar habe ich ein Projekt entwickelt, das sowohl die renommierte TRAUMZEIT-Auftragskomposition als auch „music for silent movies“ eint. Mitwirken werden neben einem sechsköpfigen birmanischen Ensemble eine Kammerbesetzung der Duisburger Philharmoniker sowie der Performancekünstler Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“). Das Duisburger „filmforum“ unterstützt das Projekt mit der filmischen Rekonstruktion sowie der Rechteklärung der deutschen und birmanischen Stummfilme aus den 30er Jahren. Die musikalische Leitung haben Blixa Bargeld, der birmanische Musiker Hein Tint und der Musiker und Orchesterleiter Jan Klare („The Dorf“).

Für dieses Projekt werden Fördergelder beim Goethe Institut sowie dem NRW KULTURsekretariat, den Kooperationspartnern des Kulturaustauschs, beantragt. Neben dem Eigenanteil der TRAUMZEIT werden weitere projektbezogene Sponsoren und Unterstützer angefragt. Ich habe in den vergangenen Monaten immer wieder positive Überraschungen erlebt, wenn ich mit Duisburger Menschen gesprochen habe, die erst sehr spät von der Schieflage des Festivals durch die Medien erfuhren. So haben beispielsweise mehrere private Förderer spontan zugesichert, dass sie bereit wären, jeweils 1000,- € als Privatspende in die Waagschale zu legen.

Hier sehe ich die dringende Notwendigkeit, eine gemeinsam von Politik und Festival getragene öffentliche Kampagne zu organisieren – ein Aufruf „100 x1000,- €“. Dies hatte ich bereits im Oktober und November 2011 den städtischen Verantwortlichen vorgeschlagen.

Ein Spendenkonto „Traumzeit Retter“ bei der Sparkasse Duisburg mit mehrfach wöchentlich veröffentlichtem Kontostand in den Medien, Verkündung (nach Wunsch) der Namen der Retter. Das wäre doch eine sehr einfache, medienwirksame und effiziente Aktion. Ich glaube, dass jetzt die Zeit ist, diesen Mut, dieses zivilgesellschaftliche Engagement freizusetzen.

Sehr geehrter Herr Tomalak, als Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Duisburg, wären Sie bereit, uns ein solches Spendenkonto medienwirksam einzurichten? Eine große Geste wäre es sicherlich, wenn auch die politischen Verantwortlichen vorweg gehen und in Duisburg ein ganz persönliches Zeichen setzen würden, indem sie z.B. in einen solchen „Rettungsschirm für die Kultur“ einzahlen würden. Ich bin überzeugt, dass solche Taten bei der Bevölkerung verlorenes Vertrauen in die Duisburger Politik wiederherstellen werden.  Und wie sieht es mit der Duisburger Industrie und Wirtschaft aus? Niemand erwartet, dass in Zeiten, in denen Arbeitnehmer entlassen werden müssen, in denen Übernahmen drohen und eklatante rote Zahlen geschrieben werden, Millionenbeträge in die Kultur fließen.  Aber es gibt viele Unternehmen und Konzerne in dieser Stadt, denen – gerade in diesen Zeiten – die Kultur in Duisburg durchaus fünfstellige Beträge wert sein sollten. Und auch dafür wäre jetzt der richtige Zeitpunkt. Es wird nicht so weh tun:

Kunst und Kultur sind keine schwarzen Löcher, in denen große Mengen Geld einfach für immer verschwinden.

Eine preisweitere bundesweite Werbung für die Stadt Duisburg als TRAUMZEIT gibt es nicht. Jede in Auftrag gegebene Imagekampagne würde ein Mehrfaches des Traumzeitbudgets kosten. TRAUMZEIT ist die Schnittstelle zwischen Hochkultur und Szene.

Wir brauchen in Duisburg eine vitale Szenekultur – die Abwanderung von qualifizierten, kreativen Menschen muss dringend gestoppt werden. Im Gegenteil brauchen wir den Zuzug junger, aktiver, ausgebildeter Menschen mit Schlüsselqualifikationen. Menschen, die in Führungspositionen hineinwachsen können, und die ihre Kinder in Duisburg aufwachsen sehen wollen. Ein ganz mutiges Beispiel kommt aus Duisburg: Stefan Höhnerbach, der mit seiner Firma für Veranstaltungstechnik von Beginn an das Traumzeit-Festival betreut hat, ist bereit, in diesem Jahr sämtliches technisches Material kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Im letzten Jahr hätte dies einem Gegenwert von etwa 50.000 – 60.000 € entsprochen.

Hier ist also jemand, der den entscheidenden ersten Schritt wagt, weil er die Wichtigkeit des Festivals kennt, die Entwicklung über bisher 15 Jahre TRAUMZEIT verfolgt hat und das Potential des Festivals sieht.

Wer macht den nächsten Schritt?

Ein Konzern, eine Arztpraxis? Ein Makler, eine Reinigungsfirma, ein Spielzeuggeschäft?

Eine große Spedition, eine private Musikliebhaberin? Ein Banker, ein Bauunternehmer, eine Sportlerin, ein Autohändler, die Fachanwältin für Insolvenzrecht…

Sehr veehrte Vertreter/innen der Duisburger Kulturpolitik, liebe Bürger/innen,

TRAUMZEIT 2012 kann stattfinden! Es müssen nur alle Kräfte initiativ und sichtbar daran mitwirken – jetzt!

Im Moment reicht das Geld für etwa die Hälfte der bisherigen Festivalgröße. Das ist zu wenig, um selbstbewusst aufzutreten und im Rest der Republik ‚herumzuposaunen’, was wir in Duisburg für ein unglaubliches Festival haben. Denn das kann ich beurteilen: wir haben mit TRAUMZEIT ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal, das viele andere und kommerziellere Festivals in größeren Städten nicht sind. Es gibt keinen Grund, sich unnötig klein zu machen!  Hier gibt es noch so viele unausgeschöpfte Marketingmöglichkeiten – die Industriebrache darf nicht schon wieder brachliegen! Der Strukturwandel hat in Duisburg ein Gesicht. Lassen Sie uns gemeinsam investieren, dann werden die externen Besucher das Doppelte der Ticketeinnahmen an Kaufkraft in unsere Stadt bringen. Jahr für Jahr können es mehr werden. (Ich gebe dann Bescheid, wenn wieder die Notwendigkeit für einen Zaun besteht…)

Es liegt nun an uns allen in Duisburg, diese Möglichkeit zu nutzen – nur Mut!

Lassen Sie uns auch zukünftig gemeinsam TRAUMZEIT erleben und wieder stolz auf Duisburg sein!

Herzliche Grüße vom Hochofen

Tim Isfort

4 thoughts on “Traumzeit Festival: Offener Brief von Tim Isfort

  1. Gerade habe ich den offenen Brief von Tim Isfort zum Traumzeit Festival gelesen. Von dort bin ich auf die Webseite und dann gleich mal ins Impressum. Um dort mit staunen festzustellen das ganz „zufällig“ die Sieger der Ausschreibung zum Akzente 2012 Design auch die Sachen für das Traumzeitfestival machen. Ein Schelm wer böses, dabei…… Es ist einfach schade was hier läuft! Ich fordere die Verantwortlichen auf die eigene Wirtschaft zu stärken und auf lokale Dienstleister zurückzugreifen! Wir haben genug kreative in Duisburg die das leisten können.

  2. @ Ein Duisburger

    Zumal das Akzente-Logo ja wohl auch noch ein Plagiat darstellte, gestohlen bei einem Duisburger Kreativen, der offenbar völlig leer ausging. Sollte es so sein, hätte Tim Isfort diesen Deal zumindest schweigend toleriert.

  3. Tim, Du solltest Texter bei einer Hamburger Werbeagentur werden, wenn das mit Deinem Festival nicht klappen sollte. Bin mal gespannt, was von dem, was Du äußerst, die RUHR-Macher okkupieren. Klingt alles schön und gut, aber erkenne auch Du, dass Du eine … des Systems bist und die unterstützt, denen Kunst und Kultur in Wahrheit total am A…. vorbei geht.

  4. Die Beigeordneten und der Stadtkämmerer von Duisburg sind Wahlbeamte. http://de.wikipedia.org/wiki/Wahlbeamter

    Wenn die Arbeit der Dezernenten nicht den Anforderungen der Bürger entspricht, ist die Zeit reif dafür nachzudenken, ob eine Wiederwahl zum Nutzen einer Stadt und seiner Bürger dienlich ist.

    Beispiel: der Stadtdirektor Dr. Peter Greulich (GRÜNE Duisburg) wurde 2000 durch Ratswahl für sein Amt bestellt und 2008 im Amt bestätigt. Bürgerbeteiligung in Duisburg würde bedeuten, dass eine Diskussion in der Öffentlichkeit geführt würde, ob eine erneute Wiederwahl in 2016 von den Bürgern unterstützt wird.

    Bürgerbeteiligung in Duisburg bei einer Wiederwahl von Kulturdezernent Karl Janssen – besonders unter den aktuellen Eindrücken – hieße: Der Wahlbeamte und Kultur-Beigeordnete Karl Janssen (CDU Duisburg) muss sich einen neuen Job suchen. Wie lang ist die Restlaufzeit?