Duisburg: Ausschreitungen bei Informationsveranstaltung zum geplanten Hamborner Outlet-Center

Gestern, Mittwoch abends, kam es zu Ausschreitungen durch hysterisierte Bürger im Anschluß an eine offizielle Informationsveranstaltung zum geplanten Outlet-Center in Duisburg-Hamborn.

Image by arne.list via Flickr

Gegen Wutrenter: Toleranzsignal im Duisburger Norden (Image by arne.list via Flickr)

Dort soll eine ganze Siedlung, rund um den Zinkhüttenplatz, abgerissen werden. Um Platz zu schaffen für den Parkplatz eines Einkaufscenters. Langjährig dort wohnende Mieter wurden offenbar militant und bedrohten ihre Stadtteil-Nachbarn, die sich für die Realisierung des Outletcenters einsetzen, mit Kameras und Holzstöcken.

Die Ideenwerkstatt Marxloh berichtet:

„Gestern war unser Verein mit 8 Mitgliedern bei der Bürgerversammlung zum Outlet Center.

Wir als Ideenwerkstatt haben gestern Abend das geplante statement, dass unser Verein grundsätzlich die Schaffung von 400 Vollzeitarbeitsplätzen und somit auch das Outlet Center befürwortet nicht abgegeben, da die aggressive Stimmung in der Halle hierdurch noch weiter angeheizt worden wäre.

Wir haben am Tisch während der Versammlung entschieden, im Falle Ihrer Frage nur für die Führung einer sachlichen Diskussion zu appellieren, die alle Interessen in der Bevölkerung berücksichtigt. Weiter haben wir entschieden, die Frage an Herrn Sevenheck zu richten, welche Arten von Jobs entstehen, um hier einmal eine sachliche Auskunft einfließen zu lassen, dass es wohl nicht ausschließlich Billigjobs werden, sondern auch Jobs für Handwerker, Gärtner, Verkaufsstellenleiter usw.

Herr Hellbach hatte sich ja dann etwas weiter hervor gewagt und man hat die Reaktionen erleben können.
Insgesamt waren wir gestern Abend doch extrem geschockt über die Art, wie einige Leute sich dort verhalten haben. In den beiden letzten Tischreihen hatten sich ja viele Leute nieder gelassen, die neutral, bzw. eher für das Center waren.Wir waren bereits nachmittags in der Siedlung und haben dort mit 3 Leuten einen Spaziergang gemacht, um uns einmal ein Bild von der Siedlung zu machen.

Als wir zum Auto zurück kamen, stand dort ein Mann mit einer Digitalkamera, der Fotos von uns und dem Fahrzeug machte. Als wir ihn darauf ansprachen, hieß es, dass er uns jetzt kenne. Dann lief er weg.

Abend beim Einlaß waren wir sehr verwundert, dass neben der Außentür jemand stand, der Fotos von allen Besuchern beim Eintritt machte, die nicht zu den Mietern gehörten,- auch als diese gebeten haben sie nicht zu fotografieren. Als wir die Halle zusammen mit Herrn Hellbach verließen wurden wir draußen massiv beschimpft. Herr Hellbach ging dann und wir versuchten mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, was leider nicht möglich war.

Speziell mir warfen Frau Brennemann und Herrn Mattern vor, dass ich von Herrn Sevenheck gekauft worden wäre, dass ich ein Verbrecher sei und auch das von unserem Verein und dem Runden Tisch vorbereitete Paulusviertelprojekt mit Geldern des Herrn Sevenheck finanziert würde, um uns auf seine Seite zu ziehen. Weiter würden wir Unwahrheiten über Mitglieder der BI verbreiten und nicht die Meinung von ganz Marxloh gegen das Center vertreten.

Als dann noch ein Mieter versuchte von hinten mit einem zusammengerollten Transparent mit innenliegendem Haltestock zu schlagen, haben wir das Geländer verlassen.

Letztendlich wurde uns noch hinterher gerufen, dass wir doch merken müssen, dass wir bei dieser Versammlung nicht erwünscht waren.

Die Situation von Mietern ist für uns als Verein natürlich wichtig und wir haben sie im Verein auch ausgiebig diskutiert. Was wir nicht verstehen, dass hier Menschen, die oft nicht einmal dort leben in einer Art gegen Andersdenkende vorgehen, wie man sie allgemein nur aus Diktaturen kennt. Auch die Anfeindungen gegen Herrn Sevenheck in Bezug auf seine Nationalität in der Halle,- und das er sich dort hinscheren soll, wo er her gekommen ist, hat uns sehr befremdet .

Nach diesen peinlichen Zwischenrufen haben wir kurz am Tisch diskutiert, was dieselben Menschen die das Herrn Sevenheck zugerufen haben tun würden, wenn ein Marxloher so etwas zu einem Brautmodenladenbesitzer sagen würde.

Vor einigen Tagen hatte unser Vorstand zudem ein Telefonat mit Herrn Professor Günter. Es ging hier eigentlich darum, dass wir einen Weg finden wollten, dass die Ideenwerkstatt Eisenheim in der öffentlichen Diskussion nicht mit der Ideenwerkstatt in Marxloh verwechselt wird. In diesem Zusammenhang haben wir Herrn Professor Günter den offiziellen Standpunkt unseres Vereins zu der Investition dargelegt. Die Antwort war für uns ebenfalls erschreckend. Sie lautete wörtlich „Wenn Sie dieser Meinung sind, gehören Sie für mindestens 5 Jahre alle ins Gefängnis“.

Ein weiterer Aspekt dieses Abends für uns in den hinteren Reihen war die Steuerung der Zwischenrufe und anderen Unmutsbekundungen die bestimmte Leute links und rechts vorgaben und dann aufgenommen wurden,- das gehört aber wahrscheinlich dann auch dazu.
Wir sind an diesem Abend bewusst mit 8 Vereinsmitgliedern zu der Veranstaltung gegangen. 4 Mitglieder waren vor der Veranstaltung für die Pläne und 4 dagegen. Dieses Vorgehen war Bestandteil unseres Meinungsfindungsprozesses. Nach den Erlebnissen auf der Veranstaltung war nur noch ein Mitglied gegen die Pläne.

Ich persönlich denke, dass dieses aggressive Vorgehen Sympathisanten eher verschreckt.

In einer außerordentlichen Vorstandssitzung gestern Abend haben wir noch einmal den Standpunkt der Ideenwerkstatt diskutiert und entschieden, dass er nicht geändert werden sollte :

1.Die Zinkhüttenplatzsiedlung ist eine typische Zweckbausiedlung der 60er Jahre. Sie stammt zwar von einem bekannten Architekten, stellt aber keine Besonderheit dar.

2. Die Siedlung hat einen Modernisierungsstau bei niedrigen Mieten und einer finanziell schwachen Bewohnerstruktur. Sanierungen hätten automatisch Mieterhöhungen zur Folge, was wiederum zu einer erhöhten Fluktuation führt.

3.
Das Outlet Center kann eine große Chance für den Duisburger Norden sein, wenn es funktioniert.
4.
Die Schaffung von 400 Vollzeitstellen ohne parallelen Abbau von Arbeitsstellen in der direkten Umgebung ist wichtig für den von Arbeitslosigkeit geprägten Duisburger Norden.

5.
Die Investition kann einen positiven Effekt, speziell für die ökonomische Entwicklung von Marxloh haben.

6.
Die Mieter haben einen besonderen Schutz zu genießen. Die Kommunikation mit den Mietern hätte auf eine bessere Art erfolgen müssen. Für die Mieter müssen Investitionsmittel bereit gestellt werden, die mindestens die Investitionen ihrer Mietwohnung entschädigen, den kompletten Umzug durch ein Fachunternehmen abdecken und eine Wohnung im nahen Umfeld sicher stellen, die besser in der Ausstattung bei gleichem Preisniveau auf lange Sicht ist. Mietern, die nachvollziehbare Gründe haben, warum ihnen ein Umzug nicht möglich ist, müssen besonders unterstützt werden, um ihre Probleme zu lösen. Zudem sollte darüber nachgedacht werden, einige Häuser der letzten Baureihe stehen zu lassen, in denen sich viele Mieter befinden, die nicht umziehen wollen. Nach den ausgehängten Plakaten scheint es so zu sein, dass sich in Richtung Rhein-Ruhr Halle das Mieterklientel verändert.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie in Ihrer Berichterstattung auch auf die Menschen und Institutionen eingehen, die im Outlet Center eine Chance sehen und auf der Versammlung gar nicht zu Wort kamen, bzw. sich nicht getraut haben.“

Videos von der Veranstaltung finden Sie unter http://xtranews.de/2012/02/29/video-duisburger-wutburger-gegen-bau-des-factory-outlet-center/

 

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