Das Still Gutachten – Sinnloser Tod in Duisburg

Nun liegt es also vor, das Gutachten von Prof. Dr. Keith Still. 21 Seiten reichen vollkommen aus um das Desaster zu erklären. Und doch lässt es einen ratlos zurück mit der Frage nach dem Warum?

Briten sind ja für ihre Höflichkeit und Zurückhaltung bekannt, aber einen Seitenhieb kann sich Prof.Still nicht verkneifen wenn er anführt dass die Berechungen der Kapazität eines Event Geländes seit 30 Jahren allgemein bekannt sind und es sich um recht einfache Berechnungen handelt. 

Die Planung eines Events erfordert danach für die Phasen 1) Personenzufluss zum Gelände, 2) Verbleib auf dem Gelände und 3) Personenabfluss vom Gelände eine Berechnung der Kapazität des Event Geländes selbst sowie der Zu- und Abwege sowohl für eine „normale“ Situation als auch für eine „Notfallsituation“. Grundlage der Planung sind u.a. die Flächenpläne. Ebenfalls erforderlich sind eine ausreichende Überwachung und Management der Zuschauerströme auf dem gesamten Gelände einschliesslich der Zu- und Abgänge. Alles normal, sollte man meinen.

In Duisburg scheitert das Gelände bereits an der überschlägigen Kalkulation der Kapazität. Die Berechnung beruht auf der Erfahrung, dass sich 2 Personen auf einem qm ungestört in eine Richtung bewegen können und es so möglich ist, in der Minute 82 Personen über einen Breitenmeter gefahrlos zu bewegen. Wenn man sich vorstellt dass 82 Personen innerhalb von einer Minute an einem vorbeilaufen dann ist die Gruppe zügig unterwegs. Allerdings gilt das nur für opitmale Bedingungen, u.a. in eine Richtung ohne Gegenverkehr und ohne Stolperfallen. Die waren in Duisburg aber vorhanden, etwa der notdürftig reparierte Gully, der von Prof. Still erwähnt wird.

Wendet man diese Grundlagen trotzdem auf die Rampe an, dann ergibt sich bei einer maximalen Breite von 18,28 m eine Kapazität von 18.28 x 82 Personen x 60 Minuten = 89.790 Personen je Stunde. Durch die Absperrungen der Polizei um die auf der Rampe abgestellten Fahrzeuge war die Breite an der engsten Stelle auf 10,59 m reduziert und damit die Kapazität auf 52.103 Personen je Stunde beschränkt.

Jetzt reicht ein einfacher Blick von Prof. Still auf das von den Organisatoren der Loveparade erstellte Bewegungsmodell mit dem Zustrom je Stunde, der Anzahl Zuschauer auf dem Gelände und dem Abfluss der Zuschauer. Zufluss und Abfluss je Stunde werden addiert und daraus ergibt sich, dass zwischen 17.00 und 18.00 Uhr, dem Ende der Parade und der Ankunft der Abendgäste, 145.000 Besucher je Stunde die Rampe passieren würden. Auch in den beiden Stunden vorher erreicht die Zahl 100.000. Daraus folgt die Aussage von Prof. Still, dass ein Systemzusammenbruch vorhersehbar war, man muss sogar sagen er war berechenbar. Um 145.000 Zuschauer sicher auf und vom Gelände zu führen wäre unter optimalen Bedingungen eine Breite von 145.000/ (82 Personen * 60 Min) = 29,5m notwendig gewesen. In Duisburg fehlten damit selbst für den Optimalfall knapp 11m.

Damit aber nicht genug, denn das Planungsdesaster war viel umfänglicher: So stellt Prof. Still fest dass die Geländepläne unzureichende Informationen über die Beschaffenheit des Geländes enthalten, dass es eine durchgänge Kontrolle und Management der Personenströme nicht gab. Auch der notdürftig reparierte Gully im Zugangsbereich stellte eine Stolperfalle dar. Bei hoher Personendichte reicht es aus, wenn eine Person stolpert oder fällt um erhebliche Verletzungsgefahren auszulösen. Die Dokumentation war ebenfalls nicht vollständig.

Die Gründe für die Todesfälle und Verletzungen werden ebenfalls deutlich herausgearbeitet: Die Personendichte an der Treppe erreichte nach Auswertung der Bilder 8-10 Personen und lag damit deutlich im Gefährdungsbereich. Personen in diesem Bereich können laut Aussage Prof. Still aufgrund des Lärms, des Personendrucks und der Angst nicht mehr wahrnehmen, was in wenigen Metern von ihnen vorgeht, auch nicht der ansteigende Druck in Richtung Treppe. Lärm, Konfusion und Überfüllung sind Faktoren denen die Personen entrinnen wollen und die Treppe erschien als einziger Ausweg.

Das sind die wesentlichen Aussagen. Man fragt sich danach wie es möglich war dieses Gelände überhaupt für die Veranstaltung freizugeben. Zumindest mit der Zu- und Abflussregelung waren die Probleme vorprogrammiert. Es ist kaum vorstellbar, dass die Duisburger Verwaltung und die Sicherheitsfachleute dieses Problem nicht gesehen bzw. erkannt haben. Es ist bekannt dass die Veranstaltung unbedingt durchgeführt werden sollte, das war der ausdrückliche Wunsch des Ex OB Adolf Sauerland, sicher auch bedrängt von den Machern der Ruhr 2010. So wurde weggeschaut, in Urlaub gefahren, moniert aber nicht wirklich das gemacht was notwendig gewesen wäre. Die „Augen zu und durch“ Mentalität eines Adolf Sauerland setzte sich im Endeffekt durch. Der Rest ist bekannt.

Ein Ergebnis zeigt das Still Gutachten aber auch deutlich auf, obwohl der Punkt gar nicht aufgeführt wird: Das exorbitant teure Gutachten von Frau Dr.Jaspers ist nicht haltbar. Ein Fall für den Papierkorb und auch ein Fall für die Frage einer möglicherweise erfolgten Falschberatung. Daraus muss die Stadt Duisburg jetzt die Konsequenzen ziehen und Schadenersatz verlangen bzw. das Honorar zurückfordern. Das Geld wird dringend an anderer Stelle benötigt.

 

 

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11 thoughts on “Das Still Gutachten – Sinnloser Tod in Duisburg

  1. Bisher ist ja der genaue auftrag der Staatsanwaltschaft Duisburg an Professor Still nicht bekannt. An zwei Stellen scheint mir sein Gutachten aber ergänzungswürdig.
    Der alte Eingang zum Gelände, den Still für die schmalste Stelle hält war nicht der Ort, wo der Personenstau seinen Ausgang nahm. Diese Engstelle war am Rampenkopf wo zwischen Floatstrecke und Rampenböschung bzw Zäunen noch weniger Platz zum Durschkommen war und die ankommenden Zuschauer zunächst einmal stehen blieben. Von dort verlängerte sich der Stau erst nach unten zu der von Still bezeichneten engetsen Stelle.

    Wenn er nicht nur die Planung sondern den Nachmittag des 24 Juni 2010 als Ereignis würdigt, sollte er nicht unerwähnt lassen dass an dieser engsten Stelle eine ganze Zeit lang durch die dort eingezogene Polizeikette niemand mehr rein und raus kam.

    Die Schlussfolgerungen für die Stadt Duisburg und das Jasper Gutachten, bleiben selbstverständlich richtig, verschärfen sich sogar.

  2. Richard Wittsiepe Di, 21 Feb 2012 at 18:44:30 -

    Sehr geehrter Herr Evers, da stimme ich durchaus zu. Das Still Gutachten ist in seiner Klarheit mehr als eindrucksvoll. Im Endeffekt wird deutlich, dass simple Berechnungen ausgereicht hätten um die Veranstaltung mit den gewählten Zu- und Abgangwgen die Genehmigung zu verweigern.

  3. Evers,

    „Wenn er nicht nur die Planung sondern den Nachmittag des 24 Juni 2010 als Ereignis würdigt,…“

    Hier offenbart sich Ihre Haltung.

      • Lothar Evers

        In mehreren Artikeln ist das diese falsche Datum aufgetaucht und übernommen worden.
        Werden die Artikel denn nicht überprüft,nachgelesen, bevor sie online gehen.
        Gerade bei diesem Thema finde ich das Datum wichtig. Soviel Zeit muß doch sein! Oder?

      • und gleichzeitig haben wir alle Schwächen, machen Fehler, und müssen aus diesen und mit diesen lernen.

        Wir Journalisten haben es da gut. Leben recht öffentlich und haben Leser, die uns auf unsere Irrtümer hinweisen.
        Sonst hilft glaube ich nur das vier Augen Prinzip:
        zu zweit noch mal drüber schauen und die Daten oder -in ihrem beispiel- die Dosierung prüfen.

        Das Netzwerk Recherche hat vor wenigen Monaten eine Tagung veranstaltet, wo wir nur über falsche Recherchen und Fehler bei der Recherche gesprochen haben. Den Eröffnungsvortrag hielt Dr. peter Sawicki, Mitinitiator der Broschüre des Aktionsbündnises Patientensicherheit „Aus Fehlern lernen“.
        http://www.aerzteblatt.de/archiv/59215

        In einigen Kliniken belohnt man Ärzte die über Fehler reden, da nur so optimierung möglich ist. Da sieht man gerade in der Tabuisierung von Fehlern und deren Sanktionierung die Ursache dafür, dass nach Schätzungen über 20.000 Patoienten jährlich im Zusammenhang damit sterben.
        Weiterführend:
        http://www.selectiv-verlag.de/Kapitel_6_1_11.html

        • Natürlich machen alle Menschen Fehler. Ich auch.
          Ich dachte halt immer, in den Medien wird gegengelesen (?)
          Da jetzt mehre Artikel mit dem falschen Datum auftauchen, denke ich das nicht mehr, sondern bin entsetzt, da es niemand merkt.
          Die Technik ist schneller als der Mensch oder das menschliche Auge.
          Trotzdem oder deshalb: Entschleunigen ist halt nötig und NOT-wendig.

  4. Ich meine die Formulierung als solche, vor allem die letzten drei Worte:

    Wenn er nicht nur die Planung sondern den Nachmittag … als Ereignis würdigt

  5. Gemeint sind vor allem seine letzten drei Worte:

    „Wenn er nicht nur die Planung sondern den Nachmittag des 24 Juni 2010

    als Ereignis würdigt

    !