Christian Wulff: „Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben!“

Wie sprach einst der mit Abstand beste Kandidat der derzeitgen Berliner Koalition für das Amt des deutschen Bundespräsidenten über einen seiner Vorgänger, Johannes Rau von der SPD : „Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann.  Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben.“ Mal ehrlich, geht’s noch, Herr Wulff? Alle Spiegel in Bellevue abgehangen? 

Seit Wochen vergeht kein Tag, an welchem wir nicht mit neuen Affärendetails über diesen Mann, Christian Wulff, versorgt werden. Seine immer nur neue Fragen aufwerfenden Erklärungen klingen uns in den Ohren. Zwei Drittel der Bürger sprechen ihm seine Glaubwürdigkeit ab, über die Hälfte der Bundesbürger sehen ihn mittlerweile gern aufs Altenteil versorgt. Und was macht er? Er klebt. Warum fragt man sich da? Versorgt bis ans Lebensende könnte es einem Mann wie ihm doch nun endlich gleichgültig sein, was die Demoskopen aus ihrem Köcher zaubern. Oder wie das Volk denkt. Die Welt war und ist und bleibt für ihn ein großer Schnäppchenmarkt. Alimentiert mit jährlichen 200000 Euro und sonstigen Vergünstigungen könnte er uns doch jetzt endlich mal einen Staatsdienst erweisen und seinen Hut nehmen. Aber nein, er ist der Meinung, dafür wäre die Zeit noch nicht reif. Was will er uns denn noch an Unsäglichkeiten bieten?

Andere sind doch schuld an der Misere. Ein Gläseker, der ohne, dass der Staatsmann Wulff nur ansatzweise was davon wusste, (war er doch nicht der engste Freund und Berater an seiner Seite?), sagte dem Landtag in Hannover die Unwahrheit. Gute Freunde, auch wieder ohne das er davon wusste oder auch nur ahnen konnte, zahlten ihm Hotelupgrades, Luxusaufenthalte in mediterranen Herrschaftsvillen  oder statteten seine Gattin mit Desingerroben aus. Woher soll er das denn wissen? Das hat ihm niemand gesagt! Was bildet sich die Journaille ein? Nein, es waren immer die anderen, nur er selbst ist seine eigene moralische hohe Instanz.

Rücktrittsforderungen aller Orten. Nun auch aus der FDP. Den wackeren Schleswig-Holsteiner Wolfgang Kubicki, seines Zeichens Spitzenmann der dortigen FDP, hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl. In der sonntäglichen ARD-Günter-Jauch-Talkrunde fordert er unverblümt den Rücktritt dieses Präsidenten. Wohlgemerkt aber auch erst dann, wenn die Klage der niedersächsischen SPD Erfolg hätte. Renate Künast, die grüne Frontfrau aus Berlin, ist da schon fordernder: „Herr Bundespräsident, erlösen Sie uns!“ ruft sie völlig entnervt. Und ihr Parteifreund aus Niedersachsen, der dortige Fraktionschef Wenzel, bezeichnet den Bundespräsidenten gar öffentlich als einen Lügner. Das gabs in der deutschen Geschichte noch nie! Wulff sorgt auch hier für einen Paradigmenwechsel.

Was aber machen die Berliner Koalitionäre? Eigentlich nix, was sollten sie auch sagen? Immerhin war Wulff ihr mit Abstand bestes Personalangebot für den Posten des Nachfolgers des glücklosen Ex-Präsidenten Horst Köhler. Die FDP, ausser dem schon erwähnten Kubicki, verschanzt sich hinter dem Würde-Argument vor „dem hohen Amte“. Was will sie auch sonst tun? Eine inzwischen auf Zwergenniveau geschrumpfte liberale Partei darf sich keinen weiteren Lapsus gegenüber ihrer Koalitionspartner mehr leisten. Die Kröte wird, wie stets in der jüngeren Vergangenheit, von den Liberalen geschluckt. Verständlich, war doch Christian Wulff auch für sie das Mass aller Dinge für den vakanten Job eines deutschen Präsidenten. Sie selbst hatten scheinbar auch nichts besseres anzubieten.

Die CDU/CSU wird nicht müde, Wulffs politische Lebensleistungen zu loben, im nunmehr aktuellen Wissen dass es so viel zu loben einfach nun nicht mehr gibt. Argwöhnisch schauen sie auf die Presse, auf die Opposition im Lande und im Niedersächsischen Landtag und auf alles, was ihnen suspekt vor kommt und halten wie die Lemminge fest an jemandem, der sich eigentlich schon im freien Fall befindet.

Bundespräsident zu sein ist sicher eine schwere staatstragende Bürde und ein sehr herausragendes Amt. Bisher haben wir in der Nachkriegsgeschichte in großer Verbundenheit hinter unseren Präsidenten gestanden. Mal mehr oder weniger ernst genommen, waren sie doch fester Bestandteil unserer Demokratie. Manche von ihnen haben Geschichte geschrieben. Weil sie Männer von Format waren, weil sie Unparteilichkeit zu ihrer Zeit verkörperten und weil sie die Reife und die moralische Intelligenz besassen, um gehört und erhört zu werden.

Diese Zeiten sind nun offenbar vorbei. Deutschland leistet sich einen Bundespräsidenten, dem sein Volk in Mehrheit nicht mehr glaubt. Der einzig und allein im Amt bleibt, weil die Bundeskanzlerin zur Zeit keinen Wechsel -und aufgrund der schwachen Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung- kein Risiko eingehen will. Wie sollte sie auch erklären, dass nach kurzer Zeit ihr einstmals bester Mann für das Präsidentenamt ausgewechselt werden muss?

Wulffs Affären, sonderliche Freundschaften und Verflechtungen fallen auf die politische Klasse insgesamt zurück. Das Ansehen der Berufspolitiker sinkt dadurch immer mehr. Den zuständigen Politikern aus CDU, CSU und FDP scheint dies gleichgültig zu sein. Sie machen ihre Augen zu, verschliessen ihre Ohren und wirken nur noch wie ein naiver Fanclub, der seinem Star mit aller Macht die Stange hält, egal was der sich leistet.

Wulff klammert sich an sein Amt. Er will nicht gehen. Er findet sich klasse und souverän. Er will den Weg nicht freimachen dafür, dass dieses Amt wieder die politische Ausstrahlung und  Wichtigkeit erhält, welches ihm verfassungsgemäß zugestanden wird. Er wird kein von Weizsäcker, kein Ruck-Herzog und schon gar nicht ein Volkspräsident wie Johannes Rau mehr werden. Er bleibt einfach Christian Wulff, der Freund seiner Freunde. Und das scheint ihm zu genügen. Seinen Unterstützern reicht das allemal.

Das ich davon die Schnauze voll habe, mögen vielleicht die einen oder anderen verstehen, andere vermutlich nicht. Während andere Menschen für einen läppischen Pfandbon oder einen Griff zu einem Brötchen auf einem Geschäftsbüffet ihre Existenzen gefährden in diesem unserem Land, dürfen ausgesuchte andere Menschen nehmen, was sie kriegen. Und oben drauf gibt’s ne lebenslange Luxusapanage dazu. Was kostet die Welt?

Das soll das Volk verstehen? Wen wurmt das schon? Das Volk hat gefälligst die Würde des Amtes und dessen Amtsinhabers zu achten. Notfalls greift sonst der § 90 STGB. Den Amtsträger ficht das indes nicht an. Er will uns seine Würde endlos weiter beweisen, und sei es bis zum Ende seiner Amtszeit.

Darauf ne Banane, Bundesrepublik Deutschland!

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3 thoughts on “Christian Wulff: „Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben!“

  1. Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt´s sich leichter ungeniert. Die neue Klasse der politiker ist nicht nur bestreiten bis zum Schluß, scheibchenweise zugeben, von einem bedauerlichen Fehler reden, nein, nun erst recht aussitzen. Das dumme Volk soll mal aufhören zu nörgeln, er wird ja so sehr gebraucht, so wie die FDP, gell?

  2. Die Parteiendemokratie ist derzeit eifrig dabei, sich selbst zu zerlegen. Die Parallelität Wulff/Sauerland ist erschreckend. Juristisch ist nichts nachgewiesen, also hocken wir weiter auf dem Sessel. Und was kümmert uns das Wahlvolk schon? Die brauchen wir alle paar Jahre mal wieder, und ansonsten können wir es in seiner Dummheit nur noch belächeln. Wir jedenfalls haben unser Schäfchen im Trockenen, natürlich zulasten des Steuerzahlers, wobei uns der nicht sonderlich kümmert. Egal, woher das Geld kommt, Hauptsache, es landet auf unserem Konto. Nein, das Amt hat keine Würde. Würde hat immer nur derjenige, der es ausfüllen soll oder muss, und Wulff, ebenso wie Sauerland haben ihre Würde irgendwo auf dem Weg zum Amt verloren. Nicht nur Sie, Herr Obens, haben die Schnauze voll. Sie befinden sich in grosser und guter Gesellschaft. Selbst die FDP im tiefen Süden des Landes ärgert sich, Herrn Wulff gewählt zu haben, und das will schon was heissen. Dennoch sind wir Bürger an Händen und Füssen gefesselt und werden diesem Möchtegern-Präsidenten mit seiner „attraktiven“ Gattin ein komfortables Leben bis zu seinem Ende finanzieren, zähneknirschend, aber ohnmächtig und als etwas ältere Semester gern zurückdenkend an Papa Heuss, der nach einem – für heutige Verhältnisse ungeheuren Angriff auf seine Person – seinen Justizminister ansprach und ihn bat, ihm mitzuteilen, „wann er sich aus staatspolitischen Gründen beleidigt fühlen müsste“.

    • Parteiparasit. Aus der Sicht dieser, unserer morgen- und abendländischen Leitkultur, so wie es Aristoles vor fast zweieinhalb tausend Jahren verstand, ist das ein Herd- und Tischgenosse. Partei ist eine politische Gemeinschaft von überwiegend eigensüchtigen Teilnehmern und Genosse wird als Mitglied mit einem traditionell roten Parteibuch allgemein angesehen.

      Mittlerweile wird die „Post-Demokratie“ ausgerufen.

      Ob nun Frankfurter Rundschau (Jan) oder die ZEIT (Dez): „Warten auf den Untergang!“

      Es mehren sich in der Nation Stimmen, die hoffen „bis es endlich knallt!“

      Die Kleinmütigen von Duisburg werden den sog. Strukturwandel Ruhrgebiet weiterhin verpassen. Das Revier ist systemimmannent – auf Ruhri-Deutsch: „Ähh boar Mann. Kannste escht nix machen! Iss so.“