MSV Duisburg: Offener Brief der Fangruppierung „Kohorte“ an den Aufsichtsrat

Offener Brief der Kohorte Duisburg an den Aufsichtsrat des MSV Duisburg e.V., Andreas Rüttgers von Schau-Ins-Land-Reisen und die interessierte Öffentlichkeit.

 

„Ich denke, dass ein Sponsor nur sehr bedingt Einfluss auf einen Verein nehmen sollte, das ist ja

meist eine sehr subjektive Meinung die man vertritt.“

 

Andreas Rüttgers, Safariausgabe Nr. 5 im Sommer 2010

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

auf Grund der möglichen Tragweite des am 13.12.2011 unter

www.derwesten.de/sport/lokalsport/duisburg/spekulation-um-ruettgers-als-msv-chefid6161484.html veröffentlichten Artikels sehen wir uns gezwungen – ohne den Wahrheitsgehalt des dort Niedergeschriebenen prüfen zu können – Ihnen mit einem offenen Brief unsere Sicht zu einem möglichen Szenario dieser Art darzulegen.

Sie alle werden den Artikel gelesen haben: Es ging darum, dass Herr Rüttgers sich als Vorstandsvorsitzender des MSV Duisburg e.V. zur Verfügung stellen würde – eine Stelle, die durch den Aufsichtsrat neu besetzt werden muss.

Eine Reaktion auf diesen Artikel gab es nicht, weder SIL noch irgendein Organ des MSV äußerten sich dazu. Über die Gründe für dieses Verhalten kann man nur spekulieren. War der Artikel vielleicht zu weit von der Realität entfernt, als dass man sich dazu hätte äußern wollen oder müssen? Will man die Angelegenheit lieber „intern“ klären und hat gehofft, sich der öffentlichen Diskussion nicht stellen zu müssen? Sind sich die einzelnen Protagonisten vielleicht noch gar nicht im Klaren darüber, wie eine mögliche Bewertung dieses Szenarios aussehen könnte?

Das wissen wir nicht. Allerdings ist Schweigen dann, wenn es um einen demokratisch aufgebauten Verein mit dem Anspruch, den Profifußball einer Großstadt zu repräsentieren, geht (und dies ist der e.V. im Gegensatz zum Wirtschaftsunternehmen MSV Duisburg KGaA), immer das Schlechteste.

Der e.V. mag für viele ein antiquiertes Relikt einer vergangenen Epoche darstellen, welches im Tagesgeschäft des Profifußballs nicht mehr als eine Randnotiz bedeutet. Doch gerade der momentane Grabenkampf im Verein oder ein Blick in die Vereinssatzung machen recht schnell klar, dass dem nicht so ist. Denn der Vorstand des e.V. ist dem Geschäftsführer der KGaA weisungsbefugt und wird seinerseits durch den demokratisch gewählten Aufsichtsrat des e.V. bestellt und kontrolliert.

Demnach ist die Mitgliederversammlung – zumindest auf dem Papier- das höchste Organ unseres Vereins.

„Ein Verein, dessen Zweck nicht auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb gerichtet ist“, so wird ein e.V. im Amtsdeutsch definiert und so wollen wir unseren Verein auch verstanden wissen: Als Ort menschlicher Zusammenkunft, zwischenmenschlicher Kommunikation, geselligen Miteinanders, dem Erlernen sozialer Spielregeln und demokratischer Prozesse.

Wir als Vereinsmitglieder und Fans sehen unsere Möglichkeiten der Mitbestimmung über den von uns gewählten Aufsichtsrat massivst in Gefahr, wenn die Stelle des Vorstandes mit Leuten besetzt wird, von denen der MSV finanziell abhängig ist. Wie soll ein Aufsichtsrat in die Diskussion mit einem Vorstand treten, dessen Legitimation und möglicherweise auch Druckmittel die Gelder sind, die er in den Verein gepumpt hat?

Diese Konstellation gab es in unserem Verein vor nicht allzu langer Zeit schon einmal und wir wollen unseren Verein definitiv nicht noch einmal in so einer Position sehen. Zudem dort dann auch wieder ein ganz praktisches Problem zu Tage träte: Verhandelt Herr Rüttgers dann als Vorstandsvorsitzender über Hellmich Marketing mit Schau-Ins-Land-Reisen Sponsorenverträge aus?

Des Weiteren ist Herr Rüttgers Angestellter dieses Unternehmens und seinem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet: Wie soll diese Doppelbesetzung funktionieren? Wie soll sich Herr Rüttgers im Falle eine Konfliktes verhalten? Eine aus unserer Sicht unmögliche Aufgabe!

Aus diesem Grund lehnen wir die Anwesenheit eines profitorientierten Unternehmens und Sponsors im Vorstand des e.V. entschieden ab.

Sollte Ihr Unternehmen, Herr Rüttgers, bereit sein, dem MSV das benötigte Geld für die Forderungen der DFL im Rahmen der Nachlizenzierung zur Verfügung zu stellen oder dafür bürgen, so begrüßen wir das sehr, da es für das Fortbestehen des MSV als Profiverein wohl unumgänglich ist. Ein Punktabzug durch die DFL aufgrund nicht erfüllter Auflagen könnte sich in der momentanen Situation für den angeschlagenen Verein als tödlich herausstellen.

Sollten Sie darauf bestehen, an der Überprüfung, wo genau ihr investiertes Geld landet, beteiligt zu sein, so ist dies für uns uneingeschränkt nachvollziehbar, immerhin existiert Ihr Unternehmenmit dem Ziel, Profit zu schöpfen und nicht um runter gewirtschaftete Fußballvereine zu retten.

Dementsprechend wäre der logische Schritt eine Mitarbeit Ihrer Person im Aufsichtsrat der KGaA, welche genau dies zur Aufgabe hat: Überprüfung des Geldflusses in der Profisparte des MSV.

Für uns als Gruppe ist der MSV weit mehr als das, was auf dem Platz passiert und die Mitgestaltung an dem, „was den MSV ausmacht“, war uns schon immer ein großes Anliegen. Und dementsprechend ist der e.V. für uns ein unantastbares Tabu. Es gab und gibt für uns immer die Möglichkeit, Kompromisse einzugehen. Der Stadionname wurde verkauft und von den Ultrasgab es kein Wort. Keinen Protest. Obwohl wir den Namen aufs Schärfste ablehnen! Weil wir, auch wenn viele unserer Kritiker das nicht glauben werden, sehr wohl verstanden haben, wie Fußball heutzutage funktioniert und dass wir uns sonst einen Verein ohne Sponsoren undKommerzialisierung irgendwo unterhalb der zehnten Liga suchen müssten.

Eine Einmischung „der Wirtschaftssparte“ in „die Vereinsarbeit“, das ist der Punkt, an dem es für uns keine Kompromisse und keine Verhandlungen geben kann, gerade angesichts der Historie unseres Vereins.

Wenn es dazu kommen sollte, werden wir garantiert nicht schweigen, auch wenn der MSV noch mehr schlechte Presse beileibe nicht gebrauchen kann. Wir sähen an der Stelle keinen anderen Weg.

Als Konsequenz unserer Gedanken haben wir uns dazu entschieden, uns öffentlich zu dem heraufbeschworenen Szenario zu äußern und zwar unmittelbar, und nicht nachdem es zu spät ist.

Die Wege waren schnell gefunden: Ein Spruchband als Möglichkeit, unserer Stimme im Stadion das letzte Mal in diesem Kalenderjahr (und bevor eine Entscheidung gefällt wird) Geltung zu verschaffen und dieser offene Brief, der Sie nun erreicht hat.

Dass das Spruchband seinen Adressaten gefunden hat und nicht im allgemeinen Geschehen untergegangen ist, konnte man dem Internet ja eindrucksvoll entnehmen, auch wenn es wohl mit der Weiterleitung des genauen Wortlautes zwischenzeitlich etwas gehapert hat. Aber die Differenzierung, die wir zwischen dem MSV als Ganzem und dem e.V. als Organ der Mitglieder und Fans treffen, dürfte nun ja hinreichend erläutert sein.

Wir möchten an Sie, Herr Rüttgers, appellieren, dass Sie die Integrität des e.V. respektieren und dem Demokratisierungsprozess, der dem MSV hoffentlich nach der Entfernung des alten Vorstandes bevorsteht, nicht im Wege stehen.

Wir möchten an Sie, die Herren des Aufsichtsrates des e.V., appellieren, sich nicht die Pistole auf die Brust setzen zu lassen. Der MSV braucht das Geld. Ebenso dringend aber braucht der MSV eine radikale Neustrukturierung bzw. eine radikale Einhaltung der bestehenden Vereinssatzung.

Wir wissen, dass Sie einen Ritt auf Messers Schneide vollführen, und wir können erahnen, wie stark der Druck sein muss, der auf einem lastet, wenn man genau weiß: Wenn es schief läuft, sieht man alle Finger auf sich gerichtet. Wir wünschen Ihnen den Mumm, das Richtige zu tun um den MSV als Idee zu bewahren, und das Gespür dafür, wann der MSV sich verkaufen würde.

Wir würden uns freuen, wenn eine mögliche Stellungnahme Ihrerseits im Namen derTransparenz ebenfalls öffentlich erfolgt.

 

Kohorte Duisburg am 20.12.2011

4 thoughts on “MSV Duisburg: Offener Brief der Fangruppierung „Kohorte“ an den Aufsichtsrat

  1. zu: „Ein Verein, dessen Zweck nicht auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb gerichtet ist“

    Diese Zeiten sind schon längst vorbei – jedenfalls im Profibereich und in der A-Klasse schauts da nicht viel anders aus.