Spaceblogs, Placeblogs und lokale Zeitungen

 

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Image via Wikipedia - Statistik der Auflage der BILD-Zeitung

Bei manchen Erwähnungen weiß man ja gar nicht ob man geschmeichelt oder eher beleidigt sein sollte – mir geht das so bei dem Beitrag, den Dr. Matthias Krup im Blog des Medienforum NRW schrieb und in dem Xtranews neben anderen lokalen Blogs erwähnt wird. Zuerst einmal denke ich, dass sich auch der Rest der Redaktion über die lobenden Worte angesichts der Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe freuen dürfte – andererseits möchte ich dann für mich und für die Leser einiges anmerken, was angemerkt werden muss.

1.) Spaceblogs, lieber Herr Krup, sind Blogs, die die Astronauten der NASA betreiben oder Blogs, die den Weltraum zum Thema haben. Da Astronauten mittlerweile auch von der Raumstation selbst twittern können, werden die auch bloggen können von da oben. Da bin ich mir ziemlich sicher. Was Sie vermutlich meinen sind „PLACEBLOGS“. Oder – wie das auch schon mal hipp war: Hyperlocal Journalism. (Furchtbarer Begriff, war aber mal gang und gäbe.) Beim Schreiben von manchen Kolumnen würde ich gerne mal Leute auf den Mond schießen wollen aber ich glaube, das gehört nicht hierher.

2.) Wie alles im Leben gehört auch die Vergänglichkeit von Blogs zum Leben im Internet. Allerdings ist es ja nicht so, dass nicht auch Zeitungen sterben. Erinnern Sie sich noch an die „News of the World“? Gut, die Gründe warum diese Zeitung eingestellt worden sind – an der Auflage hats da nicht gelegen. Aber wissen Sie, wenn ich lese dass mehr und mehr Zeitungen, die die regionale Vielfalt ermöglichen sollten immer mehr zu Monopol-Kontent-Fabriken mutieren – Sie erwähnen selbst ein Beispiel im Blogartikel, in einem ZEIT-Artikel von 2009 kommen weitere Beispiele dazu wie unabhängige Blätter entweder ebenfalls eingestellt werden oder ihre Eigenständigkeit verlieren. Machen Sie sich mal das Vergnügen eine Woche lang die Artikel zu vergleichen, die in der NRZ und dann in der WAZ stehen. Offiziell zwei total unterschiedliche Blätter, aber es ernüchtert extremst in Hinblick auf etwas, was man regionale Vielfalt nennt. Ich darf Sie zitieren: „Auf Dauer werden Placeblogs deshalb wenig geeignet sein, um etwa in Einzeitungskreisen Meinungsvielfalt zu garantieren.“ Gegenfrage: Können Sie mir garantieren, dass Zeitungen, denen es in den letzten Jahren nun – auch wegen der Wirtschaftskrise, aber der Trend war schon vorher da – immer schlechter geht, können Sie mir wirklich garantieren, dass lokale Zeitungen Meinungsvielfalt gewährleisten können – in – hüstel – „Einzeitungskreisen“?

3.) Dass es häufig an redaktionellem Handwerkszeug fehle konstatieren Sie. Richtig. Sehen Sie mal mich an, meine Kommatasetzung ist in der Regel nicht gerade wie frisch aus dem Ei gepellt, ab und an sind auch meine Sätze zu lang und gewiß habe ich die Eigentümlichkeit mich manchmal etwas enervierend klugscheißerisch auszudrücken. Justus Jonas lässt grüßen, falls Sie den kennen. Andererseits: Artikel von Profi-Journalisten in lokalen Tageszeitungen sind können supertoll geschrieben, aber schlicht und ergfreifend langweilig sein. Das kommt auf den Menschen an, der hinter den Artikeln steckt. Ja, ich stimme überein: Man muss wissen wie eine Meldung aufgebaut ist, was eine Reportage ist, welche Stilmittel man nutzen kann. Lernt man aber in der Regel auch im Deutschunterricht wenn ich mich richtig erinnere: Bericht, Meldung, Reportage. Und Handwerk kann man sich aneignen. Das Interesse an der Geschichte und die Kunst, eine Geschichte gut erzählen dagegen ist etwas, was zu diesen blöden 1% gehört, die man nicht im Schweiße des Angesichts erlernen kann. Das Talent, den Leser zu fesseln und ihn dann so zu fesseln, dass er vergißt dass Kommata blöd gesetzt sind oder dass der Artikel eigentlich viel zu lang ist um gelesen zu werden – das ist Kunst. Und es gibt dabei ebenso gute wie schlechte Journalisten wie es gute und schlechte Blogger gibt. Wenn es einem Reporter gelingt eine Geschichte spannend zu erzählen, wenn er mich im Innersten berührt oder zumindest mein Interesse weckt – Chapeau. Das Licht gehört nicht unter den Scheffel, sondern darauf und die lokalen Zeitungen sind momentan nicht in der Lage zumindest mal das Licht irgendwie anzuzünden. Und ich glaube, das ist ein Problem: Uns fehlen Journalisten, die Zeit genug für Recherchen haben, die für ihren Beruf brennen und die vor allem Persönlichkeiten sind. Interesse am lokalen Geschehen vor Ort mal vorausgesetzt. Ich lese eine Zeitung zwar auch um über Neuigkeiten von vor Ort informiert werden zu können, wenn mir aber der Stil eines Journalisten gut gefällt lese ich sie um so lieber. Und freue mich dann darauf, bald wieder was von dem zu lesen.

4.) Ah, die leidige Frage nach den Recherchen – auch hier gilt: Man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Wissen Sie, wenn ich die lokalen Zeitungen aufschlage sehe ich auf einen Blick was übernommene Pressemitteilungen sind und was aus den Quellen der Polizei oder der Feuerwehr an Meldungen stammt. Es ist ja heutzutage auch kein Hexenwerk sich da ein eigenes Bild zu machen. Und natürlich: Auch Blogs drucken Pressemitteilungen ab. Legitim, nicht wahr? Schließlich steht bei den Blogs ja meistens keine große Redaktion dahinter wie bei – hmm – der WAZ, der NRZ, dem WA oder dergleichen. Die generelle Einstellung aber, Blogs würden nie im Leben auf die Idee kommen zu recherchieren greift derart deneben wie die Behauptung, Zeitungen würden nur aus recherchierten und eigengeschriebenen Meldungen bestehen. Die Leute von Reuters wären ja arm dran in dem Fall… Es gibt solche und solche Blogs. Vergessen Sie bitte nicht: Wir haben in der Regel keine Lokalredaktion mit fünfzig Leuten hinter uns. Wir können es uns manchmal nicht leisten zu recherchieren, können aber immerhin eine Meldung auch mal nicht abdrucken. Und gelinde gesagt: Ab und an sollten Lokaljournalisten mal auch selber recherchieren gehen anstatt nur einen Photographen zu schicken, der sich die Namen der Personen notiert damit die Bildunterschrift passt. Aber gut, lassen wir das.
Und kommen Sie: „Meist ergeben sich Beiträge eher zufällig“ – als ob das Leben Ihnen als Chefredakteur einer Zeitung sich jeden Abend präsentieren würde und sagen: „Schauen Sie mal, morgen habe ich das und das geplant.“  Vielen Dank für diese amüsante Vorstellung. Sicherlich meinen Sie etwas von einem Redaktionsplan oder etwas ähnlichem – den gibts sicherlich bei einigen Blogs, bei anderen wiederum nicht, aber mal ehrlich: Ist das wirklich essentieller Journalismus? Ist das wirklich wichtig? Oder ist es nicht die Nachricht an sich?  Und Doppelbeiträge – nun ja. Kommt vor. Immerhin können Onliner solche Fehler schneller beheben als die Printausgaben. Fehler passieren halt.

5,) Subjektiv! Blogs sind subjektiv! – Ah, aber eine Rezension über die letzte Aufführung von „Carmen“ bei der Deutschen Oper am Rhein ist natürlich im höchsten Maße objektiv. Bücherbesprechungen sind in der Regel natürlich auch immer objektiv und wollen auch nichts empfehlen. Ah, Sie meinen die GRUNDHALTUNG von Blogs unterscheide sich gegenüber der von Zeitungen? Richtig. Deswegen sind diese immerwährenden Grabenkämpfe ja auch Dummfug. Und mir ist schleierhaft warum ausgerechnet Sie auch mal wieder einen Grabenkampf gegen Blogs führen müssen obwohl Sie auch lobende Worte für Sie finden. (Nun, ich finde auch ab und an lobende Worte für Zeitungen, wenn ich welche verloren habe.) Vielleicht sollten wir endlich mal eingestehen, dass Blogs eine andere Medienform sind als Zeitungen, das Blogs andere Regeln haben als Zeitungen – nein, nein, nein, moment – das heißt nicht, dass Blogger wenn sie berichterstatten sich dem Pressekodex entziehen sollten dürfen, vor allem dann nicht, wenn sie pressejournalistische Arbeit machen. Es heißt einfach nur, dass Blogs ganz einfach eine andere Herangehensweise an Stoffe haben. Blogs gehen da anders vor als Zeitungen. Warum das Journalisten in der Regel ärgert? Wie geschrieben: Es heißt nicht, dass man bei Placeblogs Objektivität nicht wahren sollte. (Ein hohes platonische Ideal übrigens, denn schon allein die Formulierung eines Satzes, das Ändern eines Wortes heißt ja schon, dass man Einfluss nimmt…) Sie werden aber in Blogs desöfteren Texte finden, die sehr, sehr subjektiv sind. Merkwürdigerweise findet man die in Zeitungen aber auch. Heißen dann Glosse. Oder Kolumne. Satire gar.

6.) Blogs sollen also nur eine ERGAENZUNG zur Zeitung sein. Oder, moment: „Originär journalistische Motive wie die Darstellung aktuellen Geschehens, komplexer kommunaler Probleme oder die Abbildung von Ereignissen, die Nachrichtenwert und Relevanz für eine möglichst große Zahl von Nutzern aufweisen, spielen übrigens für die meisten Blogger kaum eine Rolle.“ Schön, dass Sie zumindest meine Motive so einwandfrei bewerten können. Man sollte mit Allgemeinsätzen vorsichtig sein, sie könnten sonst zu Floskeln verkommen. Wobei mir auffällt, dass Sie in den letzten Absätzen Ihres Postings nicht mehr von „Placeblogs“ reden sondern nur allgemein von Blogs und Bloggern. Und natürlich haben Sie recht: Die meisten Blogger bloggen weil … nun … also … es gibt tausendundzwei Gründe warum Menschen bloggen und davon werden tatsächlich die meisten keinen größeren Wert auf journalistisch gute recherchierte Artikel legen. Aber wir reden doch hier von Placeblogs, nicht? Von einem wie diesem hier, von einem wie dem Pottblog und den Ruhrbaronen und so? Nicht, dass wir uns da falsch verstehen. Denn sehen Sie mal: Ich glaube, diese Blogs würden nicht existieren, wenn sie kein originäres Interesse an der Verbreitung von guten redaktionellen Nachrichten hätten. Umgekehrt aber auch mal gefragt: Wenn diese Blogs existieren, warum existieren sie dann? Weil eine „möglichst große Zahl von Nutzern“ offensichtlich nicht mehr von lokalen Zeitungen adäquat bedient wird? (Wer definiert übrigens, was eine „möglichst große Zahl von Nutzern“ ist? Google?)

Nein, mein lieber Dr. Matthias Kurp: Schwarzweiß malen gilt nicht, also erst Placeblogs schmeicheln und dann genrell Kritik ablassen – und später noch nicht mal mehr zwischen Nicht-Placeblogs und Blogs unterscheiden sondern generell Breitseiten verschießen. Wenn das so einfach wäre, das Leben wäre bestimmt manchmal netter. Aber leider hat Gott, das Schicksal, das Leben die Welt halt in Grautönen angemalt und da helfen Allgemeinplätze leider nicht weiter. Immerhin bin ich beruhigt: Solange es noch Leute gibt, die sich über Placeblogs aufregen, haben diese ihre Arbeit noch nicht getan.

Pst: Dass Sie in der Tabelle mit den ganzen Blogs die es in NRW gibt, dass sie nicht direkt verlinken – geschenkt. Großartige Methode um Leser auf die Blogs überhaupt aufmerksam zu machen, die sich dann natürlich die Inhalte anschauen werden. Tippen ist ja auch nicht so schwer. Aber schauen Sie mal, da unten steht tatsächlich „Placeblogs“…

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