Demo in Duisburg-Hochfeld: Oslo interessiert nicht mal die Kopftuch-Mädchen

Sie wollten zusammen kämpfen, aber sie sind nur wenige. Und nichts wesentliches: Die am Samstag Mittag im Immigrantenstadteil Duisburg-Hochfeld stattfindende Demo im Angesicht des Attentates in Norwegen zeigte verbleichende Rituale

Von unserem Gastautor Thomas Meiser

High Noon vor der Hochfelder Pauluskirche. Dreissig Demonstranten unterschiedlicher Altersklassen stehen müd’ einher. Es sind die üblichen Verdächtigen, deren Label nach Anlass jeweils adäquat changiert:

Zusammen kämpfen ohne viel Menschen: Demo in Duisburg-Hochfeld

Zusammen kämpfen ohne viel Menschen: Demo in Duisburg-Hochfeld, Mupflpic

Ein Zusammenschluß namens „Zusammen kämpfen“ hat aufgerufen, den „Opfern des Terrors in Norwegen zu gedenken und Rechtspopulisten den Kampf anzusagen“.

Klingt ja erst mal ehrenwert.

Parolen wie:

„Den rassistischen Konsens brechen.“

Doch, huch.

Sie rühren erstmal eine Explosion herbei.

Und zwar an einem Dieselgenerator, der sich mit Knall und Schall und Rauch in Gang setzt, um Stromkraft für die Lautsprecher-Anlage der Kundgebung zu spenden.

Tschitti Tschitti Bäng Bäng: Dieselgenerator sicher Speakersound

Tschitti Tschitti Bäng Bäng: Dieselgenerator sichert Speakersound, Rodenbücherpic

Hinten am Kirchplatz lungern Säufer auf ihrer Bank, gestern hat es Stütze gegeben. Ein junger Mann, er sagt, er wäre aus Kasachstan, er hält eine Dose Whiskey-Bourbon in der Hand, vierschrötig, in weißem Strickpullover, empört sich:

„Das sind doch Kommunisten, soll ich mal meine Nachbarn holen, wir halten nix vom Kommunismus, wir wurden dort geboren.“

Der Kasache empört sich noch weiter über die roten Fahnen auf der Winzigemo von dreissig Leuten. Dieweil sein Kumpel wankend vor den Seitenflügel der Kirche schifft.

Der freundliche kasachische Nachbar

Der freundliche kasachische Nachbar, rodenbücherpic

Soweit zur Solidarität der typischen Hochfelder.

Es hält der Duisburger Rechtsanwalt im Ruhestand Jürgen Aust eine erste Rede.

Aust war als Fachanwalt für Arbeitsrecht nicht nur im Sprengel so ziemlich erste Garnitur, als außerparlamentarischer Flügelmann der Linkspartei bemüht er sich – so scheint’s – jetzt als Pensionär um die Bewegung.

Es kommt ein leichter Wind auf, wiewohl Austens Rede nicht wirklich braust:

Jedenfalls bekam ein Demokind von seinen Demoeltern aus dem Flugblatt vom Dienst einen Papierflieger gebaut und hatte verdammt viel Spaß daran.

Der afroamerikanische Chef des Linkspartei-Ortsverbandes Innenstadt darf auch sprechen:

„Ist der Oslo-Killer ein Mensch“, fragt er. „Oder ein Lebewesen?“ – „Lebewesen ja, Mensch nein.“

Vier Kopftuch-Mutties auf dem Rückweg vom Gemüsemarkt verfolgen die Show des Linkensprengel-Chefs erst mal. Sie lehnen innerhalb der Backstein-Mauer, die den Kirchplatz einfasst und reichen einander Ayran.

Denn immerhin beherrscht der schwarze Mann das Spiel der freien Rede und tänzelt mit dem Mikro in der Hand wie Obama in der Provinz auf Stimmenfang.

Die vier Kopftuch-Mutties tuscheln. Immerhin.

Soweit zur Solidarität der typischen Hochfelderinnen.

Dann spricht die Deutsche Silvia Brennemann von der Initiative „Demokratie statt Integration“. Sie spricht nervös und hechelnd und emphatisch – und nur vom Blatt.

Frau Brennemann ist ernst zu nehmen, sie kommt aus Duisburg-Marxloh, dem Kiez von Wallraffs Dieselstraße, die Ecke gegenüber der Kiez Kreuzkölln ein Paradies ist.

Und keine Sau versteht sie. Jedenfalls akustisch. Und hier und heute.

Ideentechnisch weiß man jedenfalls, das die Jeanne d’Arc von Duisburg-Marxloh auch auf seltsamen Baustellen rumfuhrwerkt.

Denn die Sache mit der Islamfeindlichkeit, derer die Frau Brennemann gemeinsam mit „Zusammen kämpfen“ zu bekämpfen ihr Herzblut ist —

die Nummer riecht natürlich.

Islamfeindlichkeit?

Was soll der Mumpitz?

Geht es der Aufklärung nicht um Unfreundlichkeit in der Äquidistanz zu allen Religionen?

Ich fürchte, am Ende wird die betroffene Frau Brennemann womöglich noch im virtuellen Muslim-Markt als Kopftuch-Mädchen verschachert werden.

Als nützliche Idiotin.

Das winzigkleine lokale Label „Zusammen kämpfen“ bleibt aber weiterhin eine Chimäre.

Wer es in Duisburg-Hochfeld, einem Stadtteil mit demographischen Immigrantenüberhang nicht schafft, die Leute in die Hufe, auf die Straße und auf den Platz zu kriegen,

angesichts des rassistischen Norweger Attentates,

der sollte sich weiterhin dort bewegen,

wohin er passt:

Ins Akademikerviertel Duisburg-Neudorf. Erstmal schwätzen.

Drama. Schluß.

Unser Gastautor Thomas Meiser ist Ethnograf und Journalist, er lebt vielleicht sogar Duisburg-Hochfeld. Meiser war kurzzeitig Mitherausgeber und Berater von Xtranews.

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