Kuhls Kolumne: STANDARD & KULT

Angekündigt hatte ich „Kultur im Kollaps – Wahn und Sinn in Duisburg“, einen „Talk im Jazzkeller“ – als Commandante der Revolution in Duisburg. Stattgefunden hat Walpurgisnacht „skurill, rührend und mit viel Herzblut gemacht“ – so Gerd Herholz vom Literaturbüro Ruhr. Rausgekommen ist die neue Initiative „Standard & Kult“, die als Avantgarde des Duisburger Aufbruchs demnächst Ratings und Kultur für den Wiederaufbau unserer am Boden liegenden Stadt bereitstellen wird.

Meine Idee von der historischen Münchener Künstler-Revolution heute in Duisburg – viele haben geunkt – hat geklappt. Einer der abgefahrensten Abende meines Lebens – mit Menschen, die zu Freunden wurden. Im Underground, im Djäzz, Greenwich Village unter der Börsenstraße mit der Jazz-„Sommerzeit“ von Eva Kurowski. Weltkulturhauptstadt Duisburg – wer hätte das gedacht?

Geburtswehen

Eigentlich hatte ich einen sokratisch gedachten ordentlichen Themen-Talk (talkamdellplatz.de) machen wollen. Für den 30.März im Hundertmeister hatten Herholz, Kurowski und Kulturdezernent Janssen zugesagt, doch HM-Geschäftsführer Reifenberg zog aus Angst, möglicherweise irgendwelche Rathaus-Assis zu verprellen, zurück. Es gab Krach im Umfeld und das Dellplatz-Orchestra kam nicht in die Pötte.

Dann plante ich mit dem Djäzz, erklärte mich zwischenzeitlich zum Oberbürgermeister-Kandidaten, und wollte als Revolutionär das Hundertmeister besetzen, als dieses in Insolvenz geriet und aufgrund fehlender kultureller wie politischer Kompetenz ohne Rückhalt in der Bevölkerung von der Pleite-GEBAG einem geschickt verhandelnden Kapitalisten zugeschustert werden sollte. Das aufscheinende Zeitfenster von drei Tagen war zu knapp oder die Szene und DU-It-Yourself zu träge.

Es hat einen Flashmob mit Spontandemo gegeben, das Plakat „Kulturraubstadt 2011“ hing noch einen Tag an der Fassade und die WDR-Lokalzeit brachte einen Mini-Bericht neben einem Mega-Teil zu einem Märchen-Festival am Niederrhein. Die erste Barrikade hatte zur Folge, dass Szenen miteinander ins Gespräch kamen, die vorher noch nicht mal voneinander wussten.

Dornröschen schläft – Unken unken – Versager versagen

Mein Statement in die WDR-Kamera hat der Volksempfänger wohlweislich unterschlagen – genauso wie bisher noch niemand in der konventionellen Presse der faulenden Stadt über meine OB-Kandidatur berichtet hat. Kann man den Schnarchsäcken auch nicht verdenken, dass etwas, was sie erst seit drei Wochen wissen, nicht mehr aktuell ist. Andere Untertanen hatten schon früher resigniert und konnten nicht mehr an das glauben, wofür sie früher einmal gekämpft hatten. Und die Wadenbeißer waren auch schon da…

Dann hatte ich Janssen wieder angefragt ohne ihm zu verschweigen, dass ich kandidiere. Schon nach neun Tagen sagte seine Bürokraft ab; er hat Schiß und sein Büro funktioniert nicht. Reifenberg, der im Absturz lichte Momente von Engagement gezeigt hatte, sagte ab und DU-It-Yourself brauchte eine Woche um abzusagen. Datt iss Düsburch…

Zurückgeworfen auf die wirklich wichtigen Leute blieb ich bei den beiden Säulen Herholz und Kurowski, fragte meinen alten Singer-Songwriter-Freund Wolle Verbal und meinen Sponti-Kumpel Rolf Karling, der als Sauerland-Ketchup-Attentäter Berühmtheit erlangte, obwohl er mit „Bürger für Bürger“ etwas viel Größeres und viel Wichtigeres für die Armen aufgebaut hat.

Mich erreichten Mails meines Freundes und PEN-Literaturpreisträgers Alexander „Sascha“ Nitzberg, der mir mitteilte, dass er inzwischen nicht mehr in Düsseldorf – sondern „im wunderschönen Wien“ wohne – und Goran schrieb „Freut mich zu sehn; dass du noch Hummeln im Arsch hast!“

Provokation – Debatte – Diskussion – Gespräch

Die Situation am Abend spiegelte genau das wieder. Es kamen die, die ich mir gewünscht hatte. Keine Offiziellen, keine Dummies. Wolle Neikes schickte mir ne SMS – die ich erst später las – er liege im Bett und es gehe ihm schlecht, Sponti Karling war so spontan, nicht zu erscheinen.

Nach einem kurzen Auszug über hellenistische Trinkgebräuche aus Platons Symposion verlas ich das Manifest, das ich der Presse im befreiten Hundertmeister als Commandante hätte geben wollen, um dann mit Mühsams „Revoluzzer“ das Spannungsverhältnis zwischen dösendem Spießertum und Revolution auf Duisburger Dialektik aus Abwahlinitiative und Lethargie zu lenken.

Heine dachte an Duisburg in der Nacht, Marlene hatte noch einen Koffer in Köln, Kinski pornovozierte sein Publikum, Guevara war durchs Patronenzählen abgelenkt, noch so n Alter Ego hat mit meiner Gitarre und Walter Krebs an der Bluesharp noch „Guilty“ und „Lovesick Blues“ durchgezogen, bis Gerd Herholz mit seinem grandiosen „Alleinstellungsmerkmal“ den Horizont klarstellte und die Anwesenden in eine grundsätzliche Diskussion über Kultur im Kapitalismus bis Fördertöpfe in bankrotten Städten zog und Eva subkulturell-autonome Selbstveranstaltungsmuster thematisierte, wobei sich der zweite Teil, die Podiumsdebatte, zunehmend in den dritten, die offene Diskussion, travestierte.

Wir saßen dann an den Tischen auf der Tanzfläche und gaben „Butter bei den Fisch“. Einig darüber, jetzt was zu tun, haben wir uns auf die Initiative verständigt, den Namen gefunden, Details geklärt und mit dem Wirt Ercan darüber gesprochen, einen regelmäßigen Termin im Djäzz ins Auge zu fassen.

Revolutionäre Zelle

Trompeten-Mojo vom Fifty-Fifty und Eva – die beiden Einzigen, auf die ich mich auch in Sachen HM-Besetzung hätte verlassen können – stehen da neben einem kulturaffinen bürgerbewegten Banker, einem zahlungsfähigen Anarchisten, einem Verwaltungsangestellten, einer Objekt-Künstlerin und etlichen mehr.

Die Münchener Kulturrevolutionäte würden in ihren Gräbern jodeln – wenn sie noch könnten. Duisburg hat angefangen, sich ausse Scheiße zu wühlen. Achtung Baustelle! Nach Underground kommt Boden unter die Füße.

Vamos!

Selten war ich so wenig Commandante. Wir haben noch Stunden an der Theke diskutiert, Eva zum Bahnhof gebracht, im Gräfen mit Nicole und ihren Gästen drüber geredet, um dann im Why Not zu versacken – wo ich nächste Woche Freitag, 22.7., das LOVE NOW!, ein Woodstock für Alle mit vielen Duisburger Musikern, mache. Dort wird man sicher auch den einen oder die andere von STANDARD & KULT kennenlernen.

Danke Duisburg!

Ich möchte hiermit meinen alten Kommilitonen Gerd Herholz recht herzlich drücken, Eva Kurowski in sprachloser Ehrerbietung die Füße küssen, Ercan für seine sprichwörtlich-kurdische Gastfreundschaft danken und allen, die diese rauschende revolutionäre Ballnacht mitverbrochen haben, sei es der Kontrabassist Ralf Wissdorf von Feine Räder oder der Schlagzeuger Jörg Meier von TonArt, der uns die Anlage transportiert hat, oder wer auch immer…

Risiken und Nebenwirkungen

Ich kann mich noch immer an ganze Phasen des Abends nicht erinnern. Insofern ist dieser Bericht sehr subjektiv. Habe auch den Video-Film noch nicht gesehen. Selten soviel Spaß gehabt.

Es gibt nichts Gutes – außer man tut es!

Venceremos!

PS Morgen wollen Menschen mit meinen Zugängen das HM wieder eröffnen. Ihre Verlautbarung ist ein Teil-Plagiat meiner Texte. Schon bei der RAF haben wir uns über eine virulente Unterstützerszene gefreut. Ich bin begeistert von dem Gedanken, dass es junge Menschen gibt, die meine Ideen verwirklichen. So hat auch meine erste Barrikade geklappt. Danke DUItyourself!

3 thoughts on “Kuhls Kolumne: STANDARD & KULT

  1. Na ja, wenn Sie, Herr Kuhl, denn Mal wieder nüchtern sein sollten, werden Sie sicherlich nähere Informationen zu Ihrem Projekt „Standard und Kult“ in`s Netz stellen.

    Bis dahin werden wir „Spießbürger“ wohl noch ein bischen auf dem Sofa rumlümmeln müssen.