Loveparade-Tragödie: „Die Trauer ist jeden Tag da, sie bleibt“ – Gespräch mit den Eltern des verstorbenen Eike Mogendorf

I.

Am Morgen des 24.7.2010 machte sich der 21-jährige Politikstudent Eike Mogendorf aus dem zwei Fahrtstunden entfernten Osnabrück, zusammen mit einigen Freunden, auf den Weg nach Duisburg. Sie wollten einen tollen Tag auf der Loveparade erleben. Spaß haben, tanzen, Musik hören, wie tausende anderer junger Menschen an diesem Tage auch.

Am Ende des Tages war Eike Mogendorf tot.

Eike wurde eines der 21 Opfer des Loveparadedramas.

In diesem Monat, am 25.2., hätte Eike seinen 22. Geburtstag feiern sollen. Diesen Tag werden seine Eltern ohne ihn verbringen müssen.

Die Berichterstattung hat sich mittlerweile auf die juristischen und politischen Aufarbeitungen der Katastrophe verlagert. Unwürdiges Gezerre um Verantwortlichkeiten oder der Skandal um ein Plagiat einer angedachten Gedenkstätte, wie auch die, zumindest moralisch, fragwürdige Rolle des Stadtoberhauptes Adolf Sauerland bestimmen seither die Nachrichten, wenn es um die Loveparade 2010 geht.

Diese Fragen, ob juristisch oder politisch, werden irgendwann einmal gelöst sein oder ad acta gelegt werden. Für die Angehörigen der Toten von Duisburg wird es nie eine Antwort auf ihre Frage nach dem WARUM geben.

Eikes Eltern hatten sich an diesem Tag gegen Nachmittag selbst aufgemacht, einen schönen Abend zu verbringen. Sie wollten zum Stadtfest, als die Großmutter von Eike ihnen mitteilte, dass es Tote auf der Loveparade gegeben hätte. Die Eltern kehrten um und versuchten ab diesem Moment verzweifelt ihren Sohn auf seinem Handy zu erreichen. Das sie ihn nicht ans Telefon bekamen, erklärten sie sich damit, dass es wohl dort zu laut sei. Gegen 20 Uhr rief ein Freund ihres Sohnes an, der ihnen mitteilte, das Eike vermisst sei.Wenig später meldete er sich noch einmal und schilderte den geschockten Eltern, dass ihr Sohn von Sanitätern bewusstlos mitgenommen worden wäre.

Um 1 Uhr Nachts stand die Polizei vor der Tür und teilte ihnen mit, dass ihr Sohn verstorben sei.

Eike wurde schwerst verletzt in ein Duisburger Krankenhaus transportiert. Dort wurde erfolglos versucht, ihn zu reanimieren. Eike starb am 24. Juli 2010 um 18.28 Uhr im Alter von 21 Jahren.

II.

Mit dem Vater von Eike, Klaus-Peter Mogendorf, führte ich gestern ein ausführliches Gespräch. Es war mir ein Anliegen dieses Drama mit 21 toten jungen Menschen auf eine persönliche Ebene herunter zu bringen um darzustellen, welches Leid über viele Menschen gekommen ist.

Etwa 2-3 Wochen nach dem Tod ihres Sohnes erreichte die Eltern Post aus Duisburg. Das behandelnde Krankenhaus stellte 10 Euro für die Selbstbeteiligung in Rechnung. Die Behandlung ihres Sohnes am 24.7.2010 von 18.10 Uhr bis 18.28 Uhr musste umgehend beglichen werden. Die Bürokratie der Stadt Duisburg und ihrer Organe funktionierte bestens. Die Mutter von Eike zahlte das Geld ein und schrieb in den Betreff „Für meinen toten Sohn!“. Ein Vorkommnis, welches sprachlos macht.(siehe Dokumente unter dem Text).

Schon hier ist das Versagen der Stadt und ihrer Behörden im weiteren Verlauf der Aufarbeitung der Loveparadekatastrophe offenbar geworden.

Eikes Eltern erwarten nichts von Duisburg. Mit ihrer Trauer, die auch ihr Leben jäh verändert hat, sind sie allein. Was sie aber erwarten, ist, dass es endlich eine Gedenkstätte am Ort des Geschehens, am Tunnel in dem das Drama stattfand, gibt. Und das endlich Verantwortung für das Geschehene übernommen wird.

Klaus-Peter Mogendorf ist es wichtig an dem Ort zu trauern, an dem sein jüngster Sohn sein Leben lassen musste.Und das betont er ausdrücklich. Er war zusammen mit seiner Frau Stefanie am Heiligen Abend an diesem Platz um ihrem Sohn zu gedenken. Und beide Eltern verstehen nicht, dass es immer noch keine Gedenkstätte für die Toten der Loveparade gibt.

Die Verantwortlichen der Stadt Duisburg mögen zum business as usual übergegangen sein. Die Eltern der toten Kinder werden das nie können. Auch bei dem zentralen Thema „Gedenkstätte“ wird das kollektive Versagen der Duisburger zuständigen Personen und politisch Handelnden offenbar.

Trost finden Stefanie und Klaus-Peter Mogendorf im persönlichen Gespräch zu anderen betroffenen Eltern. Besonders herzlichen Kontakt haben sie zu einem holländischen Elternpaar, deren Sohn Jan Willem ebenfalls bei der Katastrophe sein Leben verlor und auch zur Mutter der jungen Giulia aus Italien, die auch an diesem Tag in Duisburg verstarb. „Diese Gespräche geben uns Kraft und tuen uns gut“, sagt Klaus-Peter Mogendorf.

Verarbeitung des Verlustes findet auch im Angehörigentreff der evangelischen Notfallseelsorge in Duisburg statt, wie Herr Mogendorf erwähnt. Beim nächsten Treffen am 19. und 20.2. 2011 wird er wieder die Gelegenheit haben mit der Ministerpräsidentin von NRW, Hannelore Kraft, zu sprechen. Die Anteilnahme der Ministerpräsidentin erwähnt er dabei lobend.

Herr Mogendorf weist auch in unserem Gespräch darauf hin, dass es im Mai dieses Jahres ein Treffen mit Bundespräsident Wulff geben wird, der sich der Aufarbeitung der Tragödie ebenfalls sehr angenommen hat. Eike hatte zusammen mit dem Neffen des amtierenden Bundespräsidenten das Abitur gemacht und Familie Mogendorf wohnt nicht weit entfernt vom Privathaus des ehemaligen Ministerpräsidenten Wulff.

Herr Mogendorf engagiert sich zusammen mit der Duisburger Organisation „Never forget“ weiterhin in Duisburg darum, dass den trauernden Hinterbliebenen der Opfer der Loveparade endlich ein würdiger Ort für ihre Trauer in Form einer Gedenkstätte gegeben wird. Dabei hoffen die Angehörigen auf die Unterstützung vieler.

„Die Trauer ist jeden Tag da, sie bleibt. Und so ein Unglück darf sich nie wiederholen“, sagt Klaus-Peter Mogendorf zum Ende unseres Gesprächs.

Den Schmerz über den Verlust ihres Kindes, und auch die Trauer des älteren Bruders von Eike, wird ihnen aber niemand nehmen können.

14 thoughts on “Loveparade-Tragödie: „Die Trauer ist jeden Tag da, sie bleibt“ – Gespräch mit den Eltern des verstorbenen Eike Mogendorf

  1. Die Rechnungsgestellung incl. der Mahnung des Krankenhauses ist interessant.
    Die Rechnung geht an den Vater von Eike, wobei ich mich frage ob Eike nicht seine eigene Chipkarte vorlegte und in dem Mahnbrief, der zudem ohne Datum ist, wird, obwohl der nicht als Patient vor Ort gewesene Vater als Patient angesprochen. Das nenne ich peinlich, auch dann nenne ich es peinlich wenn es sich bei den Mahnbriefen um Standartvordrucke handelt.
    Etwas mehr Fingerspitzengefühl wäre hierbei wohl angebracht gewesen.

    Ich wünsche den Eltern weiterhin Kraft, Mut und Tapferkeit in der Aufarbeitung ihrer Trauer.

  2. Hätte heißen müssen: wobei ich mich frage ob Eike nicht seine eigene Chipkarte mit hatte und sie somit in seinen Ausweispapieren zu finden war.
    Vorgelegt ist bei diesen bitteren Umständen natürlich nicht möglich gewesen.

  3. Wenn ich heute an anderer Stelle lese, dass Krieger auf dem Gelände seine Ambitionen für seine Pläne zurückzieht, könnten sich Möglichkeiten ergeben, eine würdige Gedenkstätte zu konzipieren. Unter Einbeziehung der Treppe und der Rampe. Vielleicht machen sich untere und obere Denkmalschutzbehörden neue Gedanken. Nach den abschlägigen Bescheiden. Ich könnte mir ein ganzes „Gedenkengelände“ vorstellen. Etwas, was das Gedenken an die Toten zulässt, die Toten der LoPa und die Toten am Ende des zweiten Weltkrieges, Gedenken an die Mitmenschen, die an dieser Rampe und diesem Bahnhof in Konzentrationslager geschickt wurden. Das könnte Würde in Duisburg wiederherstellen, die seit Monaten zerstört wird.

  4. Marion Pätzold Fr, 04 Feb 2011 at 14:30:32 -

    Danke, Herr Obens für diesen beeindruckenden Artikel! Ihre Artikel
    und Berichte gehören für mich seit langem zum besten, was auf Xtranews
    veröffentlicht wird.
    Es ist wichtig, das dieses Drama auch endlich mal aus der Sicht der
    Angehörigen erzählt wird.
    Bleiben Sie bitte bei diesem Thema auch weiterhin am Ball!….
    Den Eltern von Eike wünsche ich alles Gute!