Loveparade: „Die Polizisten waren nur Beobachter und die Ordner total überfordert.“

Cornelia Hesse, Anwohnerin und Augenzeugin Karl-Lehr-Straße, vor den östlichen Vereinzelungs-Einlassschleusen in Neudorf

Frau Hesse, Sie haben den 24. Juli 2010 noch sehr gut in Erinnerung, haben über 400 Fotos von ihrem Fenster aus gemacht. Wie voll war es vor Ihrer Haustür?

Cornelia Hesse: Ich dachte die Straße würde aus allen Nähten platzen. Ich war überrascht, dass es dort keine größeren Verletzungen gab, denn der erste Verletzte wurde bereits um 12:58 Uhr mit einer Trage von den Sanitätern vor meiner Haustür weggetragen!

In welchem Zeitraum machten Sie Ihre Beobachtungen?

Cornelia Hesse: Von morgens 11 Uhr bis Nachts lange nach dem Unglück.

Wurden die Besucher durchgelassen oder stauten Sie sich?

Cornelia Hesse: Anfangs wurden Sie noch durchgelassen. Die Ersten passierten bereits um 12:05 Uhr die Schleusen. Auch dort gab es schon enormen Andrang, sodass es sich staute.

Bis wann herrschte diese Situation vor?

Cornelia Hesse: Auch die erste Öffnung konnte den Druck von hinten nicht lockern, da die Menschenmassen von zwei Seiten nachrückten und die Absperrungen kein Ausweichen möglich machten.

Was taten die Ordner, was die Polizisten? Wie ging man vor, arbeitete man zusammen?

Cornelia Hesse: Meines Erachtens gab es keinerlei Zusammenarbeit. Die Polizisten waren nur Beobachter und die Ordner total überfordert.

Wie war es dann ab 15.30 Uhr?

Cornelia Hesse: Ab 15:20 Uhr sah ich schon die ersten Rückkehrer vom Gelände kommen. Der Andrang an den Schleusen war extrem dicht, obwohl die Schleusen offen waren.

Gegen circa 15.40 Uhr, so sagen Sie, geschah etwas Ihnen völlig Unverständliches. Was war das?

Cornelia Hesse: Die komplette Polizei rückte ab! Es waren dann nur noch die völlig überforderten Ordner da. Aber auch schon davor fuhren die ersten Polizisten mit ihrem Mannschaftswagen, einem Polizeibus weg. Dieser Wagen stand direkt unter meinem Fenster. Die Polizisten hatten darauf gesessen, hinter dem Zaun.

Sahen Sie, wohin die Polizisten fuhren und gingen?

Cornelia Hesse: Richtung Tunnel. Wohin der Wagen fuhr, konnte ich nicht sehen.

Sämtliche Polizisten wurden dort abgezogen, um Blocksperren bzw. Ketten in den Tunneln und auf den Rampen zu bilden. Kehrten sie zurück?

Cornelia Hesse: Ich bemerkte sie erst wieder als der erste Krankenwagen um 17:26 Uhr vorbei musste und in den Tunnel fuhr.

Angeblich sollten die Polizisten, die sich entfernten, ersetzt werden durch neue. War das so?

Cornelia Hesse: Ich sah keine mehr bis 17.30 Uhr, als man anfing alles aufzulösen.

Sie sahen, wie sich die Menschen durch die Schleusen quetschten. Wie war das für jene, die an den Hauswänden lang zu gehen hatten, wie eng war es dort? Konnten Sie das sehen?

Cornelia Hesse: Mir war schon beim Anblick schlecht. Ich war froh, nicht in der Haut dieser Leute zu stecken. Es gab bestimmt Abschürfungen und Verletzungen.

Wurden zu viele auf einmal durch die Schleusen gelassen, oder waren diese ganz offen?

Cornelia Hesse: Anfangs wurden noch in Intervallen die Schleusen geöffnet, aber ab 16:15 Uhr war der Druck dann von hinten so hoch, dass es keinen Ausweg mehr gab und die Schleusen sogar überklettert wurden! Danach waren die Schleusen ganz offen.

Stellte das Hindurchgehen vielleicht ein Fluchtweg dar, weil es davor viel zu voll war?

Cornelia Hesse: Definitiv ja!

Haben Sie Ihre Beobachtungen der Ermittlungsgruppe Loveparade von der Kriminalpolizei Köln oder der Staatsanwaltschaft Duisburg berichtet? Vernahm man Sie als Zeugin?

Cornelia Hesse: Nein, mich vernahm man nicht als Zeugin, was mich sehr verwundert hatte, da man mich mit den Aufnahmen zur Polizeidienststelle Düsseldorfer Straße bestellt hatte und mir nur die CD ohne Kommentar aus den Händen nahm und mich dann sofort wieder gehen ließ. Die haben mich nichts gefragt. Seitdem habe ich weder was von Köln, die auch von meinen Aufnahmen wussten, noch von Duisburg irgendetwas gehört!

Dass die Polizisten abrückten, ist inzwischen kein Geheimnis mehr, ist also auch die offizielle Version. Wem hatten Sie denn von Ihren Beobachtungen und Ihren Aufnahmen erzählt gehabt und wer hatte Sie dann zum Polizeipräsidium bestellt?

Cornelia Hesse: Ich hatte zuerst mit der Duisburger Polizei telefoniert und ein paar Tage später mit der Kölner Ermittlungsgruppe.

Bei youtube konnte man wiederholt lesen, dass einige Leute angeblich telefonisch von der Kriminalpolizei dazu aufgefordert wurden, Zeugenaussagen zu machen, also telefonisch, sofort, jetzt und hier, was keineswegs üblich ist. Jede Zeugenaussage hat persönlich zu erfolgen, muss von dem Zeugen gegengelesen, kontrolliert und von ihm unterschrieben werden.

Sehr eigenartig ist allerdings, dass es von den Schleusenbereichen – vor allem von den östlichen in Neudorf – so gut wie keine öffentlichen Aufnahmen gibt, weder Fotografien noch Videos, auch nicht auf youtube oder anderen Foto- und Videoforen. Sie sind daher eine wichtige Augenzeugin, dazu mit Fotomaterial, da die meisten an dem Tag entweder nicht da waren, keine adäquate Sicht hatten oder sich bei Kripo bzw. Staatsanwaltschaft nicht gemeldet haben, obwohl sie u.U. wichtige Zeugen sind.

Es heißt allerdings, dass Videoaufnahmen und Fotografien vor Gericht keine Beweise darstellten, nicht nur, weil sie zeitlich oft nicht einzuordnen sind, sondern auch weil sie angeblich leicht zu manipulieren seien. Sagte man Ihnen Derartiges als Sie Ihre Foto-CD abgaben?

Cornelia Hesse: Nein. Die Ermittlungsgruppe Loveparade erhoffte sich durch die Aufnahmen einen besseren Überblick über das Geschehen an den Schleusen (östliche Eingangs-Vereinzelungsschleusen, Beginn des Veranstaltungsgeländes, Anm.d.Red.).

Sagte man Ihnen das?

Cornelia Hesse: Nein, das erzählte man mir nicht.

Gerade weil Sie eine wichtige Augenzeugin sind, hätte man Sie eigentlich vernehmen müssen. Was ist Ihre Erklärung für dieses Versäumnis?

Cornelia Hesse: Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Aber meiner Meinung nach wollte man wahrscheinlich nicht all zu viel über die Versäumnisse der Veranstalter bzw. der Polizei wissen.

Ich möchte noch etwas anfügen: Schon als ich am Vortag sah, dass Zäune aufgestellt werden, hatte ich Magenschmerzen und dachte mir, dass dies nie und nimmer gut gehen würde.

Man kannte ja die Bilder von Berlin, dort waren alle Wege offen, sodass die Masse ausweichen konnte.

Der Gedanke, dass ich eventuell die letzte Person bin, die die Verstorbenen sieht und vermutlich auf den Fotos festgehalten hat, lässt mich seitdem nicht mehr ruhen.

Ich muss jeden Tag durch diesen Tunnel, laufe jeden Tag am Unglücksort, an der provisorischen Gedenkstätte mit den Lichtern vorbei und werde jeden Tag an den 24. Juli erinnert. Ich schaue aus dem Fenster und sehe auch dann jeden Tag den Tunnel, wo heute unberührt täglich der Autoverkehr vorbei rauscht. Ein beklemmendes Gefühl sag‘ ich Ihnen.

Die Stadt Duisburg ist nicht nur zu feige die Verantwortung zu übernehmen, sondern auch noch zu geizig, den Verstorbenen am Unglücksort eine angemessene Gedenkstätte (z.B. einen kleine Kapelle) zu widmen!


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