Duisburg: Horst Wackerbarth zur Veranstaltung mit Thilo Sarrazin im Lehmbruck Museum

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In der Presse halten sich hartnäckig Behauptungen, die nicht stimmen. Wer schreibt hier von wem ab, ohne zu recherchieren? Im Einzelnen:

1. Die Ausstellung „Here & There“ sei erfolglos, die Sarrazin-Veranstaltung solle deshalb Aufmerksamkeit generieren.

Das Ruhr2010-Projekt „Here & There“ ist eines der fraglos Erfolgreichen im Kultur-hauptstadtjahr. Es hatte eine herausragende Resonanz in der Presse. Die Vernissage im Lehmbruck Museum verzeichnet annähernd 1000 die Sarrazin Veranstaltung etwa 200

Besucher. Zahlreiche Menschen aus der Region besuchen das Lehmbruck Museum eigens um „Here & There“ zu sehen. Mehr kann ein Porträtwerk in einem Museum nicht leisten.

2. Sarrazin einzuladen wäre die Idee von Wackerbarth.

Die Idee wurde von Raimund Stecker, Lehmbruck Museum, während eines Meetings zur Vorbereitung der Ausstellung schon im September vorgetragen. „Deutschland schafft sich ab“ war gerade erschienen, die Ausstellung „Here & There“ noch in der Vorbereitungsphase. Ich habe den Vorschlag aufgenommen, da ich die Idee einer Gegenüberstellung zweier Konzepte, die unterschiedlicher nicht sein können, spannend fand und grundsätzlich immer noch finde.

3. Wackerbarth hätte „Deutschland schafft sich ab“ nicht gelesen.

Ich war einer der wenigen unter den Sarrazin-Gegnern und den Verantwortlichen der das dröge, langweilige Buch gelesen hat (ich habe nichts gelernt und keine Erkenntnis gewonnen). Ob Eva Hermans „Eva Prinzip“, Olaf Henkels „Rettet unser Geld, Deutschland wird ausverkauft“, Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“, all diese „Bestseller“ sind nach den gleichen Mustern gestrickt. Statistiken und Faktenlage führen zu abstrusen Schlussfolgerungen, zu Bedrohungsszenarien, die Stammtische begeistern. Gezielte Provokation soll Auflage schinden! Die Sarrazin-Ausführungen zu Demografie: Nichts Neues seit Schirrmachers „Methusalem Komplex“, zur Bildungspolitik: Pisa rauf und runter, zur Soziobiologie: Schlussfolgerungen aus willkürlich gewählten und wissenschaftlich nicht eindeutig belegten Studien. Das Buch verschafft der „Vox Populi“ ungeahnte Geltung ohne jegliche Erkenntnis zu befördern.

Frage: Warum hatte sich Thilo Sarrazin eigentlich nicht mit der Buchpublikation „Here & There“ beschäftigt, die ihm seit September vorlag?

4. Ablauf einer vom Lehmbruck Museum dilettantisch vorbereiteten Veranstaltung.

Es war verabredet, unter der Moderation von Prof. Raimund Stecker, Lehmbruck Museum, die Modelle "Deutschland schafft sich ab" und "Here & There" auf Augenhöhe gegenüber zu stellen. Nach den Vorfällen bei den Lesungen in Düsseldorf, Köln und bei einem Eintrittspreis von 15 € war mit einer Mehrheit der Sarrazin-Fans zu rechnen. Das erforderte eine stringente, strukturierte Diskussionsführung. Außer einer wenig zielgerichteten Anmoderation erfolgte keine neutrale Einführung in die sich diametral gegenüber zu stellenden Konzepte, keine geordnete Diskussionsleitung (vielmehr ein Machtkampf zugunsten der Lautesten, keine Intervention bei offensichtlichen Beleidigungen). Stattdessen tauchte der Museumsdirektor ab und überredete, Minuten vor der Diskussion, Kulturdezernent Karl Janssen auf der Couch Platz zu nehmen, der völlig unvorbereitet, gar nicht wusste wie ihm geschah, sich aber tapfer zu schlagen wusste. Damit wurde das Museum zur Bühne für Verbitterung und Hass. Und der Demagoge Sarrazin lief zu Hochform auf: „Moslems raus“, „Afrika kann von der Weltkarte verschwinden“ und der kluge Redebeitrag eines Professors der Uni Essen/Duisburg wurde sofort lautstark als intellektuell diffamiert. Eigentlich hat nur gefehlt, dass die Anwesenden „Sarrazin statt Muezzin“ skandieren.

Ich habe viele Jahre im Ausland verbracht und eine kosmopolitische Sicht auf die Welt entwickelt. Diese „Deutschtümmelei“ hat mich zutiefst (fremd) beschämt.

Ich füge meiner Stellungnahme den Erlebnisbericht eines Gymnasiasten aus Essen an:

Ich als 17jähriger Schüler bin heute, einen Tag nach dem Auftritt, noch völlig fassungslos. Ich habe als Deutscher den Glauben in mein Volk mit dem gestrigen Abend verloren.

Über 1 Millionen Bücher hat Sarrazin verkauft. Seine Intention, dieses Buch zu schreiben und diesen Rechtspopulismus zu betreiben, kennt wahrscheinlich bis heute nur er selbst.

Angst macht mir nicht Sarrazin, sondern die Masse, die er bewegt. Gestern Abend ist mir schnell klar geworden, nachdem man einige Kommentare aus dem Publikum gehört hatte und einige absolut unsinnige Beiträge mit vollem Applaus gelobt wurden, wie ein Diktator wie Adolf Hitler die Macht ergreifen konnte. Auch heute 2010 scheint die rassistische Ader noch immer tief in der deutschen Bevölkerung verankert. Und das erschreckende ist hierbei die soziale Schicht. Nicht der Langzeitarbeitslose, dessen Stelle heute vielleicht ein türkischer Mitbürger inne hat, saß dort im Publikum – sondern der deutsche Mittelstand. Rentner, bei denen die Brutalität des zweiten Weltkriegs und die Diktatur Hitlers tief im Kopf sitzen sollten.

Es scheint als hätte diese Generation, finanziert mit guten Renten (ich werde keine hohe Rente mehr haben), auch aus 9 Millionen Toten nichts, aber auch gar nichts gelernt.

Stammtisch Parolen wie „Afrika soll sich selber helfen – wir haben ja auch immer angepackt“ zeigen, dass die Wenigsten der Anwesenden eine ernsthafte Debatte führen wollten. Nach der Diskussionsrunde habe ich mit einem ehemaligen Duisburger Bürgermeister (CDU) diskutiert. Dessen Argument, die Vergasten wären keine Deutschen gewesen, war schier unfassbar.

Man sieht lieber weg oder sucht sich einen Feind der sich nicht wehren kann, als über eigene Fehler in der Integrationspolitik nachzudenken und ernsthaft daran zu arbeiten.

Sarrazin sollte merken, was er da anrichtet. Er zieht die Massen mit Zahlen und Statistiken, hinter denen Menschen wie du und ich stecken, auf seine Seite – und ein verwöhnter, deutscher Mittelstand versteht die Probleme dieser Welt nicht, möchte –die Globalisierung ignorierend- eine Festung um die Blumenwiese Deutschland bauen. Den Muslimen soll die Schuld für alle Missstände gegeben werden.

Angst macht mir die Dummheit eines Volkes, das sich von einem Populisten wie Sarrazin und ein paar Statistiken zu Rassisten machen lässt und das Sarrazin zum Anlass nimmt, seine rassistischen Denkstrukturen zu äußern.

Wenn das die Stimme meines Volkes ist, möchte ich nicht zu diesem Volk gehören.

Mir ist jeder türkische Migrant lieber, als diese egoistische und einfach dumme deutsche Stammtisch-Mentalität. Die wahren Gegner der Integration, die wahren Bremsen Deutschlands, der wahre Feind – saß gestern im Publikum und hat gegrölt.

Stellen wir uns vor, jemand wie Sarrazin, ein kalter Beamter und Bürokrat, der Menschen als Humankapital bezeichnet und Afrika als unnütz ansieht, würde in Zeiten auftauchen, in denen es Deutschland richtig schlecht ginge . In Zeiten der globalen Finanzkrise und der Massenarbeitslosigkeit würde so ein Mensch Deutschland geradewegs in die nächste Rechtsdiktatur führen.

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2 thoughts on “Duisburg: Horst Wackerbarth zur Veranstaltung mit Thilo Sarrazin im Lehmbruck Museum

  1. Herr WACKERBARTH ! Islamgegnerschaft ist weder Deutschtümelei, wie kein Rassimus !
    Protest und Kritik gegen eine unterdrückende und manipulierende Doktrin und kulturalistisch-werterelativierende Politik, genauso wie gegen Religion – sehr breit und beliebt wieder 2010 gegen die katholische ! – ist Basis jeglicher Freiheit und Erhaltung eines Freistaates ( Republik) überhaupt.
    — Ihr „Erlebnisbericht“ eines Schülers ist keiner und keine sachliche Kritik, sondern — unter Ausnutzung von Fehlern Einzelner und einer nicht rein-schulisch-sachlichen Stimmung —
    eine einzige ideologisch manipulative Anklage, die auf emotional aufwühlende Unterdrückung der Kritik ( „meines Volkes“, im Gleichschritt ?) , die einem nicht passt, abzielt.

    Und soetwas soll jetzt hier bei Xtranews anscheinend „vorprüfend“ oder blockierend (?) auch eingeführt werden
    ES LEBE DIE FREIHEIT