Loveparade: “Bei manchen ist selbst nach vielen Wochen Trauma therapeutischer Behandlung noch keine Besserung abzusehen.” – Interview mit Jürgen Hagemann

Herr Hagemann, Sie sind Gründer der Initiative Sammelverfahren Loveparade. Es heißt, Sie haben Ihr Engagement aufgegeben. Warum das? Was wollten Sie ursprünglich erreichen?

Jürgen Hagemann: Die ursprünglichen Ziele gelten immer noch. Das Sammelverfahren, der ursprüngliche Gedanke der Initiative, steht nach wie vor im Fokus. Es geht natürlich auch weiterhin darum, Hilfeleistungen, Schadensersatz usw. für die Opfer zu erreichen. Das ist aber bei weitem nicht unser einziges Ziel. Es gilt, Unterstützung im Einzelfall zu leisten, den Austausch der Opfer untereinander zu ermöglichen, Treffen zu organisieren und Probleme vielfältiger Art zu lösen.

Auch Effekte, die erst später als Folge der Tragödie greifen, müssen jetzt thematisiert werden. Denken Sie nur an die vielen traumatisierten Menschen, die behandelt werden müssen. Eine Spätfolge wird sein, dass vielen der Weg in Lebensversicherungen oder private Krankenversicherungen versperrt bleibt. Psychische Vorerkrankungen gelten bei den Versicherungen im Allgemeinen als KO-Kriterium. Da müssen für die mehrheitlich jungen Menschen Wege gefunden werden, diese Benachteiligungen zu verhindern. Wir arbeiten derzeit an einer dies bezüglichen Petition. Die Themen, die besetzt werden müssen, sind rasant gewachsen. Dem wollten wir Rechnung tragen. Wir haben uns daher von dem Namen Sammelverfahren, nicht aber von dem Thema gelöst.

Sie haben nicht aufgegeben. Sie machen weiter mit dem Verein Massenpanik Selbsthilfe e.V.. Weshalb all Ihre Initiative, für wen machen Sie das alles?

Jürgen Hagemann: Nun, zunächst einmal ist unsere Familie selbst betroffen. Unsere 16jährige Tochter wurde bei dem Unglück erheblich verletzt. Sie lag eine Woche im Krankenhaus, konnte in den ersten Tagen nicht laufen – saß im Rollstuhl. Danach folgte Physiotherapie. Inzwischen ist sie körperlich wieder gesund. Sie ist aber, wie viele andere, immer noch schwer traumatisiert. Sie ist immer noch in Behandlung. Das ist zunächst einmal meine persönliche Motivation.

Dann kommt natürlich dazu, dass man in die Sache hinein wächst, vieles für die Menschen bewirken kann. Ich habe zu vielen Betroffenen fast täglich persönlichen Kontakt. Das wird dann auch zur Herzensangelegenheit. Ich möchte aber sagen, dass ich nun nicht mehr alles alleine bewältigen muss. Wir haben in unserer Gruppe viele aktive Menschen, die sich selbst einbringen, die über Fähigkeiten oder Verbindungen verfügen, die uns nützlich sind. Es ist den Betroffenen ein Bedürfnis aktiv die Arbeit mitzugestalten. Das erweist sich gerade in den letzten Wochen als wertvoll. Die Arbeit verteilt sich inzwischen auf mehrere Schultern. Die Gründung eines Vereins war letztlich eine logische Konsequenz. Wir führen jetzt als Verein das fort, womit wir von Anfang an begonnen haben, erlangen aber durch eine offizielle Außendarstellung mehr Gewicht.

Wie viele Menschen zählen zu ihrer Gruppe, und was haben diese erlebt?

Jürgen Hagemann: Das muss man etwas differenziert beantworten. Ich stehe mit ca. 80 bis 90 Betroffenen und Angehörigen im Kontakt. Einige von diesen Menschen machen bei dem Sammelverfahren mit, haben aber sonst wenig Berührungspunkte zur Selbsthilfegruppe. Wenn es z.B. um körperliche Verletzungen geht, die ausgeheilt sind, brauchen oder wollen diese Menschen auch keine weiteren Angebote, wie sie für eine Selbsthilfegruppe typisch sind. Andere wiederum nehmen nicht an dem Sammelverfahren teil, sind aber in der Gruppe aktiv und brauchen die Hilfe der Gruppe. Wieder andere nutzen beides. Das genau zu beziffern ist auch für mich schwer. Das Sammelverfahren betreffend liegt die letzte offizielle Zahl, die mir bekannt ist, bei 57 Mandaten. Nehmen Sie da die Eltern oder engsten Angehörigen dazu, sind wir alleine bei dem Sammelverfahren bei 150 bis 170 Menschen.

Die Erlebnisse der Menschen sind natürlich unterschiedlich. Da gibt es die gesamte Bandbreite von leichten bis zu schwersten körperlichen und seelischen Verletzungen.

Alle gemeinsam haben vor allem den Umgang mit ihnen nach den tragischen Ereignissen als besonders schäbig empfunden.

Sie sagen, dass einige Ihren Arbeitsplatz verloren haben, sogar ihre Selbstständigkeit, z.B. ihren eigenen Betrieb aufgeben mussten. Wirkt das Erlebte also immer noch nach?

Jürgen Hagemann: Definitiv ja. Einige aus unserer Gruppe begeben sich erst jetzt in stationäre Therapie. Häufig, weil sie sich vorher lange Zeit wegen körperlicher Verletzungen in Kliniken befanden und erst jetzt mit der Aufarbeitung ihrer traumatischen Erlebnisse beginnen können. Oft haben die Betroffenen lange auf Therapieplätze warten müssen. Bei manchen ist selbst nach vielen Wochen Trauma therapeutischer Behandlung noch keine Besserung abzusehen.

Einige durchleben, bedingt durch die seelischen Verletzungen, eine echte Lebenskrise, die auch zu beruflichen Folgen geführt hat oder möglicherweise noch führen wird. Leider sind das noch nicht einmal Einzelfälle. Das häuft sich erschreckend. Aber nicht nur die beruflichen Folgen sind dramatisch. Beispielsweise leiden auch Partnerschaften und Ehen.

Stimmt es, dass sich immer noch täglich neue Menschen ihrer Selbsthilfegruppe anschließen?

Jürgen Hagemann: Nein, das stimmt so nicht mehr. Das war in den ersten Wochen so. Inzwischen sind es zwei bis drei Betroffene pro Woche, die sich uns anschließen wollen. Was nach wie vor täglich vorkommt ist, dass sich Menschen Hilfe suchend an uns wenden. Sei es, weil sie Kontakt zu dem Ombudsmann suchen, sei es weil sie Kontakt zu den Nothilfefonds suchen, zur Notfallseelsorge usw. Viele wissen nicht, was sie unternehmen müssen, um Ansprüche geltend zu machen.

Man muss 24 Euro Jahresbeitrag zahlen (ermäßigt 12 Euro), um aufgenommen zu werden. Warum das?

Jürgen Hagemann: Das war ein Punkt, über den wir uns lange beraten haben. Zunächst einmal muss ich klarstellen, dass wir alle – egal ob Vorstandsmitglied oder in anderer Weise aktiv – vollkommen ehrenamtlich arbeiten. Keiner von uns erhält irgendwelche Aufwandsentschädigungen oder sonstige Zuwendungen. In erster Linie betrachten wir den Mitgliedsbeitrag als eine Art Schutzgebühr. Unter anderem ist ein wesentlicher Teil unseres Angebotes bekanntlich der Austausch von Betroffenen in einem geschützten Internetforum. In diesem Forum sind circa 40 bis 50 Betroffene aktiv. Dieser Zahl stehen seit Anfang der Initiative circa 1.200 Registrierungen entgegen, die anderweitig motiviert waren und die wir alle mühsam durch Rückfragen herausfiltern mussten. Dies ist auf Dauer so nicht zu leisten.

Wir hoffen, durch den Mitgliedsbeitrag eine Hemmschwelle für eventuelle Trittbrettfahrer zu schaffen. Alle Einnahmen werden kurzfristig und direkt zu Gunsten der Betroffenen ausgegeben. Da arbeiten wir vollkommen transparent. Sollte sich herausstellen, dass die Höhe des Mitgliedsbeitrags, der übrigens für die gesamte Familie/Haushaltsgemeinschaft gilt, für die Betroffenen ein Hindernis darstellt sich uns anzuschließen haben wir kein Problem damit, den Beitrag auch wieder deutlich zu senken. Noch nehmen wir überhaupt keine Beiträge. Das soll erst ab 2011 greifen.

Wissen Sie von anderen Gruppen?

Jürgen Hagemann: Eine weitere Gruppe, wie wir es sind, die also die direkte Hilfe von und für Betroffene realisiert, gibt es meines Wissens nicht. Es haben sich Gruppierungen gebildet, deren Nährboden die Empörung und die politischen Verhältnisse in Duisburg sind. Andere versuchen, die Loveparade Opfer für Ihre politischen oder sonstigen Ambitionen zu instrumentalisieren. Man muss da sehr acht geben, nicht in eine bestimmte Richtung vereinnahmt zu werden. Obwohl auch wir natürlich, angesichts der Geschehnisse, nicht im politisch luftleeren Raum arbeiten, fokussieren wir ausschließlich auf die Interessen der Betroffenen.

Sie werden von der Kanzlei Baum & Reiter betreut, arbeiten mit Profis zusammen. Warum?

Jürgen Hagemann: Das ist richtig. Die Anwaltskanzlei, für die wir uns entschieden haben, gehört zu den wenigen in Deutschland, die über Erfahrungen bei Großschadensereignissen verfügen. Davon gibt es in Deutschland vielleicht eine Handvoll. Es ist, das zeigen die vergangenen Monate, sehr wichtig mit Profis zusammen zu arbeiten, die sich mit den Mechanismen nach so einer Großkatastrophe auskennen.

Aber nicht nur in diesem Bereich arbeiten wir mit Profis zusammen. So gehört beispielsweise die „Stiftung Notfallseelsorge“ zu den erfahrensten Einrichtungen im Bereich der Opfernachsorge mit Erfahrungen von z.B. Ramstein und der Tsunami Katastrophe.

Auch die Vernetzung mit „Subvenio“, dem weißen Ring für Unfallopfer, hat sich bewährt. Ein Beispiel: Eine junge Frau, schwer verletzt und traumatisiert, benötigt eine stationäre Traumatherapie. Sie wurde wochenlang aufgrund einer besonderen persönlichen Konstellation zwischen Ärzten und Krankenkassen durch unnötige bürokratische Hemmnisse aufgerieben. Es hat sich nun eine Traumaklinik gefunden, die diese Frau kostenfrei aufnimmt und behandelt. Dies entspricht sicher einem fünfstelligen Betrag. Das war letztendlich der einzige Weg aus diesem Dilemma. So etwas erreichen Sie nur, wenn Sie mit Profis zusammen arbeiten. Mein besonderer Dank geht an dieser Stelle an den „Subvenio e.V.“, ohne deren Einsatz das nicht möglich gewesen wäre.

Gibt es in der Vereinssatzung einen Passus „Verschwiegenheitspflicht“? Kann ich als Betroffene/r sicher sein, dass andere Mitglieder diskret mit dem umgehen, was sie von mir erfahren?

Jürgen Hagemann: Solch einen Passus gibt es in der Satzung nicht. Es gibt aber den Passus des vereinsschädigenden Verhaltens, welcher da natürlich greift. Wir appellieren an alle, private Dinge vertraulich zu behandeln. Für unser Internetforum existiert eine solche Regel, die auch in den Nutzungsbedingungen des Forums verankert ist.

Bekommen Sie Unterstützung, z.B. seitens Künstlern? Ist etwas in Planung?

Jürgen Hagemann: Wir stehen mit einigen Künstlern im Kontakt. Es ist geplant, im nächsten Jahr eine Charity-Veranstaltung durchzuführen.

Auch haben einige Künstler und Prominente Interesse an einer Fördermitgliedschaft gezeigt. Das ist alles noch in einem sehr frühen Stadium. Wann und mit welchen Künstlern etwas stattfindet, werden die nächsten Monate zeigen.

Herr Hagemann, wir bedanken uns für dieses Interview.

One thought on “Loveparade: “Bei manchen ist selbst nach vielen Wochen Trauma therapeutischer Behandlung noch keine Besserung abzusehen.” – Interview mit Jürgen Hagemann

  1. Antonia Colloni Fr, 21 Jan 2011 at 09:18:55 -

    Jürgen Hagemann meldet:

    „Ursprünglich war es ja geplant, ab dem 1.1.2011 Mitgliedsbeiträge zu erheben. Es hat sich in den letzten Wochen gezeigt, dass wir unsere Kosten aus Spenden decken können. Daher konnten wir für ordentliche Mitglieder (Betroffene) die Mitgliedschaft beitragsfrei halten.
    Sämtlichen Betroffenen und ihren Familien bieten wir die Mitgliedschaft kostenfrei an!

    Des weiteren möchte ich noch einmal an unseren Kongress am 5.2. im
    „Kleinen Prinz“ erinnern. Es sind noch Plätze frei!